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RAUMFAHRT Von der Logik her

Die Bonner möchten die deutsche Raumfahrtbehörde nicht in Nordrhein-Westfalen ansiedeln - aus politischen Gründen. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Forschungsminister Heinz Riesenhuber galt im Kabinett des Helmut Kohl als einer, dessen Kompetenz unumstritten war. Doch nun muß auch er um seinen Ruf fürchten. Franz Josef Strauß nämlich weiß es wieder besser. In einem Brief, vom 27. November, machte der CSU-Chef seinem Kanzler klar, daß auch Riesenhuber ein Versager sei.

Das kommt für Riesenhuber nicht völlig überraschend. Er weiß seit langem, daß der bayrische Ministerpräsident ihm einen Mangel an Begeisterung für die bemannte Raumfahrt vorwirft.

Den Ärger des Weltraumfans Strauß bekommt Riesenhuber nun bei einem Thema zu spüren, das er gut im Griff zu haben glaubte. Es geht um die Gründung einer Deutschen Agentur für Raumfahrt (DARA), die künftig die Bonner Weltraumpläne koordinieren und lenken soll.

Seit Jahren beklagen Organisationsfachleute aus der Industrie und den Ministerien die Zersplitterung der Zuständigkeiten auf mehrere Ressorts sowie auf die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR). Immer wieder forderten sie, den Wirrwarr zu beenden und eine Art deutscher Nasa, ähnlich der US-Raumfahrtbehörde, zu schaffen.

Seit feststeht, daß Bonn Milliarden für die bemannte Raumfahrt ausgeben wird,

ist die Gründung der DARA beschlossene Sache. Riesenhuber entwickelte der Koalitionsrunde am 27. Oktober seine Pläne.

Danach soll die neue Agentur mit rund 300 Mitarbeitern eigenverantwortlich die deutschen Interessen an der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) vertreten, Raumfahrtprogramme vorbereiten und durchführen. Die Vorgaben für die Arbeit der DARA sollen unter Federführung des Forschungsministers erarbeitet werden.

»Schon heute möchte ich Dir sagen« schrieb Strauß nun in dem Brief an den Kanzler, »daß ich den ... Vorschlag nicht für eine brauchbare Entscheidungsgrundlage halte.« Riesenhuber wolle sich lediglich eine »nachgeordnete Stelle für das Bundesministerium für Forschung und Technologie schaffen«.

Eine deutsche Raumfahrtagentur, die diesen Namen verdiene, brauche aber viel mehr Kompetenzen, belehrte der CSU-Chef den »lieben Helmut": Sie müsse »alle Aktivitäten zusammenfassen, egal in welchen Ressorts sie stattfinden«.

Auf Riesenhuber will Strauß nicht setzen: »Mir ist bewußt, daß wir aus Gründen des Ressortegoismus vom Bundesministerium für Forschung und Technologie keine weiterführenden Konzepte ... erwarten können.« Deshalb müsse die Sache dem Minister aus der Hand genommen und einer »hochrangigen Kommission« der Koalitionsparteien überantwortet werden.

Wie fast immer geht es dem CSU-Chef auch diesmal nicht um die reine Lehre. Er will vor allem, daß die DARA von Bayern aus den deutschen Ausflug ins All organisiert. Riesenhuber aber hat bereits mehrfach eine andere Meinung vertreten: »Von der Logik der Sache«, erklärte der Minister vergangene Woche noch einmal, »wäre der Großraum Bonn naheliegend, weil die Nähe zur Bundesregierung wichtig ist.«

Diese Vorstöße Riesenhubers sind es, die Strauß besonders ärgern. Deshalb erinnerte er Kohl in seinem Brief an die Zusage, daß die Standortfrage »im Koalitionskreis« entschieden werde.

»Für ein klärendes Wort gegenüber Bundesminister Riesenhuber, der in dieser Frage immer wieder den Anschein erweckt, die Entscheidung über den Sitz sei bereits gefallen, wäre ich Dir dankbar«, mahnte Strauß den Bundeskanzler.

Riesenhuber scheint inzwischen auch schon eingeknickt zu sein. Bis vor wenigen Tagen ließ er offiziell verkünden, seine Präferenz sei ein Standort am Rhein. Nun heißt die Sprachregelung plötzlich: »Es gibt keine Präferenz.«

Tatsächlich spräche jedoch alles dafür, die DARA in unmittelbarer Nähe des Kölner Flughafens anzusiedeln. Dort, in Porz, arbeitet bereits die DFVLR, der zugunsten der DARA rund 250 Stellen weggenommen werden sollen. Etwa 150 Mitarbeiter der DFVLR könnten problemlos von heute auf morgen zur DARA überwechseln. Die restlichen 100 DFVLR-Stellen würden allmählich abgebaut, die DARA könnte an Stelle der ausscheidenden Experten selbst neue Leute anheuern. Eine Ansiedlung der DARA irgendwo im Süden hätte diese Vorteile nicht.

Riesenhuber scheut auch aus anderen Gründen davor zurück, die deutsche Nasa in der Nähe der subventionshungrigen bayrischen Raumfahrtunternehmen zu installieren. Zu leicht könnte sich im »positiven Klima für die Belange der Luft- und Raumfahrt« (der CSU-Abgeordnete Eicke Götz) eine Forderungsgemeinschaft etablieren, die dem Forschungsminister in gemeinsamer Anstrengung und mit Hilfe von Strauß eine Milliarde um die andere abpreßt.

Doch Riesenhuber ist politischen Versuchungen durchaus zugänglich. Sorgfältig wählte er seine Worte, als er die DARA für den »Großraum Bonn« reklamierte. Jedermann, auch NRW-Ministerpräsident Johannes Rau (SPD), glaubte, damit sei das nordrhein-westfälische Porz gemeint. Das aber ist ein Irrtum: Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel hat bereits mehrere Standorte angeboten, die nur wenige Kilometer von Bonn entfernt liegen, aber jenseits der nordrhein-westfälischen Landesgrenze.

Die größten Chancen hat zur Zeit Bad Neuenahr. Dort gebe es, so Vogel, geeignete Gebäude und Grundstücke für die Raumfahrtagentur. Im Kanzleramt unterstützen Staatssekretär Waldemar Schreckenberger und Staatsminister Lutz Stavenhagen Vogels Vorstoß.

Daß Johannes Rau sich brüskiert fühlt, ist dabei durchaus einkalkuliert. Die Sozialdemokraten in NRW sollen für ihren Widerstand gegen den Schnellen Brüter abgestraft werden. »Es wäre politisch unverantwortlich«, so CSU-Mann Götz, »ein derart zukunftsträchtiges Projekt wie die deutsche Weltraumagentur wiederum der politischen Willkür einer SPD-geführten Landesregierung auszusetzen.«

Eine Ansiedlung der DARA in Porz, meinen Bonner Christdemokraten, würde allein Johannes Rau angerechnet. Deshalb sei es viel besser, die DARA nach Rheinland-Pfalz zu legen: Dann könnte Rau-Gegner Norbert Blüm, der 1990 die NRW-Wahlen gewinnen möchte, lautstark beklagen, daß es ihm wegen der Technikfeindlichkeit der SPD trotz aller Anstrengungen nicht gelungen sei, das Kabinett von den Vorzügen des Standorts Porz zu überzeugen.

Doch noch hat auch NRW eine Chance. Denn auch der Bonner Oberbürgermeister Hans Daniels hat bereits ein Baugelände angeboten. Daniels ist nicht so leicht abzuwehren: Er hat ein CDU-Parteibuch.

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