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SCHULDENKRISE Von grau bis schwarz

Die Schuldner der Dritten Welt können vielfach nicht mehr die Zinsen zahlen. Sind Experten mit ihrem Latein am Ende? *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Die Probleme werden drängender - die Zeit der großen Worte ist gekommen. Für die Lösung der Schuldenkrise, mahnt Jacques de Larosiere, Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), trage »die gesamte internationale Gemeinschaft die Verantwortung«.

Da hatte der peruanische Staatspräsident Alan Garcia das Thema, das die Finanzexperten auf der Jahrestagung des IWF und der Weltbank in Seoul bewegt, schon griffiger formuliert. Keines der hochverschuldeten Länder Lateinamerikas, so Garcia kürzlich vor den Vereinten Nationen, sei in der Lage, seine Schulden zu begleichen.

Das wissen auch die Vertreter der Noten- und Geschäftsbanken, der Finanzministerien und internationaler Organisationen, die in dieser Woche auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Südkoreas Hauptstadt Seoul palavern. Doch noch schreckt sie wohl der Gedanke, die Gläubiger sollten auf all das schöne Geld verzichten.

Sie klammern sich an einen »Mythos«, wie der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger meint. Die Banken, so Kissinger, sollten den Gedanken aufgeben, daß ein voller Schuldendienst noch möglich sei. Jetzt müßten »die erklärten Ziele des internationalen Finanzsystems mit den politischen Realitäten in Einklang gebracht werden«.

Bislang diktiert die Angst das Verhalten der internationalen Finanzexperten - die Angst, daß der Bankrott eines Schuldnerlandes das ganze Finanzgefüge zum Einsturz bringen könnte. Seit dem August 1982, als das Schuldnerland Mexiko sich für zahlungsunfähig erklärte, sind Hunderte von Bankern, Regierungsbeamten, Funktionären mit nichts anderem beschäftigt, als der wachsenden

Zahl bankrotter Länder eine Atempause für die Rückzahlung überfälliger Auslandsschulden zu verschaffen.

Vergebens. Selbst Mexiko, von den Gläubigern bisher als wirtschaftspolitischer Musterknabe hochgelobt, steht - das zeigte sich schon vor der Erdbebenkatastrophe - abermals vor dem Bankrott.

Kein Banker und kein Politiker weiß, ob sich überhaupt verhindern läßt, daß die Schuldenbombe in der Dritten Welt explodiert. Die Entwicklungsländer (und die Staaten des Ostblocks) haben fast 900 Milliarden Dollar an Schulden angehäuft, davon rund 142 Milliarden mit kurzfristiger Laufzeit bis zu einem Jahr.

Mindestens 500 Milliarden Dollar haben internationale Geschäftsbanken den Habenichtsen ausgeliehen, über die Hälfte davon an nur zehn Staaten. Allein die Länder Lateinamerikas schulden dem Ausland rund 370 Milliarden.

Die Schuldenlast ist mit normaler Vorstellungskraft kaum noch zu erfassen. Die Gesamtsumme entspricht etwa dem Dreifachen der gesamten Geldmenge in der Bundesrepublik.

Immer häufiger brauchen viele Länder finanzielle Soforthilfe, weil sie sonst am Ende wären. Allein im vergangenen Jahr handelten 20 Staaten Umschuldungsverträge mit ihren Geldgebern über 115 Milliarden Dollar aus; 1983 waren es Umschuldungsbeträge in Höhe von 41 Milliarden Dollar. Doch alles, was die Sanierungsstrategen der Banken und des Internationalen Währungsfonds in Washington bislang aushandelten, war nur Stückwerk. Zu einem groben Schnitt konnten sie sich nicht entschließen.

»Wenn eine geordnete Sanierung der Verhältnisse nicht gelingt«, urteilt Markus Lusser, Vizepräsident der Schweizerischen Nationalbank, »sind Katastrophenszenarien aller Schattierungen von grau bis schwarz denkbar.«

Sicher ist schon jetzt, daß zumindest auf absehbare Zeit viele Staaten ohne Aussicht sind, ihre Schulden jemals tilgen zu können. Selbst Zinszahlungen werden für immer mehr Regierungen nicht tragbar sein.

Schon heute führen beispielsweise die Länder Lateinamerikas mehr Zinsen an das Ausland ab, als sie von dort an neuem Kapital erhalten. Die Entwicklungsländer wurden zu Kapitalexporteuren.

Viele Ökonomen sehen längst, daß der Ausweg aus dem Schuldendilemma mit wirtschaftlichen und finanztechnischen Mitteln nicht mehr zu schaffen ist. Das würde, meint Jürgen Westphalen, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Deutsch-Südamerikanischen Bank in Hamburg, »einen so langfristigen Konjunkturaufschwung erfordern, wie er nach allen historischen Erfahrungen kaum erwartet werden kann«.

Überdies wird den Entwicklungsländern auch weiterhin zu schaffen machen, daß die US-Regierung mit geborgtem Geld einen Großteil ihres Staatshaushalts finanziert. Die dadurch hochgeschraubten Zinsen erhöhen die Schuldendienstlast - jeder zusätzliche Prozentpunkt kostet die Schuldnerländer vier Milliarden Dollar im Jahr.

Der hohe Kurs des Dollar bringt den Schuldnerländern ebenfalls kaum Vorteile. Sie können zwar ihre Waren leichter in den USA verkaufen, gleichzeitig drückt der überbewertete Dollar die Preise für ihre exportierten Rohstoffe.

Keins der Hauptschuldnerländer wird, so glauben mittlerweile die meisten Experten, gleichzeitig seine Schulden bezahlen, wirtschaftliches Wachstum erzielen und sein politisches und soziales Gleichgewicht halten können.

Die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) erinnerte bereits an die Schatten der Weimarer Republik. Auch die Deutschen hätten die ihnen nach dem Ersten Weltkrieg aufgebürdeten Zahlungsverpflichtungen als unerträglich empfunden. Heute, meint die IDB, gebe es gleichfalls »zwingende Gründe, sich zu widersetzen«.

Vor allem in den Schuldnerländern Lateinamerikas mehrt sich der Widerstand. Kaum eine Regierung ist noch bereit, die harten wirtschaftspolitischen Auflagen hinzunehmen, die ihnen die Finanzpolizisten vom Internationalen Währungsfonds in Washington bislang erteilten und von denen die internationalen Banken ihren Goodwill abhängig machen.

»Brasilien wird seine Auslandsschulden nicht mit Rezession, nicht mit Arbeitslosigkeit und nicht mit Hunger bezahlen«, verkündete jetzt der Präsident des Landes Jose Sarney. Dabei hat Brasilien schon seit drei Jahren unter dem Druck des IWF beispiellose Opfer gebracht. Dennoch blieb das Schuldenproblem ungelöst.

Sarney warnte den IWF mit deutlichen Worten: Mit seinen rigorosen Austerity-Auflagen könnte er »eine zivile Staatsführung unterminieren, die soziale Krise zur Explosion bringen und damit letztlich die demokratische Ordnung in Frage stellen«.

Viele Wirtschaftswissenschaftler halten dem IWF vor, daß seine Krisentherapie sich zunehmend als Fehlschlag erweise. Studien etwa des Instituts für Iberoamerika-Kunde in Hamburg kommen zu dem Schluß, daß die IWF-Auflagen entweder überhaupt keine Wirkung gehabt oder die Wirtschaftslage in einigen Ländern sogar verschlechtert hätten.

Der IWF, so Gilberto Calcagnotto vom Iberoamerika-Institut, sei »weit davon entfernt, der Komplexität der in Brasilien notwendigen Anpassungsprozesse gerecht zu werden«. In Peru, so fand Rosemary Thorp in der gleichen Institutsstudie heraus, habe die »orthodoxe Politik« des IWF gar »die Voraussetzungen ihrer eigenen Unanwendbarkeit produziert«.

Joachim Betz vom Institut für Allgemeine Überseeforschung in Hamburg kritisiert, daß die wichtigsten Ziele des IWF zumeist unerreichbar blieben. Ein Einfluß auf die Inflationsrate sei nicht feststellbar, die Leistungsbilanz werde kaum verbessert.

Auch Albert Fishlow, Wirtschaftsprofessor an der University of California, wirft dem IWF vor, seine wirtschaftspolitischen Auflagen hätten in den Schuldnerländern den »inflationären Druck verstärkt, drastische Kürzungen der Investitionstätigkeit bewirkt und das Wirtschaftswachstum beeinträchtigt«.

Ob sich die internationalen Finanzjongleure in Seoul derlei Erkenntnisse zu eigen machen werden, ist zumindest zweifelhaft. Die Banken verzichten ungern auf einen sicheren Dollar: Solange noch umgeschuldet wird, fließen auch Zinsen.

[Grafiktext]

UNSICHERE KANDIDATEN Bruttoverschuldung gegenüber dem Ausland in Milliarden Dollar; jeweils letzter verfügbarer Stand BRASILIEN MEXIKO ARGENTINIEN ÄGYPTEN VENEZUELA POLEN PHILIPPINEN SÜDAFRIKA CHILE NIGERIA PERU

[GrafiktextEnde]

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