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WIRTSCHAFTSKRIMINALITÄT Vollstrecker in eigener Sache

Ein Banker übernahm Pflegschaften und betätigte sich als Testamentsvollstrecker - und wurde mit dem Geld der Erben ein reicher Mann.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Im Sozialamt Braunschweig war Manfred Hennecke ein gern gesehener Gast. Wann immer für ältere und gebrechliche Menschen eine Pflegschaft zu vergeben war, stand der Mitarbeiter der Nord/LB bereit. Vor allem die vermögenden Alten betreute er gern. »Da konnte ich gutes Geld verdienen«, sagt der Banker freimütig.

Als Hennecke 1989 von der 80jährigen Elly Leow kurz vor ihrem Tod zum Testamentsvollstrecker ernannt wurde, fühlte er sich »wie ein Lottogewinner«. Die alte Dame hatte vier Sparkonten, Schließfach und Girokonto bei der Nord/LB. »Da fällt was ab«, sagte Hennecke dem Richter, der ihn nach seiner Motivation für seine Tätigkeit als Testamentsvollstrecker fragte.

Der Banker vollstreckte jahrelang immer wieder in die eigene Tasche. Seit Anfang Juni steht er in Braunschweig vor Gericht. Die Oberstaatsanwältin Anke Beyer-Stockhaus hat ihn angeklagt, »sich zu Lasten der Erbin aus dem Nachlaßvermögen in Höhe von mindestens 320 750 Mark selbst« bereichert zu haben. Er habe »angemessene Gagen« erhalten, verteidigt sich der Angeklagte.

Noch ein weiterer, ähnlich gelagerter Fall wird gegen ihn verhandelt. Die Kriminalpolizei hat insgesamt 62 mittlerweile meist verstorbene Personen gefunden, für die der Banker als Testamentsvollstrecker oder Pfleger eingesetzt war.

Diese Nebentätigkeiten machten ihn zum reichen Mann. Neben den Einnahmen aus den Pflegschaften und Vollstreckungen hat Hennecke, so die Ermittlungen der Polizei, zwischen 1980 und 1990 etwa 1,45 Millionen Mark geerbt. Er könne »mit weiteren erheblichen Erbschaften« rechnen oder habe diese schon erhalten. Hennecke kann sich nur »an etwa eine Mio« erinnern.

Kein Gericht und keine andere staatliche Institution kontrolliert die deutschen Testamentsvollstrecker. »Ihre Macht ist absolut«, urteilt Ludger Westrick. Macht korrumpiere bekanntlich, meint der Bonner Rechtsanwalt, »und absolute Macht korrumpiert absolut«.

Hennecke bediente sich immer wieder der gleichen Methoden, um an die lukrative Nebentätigkeit zu kommen. Im Gewand des seriösen Bankers erschlich er sich das Vertrauen solventer Senioren und nutzte deren Angst vor dem Altersheim.

Als Anlageberater bei der Nord/LB wußte Hennecke bestens über die Vermögensverhältnisse seiner Kundschaft Bescheid. Wenn er betuchte alte Menschen vor sich hatte, konnte der bullige Banker richtig liebenswürdig sein. »Aus reiner Freundschaft« erledigte Hennecke bei einer alten Dame den Papierkram, als deren Mann verstorben war. Ein Umzug stand an, die Verwandten wohnten weit weg. Also kümmerte sich der Kundenberater in seiner Freizeit darum. Wenn Gelddinge geregelt werden mußten - der Banker zeigte sich hilfsbereit. Als die alte Dame so gebrechlich wurde, daß sie regelmäßige Pflege brauchte, übernahm Henneckes Mutter persönlich diese Aufgabe.

Wenn Verwandte auftauchten, konnte Hennecke nach deren Aussagen schon mal grob werden. »Sie müssen sich schon entscheiden, ob sie den Kontakt zu mir oder zu ihr behalten wollen«, habe Hennecke eine gebrechliche Dame angeherrscht. Die habe daraufhin verschreckt den Kontakt zu der Verwandten abgebrochen.

Mit dem Braunschweiger Notar Dietrich Giffhorn arbeitete der Banker eng zusammen. Der Notar setzte das Testament auf, Hennecke vollstreckte es. Die Zusammenarbeit war für beide lukrativ. So wurden aus dem Nachlaß von Elly Leow 10 000 Mark an die Tochter des Notars überwiesen. Das sei auf Veranlassung der Erbin geschehen, sagt Hennecke. Auch der Lions Club Braunschweig, bei dem Giffhorn Mitglied war, erbte öfter mit.

Für die sonstigen Erben hatte der Testamentsvollstrecker nicht soviel übrig. Die gesetzliche Verpflichtung, nach Annahme des Amtes unverzüglich ein Nachlaßverzeichnis zu erstellen, ignorierte er gern.

Im Jahr 1991 wurde Hennecke vom Amtsgericht Braunschweig auf Betreiben einer Leowschen Erbin verurteilt, ein solches Verzeichnis zu erstellen. 1997 stellte die ermittelnde Oberstaatsanwältin fest, daß Hennecke immer noch »keine vollständigen wahrheitsgemäßen Angaben über den Bestand des Nachlasses zum Todeszeitpunkt, insbesondere zu dem Nachlaßgirokonto bei der Nord/LB, des Vorhandenseins von Sterbegeldversicherungen, Lebensversicherungen, Wertpapieren, Schmuck und Bargeld gemacht« habe.

Im Jahr 1989 hatte der Banker innerhalb von zwei Wochen die Konten der Leow bei zahlreichen Kreditinstituten aufgelöst und die Gelder auf ein Girokonto bei der Nord/LB überwiesen. 105 553,67 Mark landeten auf dem Konto seiner Frau.

Im Zuge der langwierigen polizeilichen Ermittlungen wurde 1994 auch Henneckes Büro bei der Nord/LB durchsucht. Daraufhin versetzte das öffentlich-rechtliche Institut den Anlageberater in die Immobilienabteilung. Von einer Mitverantwortung für die Aktionen ihres Mitarbeiters will das Kreditinstitut nichts wissen. Immerhin sitzen zwei Vertreter der Bank im Gerichtssaal und machen sich eifrig Notizen über Henneckes merkwürdige Methoden.

Die gerichtliche Würdigung seiner Taten kommt reichlich spät. Die meisten Opfer von Hennecke können sich nicht mehr wehren, weil ihre Fälle bereits verjährt sind oder die Ermittlungen mangels Beweisen eingestellt wurden.

Warum er immer nur Pflegschaften vermögender Klientel übernommen habe, will die Oberstaatsanwältin von Hennecke in der Gerichtsverhandlung wissen. Das stimme nicht, sagt der Banker fast weinerlich: »Manchmal habe ich nur eine Blechdose in der Wohnung gefunden.«

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