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ATOMENERGIE »Von hinten erwischt«

Aufregung in der Atomwirtschaft: Siemens fusioniert sein Nukleargeschäft mit den Briten. Der Einstieg in den Ausstieg?
Von Winfried Didzoleit
aus DER SPIEGEL 43/1997

Hin und wieder spielt Heinrich von Pierer mit dem Abschied vom Atom. In kleiner Runde rechnet der Chef des Weltkonzerns Siemens gern vor, das Nukleargeschäft des Elektromultis mache etwa 2 Prozent des Umsatzes aus, aber 90 Prozent des Ärgers.

Für ihn, sagt von Pierer dann, sei der Bau von Kernkraftwerken keine Glaubenssache, Siemens könne auf die Atomgeschäfte ohne Schaden für das Unternehmen auch verzichten.

An Anlässen zu solch resignativen Planspielchen fehlte es nicht. Stets war der Konzern im Visier der Atomgegner. Von Pierer ärgerte sich, weil er rund eine Milliarde Mark in die beinahe fertige Brennelementefabrik in Hanau investiert hatte, die aber dennoch zur Investitionsruine wurde, weil - aus Siemens-Sicht - Politiker den Konzern immer wieder behinderten und die Strombosse nicht länger Millionen in ein Genehmigungsverfahren mit ungewissem Ausgang investieren wollten.

Jüngste Demütigung: Nur mit Hilfe massiven Drucks durch Umweltministerin Angela Merkel (CDU) waren die Spitzenmanager der Stromgiganten zu bewegen, von Pierer noch einmal 150 Millionen Mark für die Weiterentwicklung des neuartigen deutsch-französischen Druckwasserreaktors EPR zu spendieren.

Doch nun kann der Konzernchef wieder optimistisch in die Zukunft blicken. Am Mittwoch vergangener Woche verkündeten Siemens-Manager Adolf Hüttl und John Taylor, Vorstandschef von British Nuklear Fuels (BNFL), der verblüfften internationalen Atomgemeinde, die Unternehmen wollten eine gemeinsame Firma bilden.

Zweck des neuen Bündnisses: Den französischen Staatsunternehmen Framatome, EdF und Cogema sowie den amerikanischen Giganten Westinghouse und General Electric sollen Kunden abgejagt werden.

Siemens bringt in die Ehe zwei Milliarden Mark Umsatz ein, BNFL rund 700 Millionen. Beide Firmen sind in der Fertigung zahlreicher Brennelemente-Typen technisch aktiv, beide haben aber auch Überkapazitäten.

Neue Reaktoren in Deutschland, das gibt Hüttl zu, wird es in den nächsten 10 bis 15 Jahren nicht geben. Auch in Frankreich besteht kein Bedarf. Mit der Machtübernahme durch den Sozialisten Lionel Jospin und seiner grünen Umweltministerin Dominique Voynet hat sich das Atomklima auch jenseits des Rheines verschlechtert.

Dennoch beharrt Hüttl darauf, mit Siemens und BNFL hätten sich zwei Partner zusammengetan, die beide fest an die Zukunft der Atomenergie glauben. Auf keinen Fall, so der Chef der Siemens-Tochter Kraftwerk Union (KWU), dürfe die Ausgliederung des Nukleargeschäfts und das Bündnis mit den Briten als Einstieg in den Ausstieg aus dem Nukleargeschäft gesehen werden.

Doch seltsam: Genau dieser Verdacht hält sich hartnäckig in der deutschen und vor allem in der französischen Atomgemeinde. Die Manager deutscher Energieversorgungsunternehmen nennen zwei Gründe: Obwohl Siemens fast drei Viertel des Umsatzes in die Ehe einbringe, schweige der Konzern sich über die künftigen Mehrheitsverhältnisse aus. Vor allem aber nehmen die Stromherren Hüttl nicht ab, daß die neue Freundschaft zu den Briten keine Folgen für die alte Liebe zu den Franzosen haben werde.

Beruhigend heißt es im offiziellen Kommuniqué, »die bestehende Kooperation« zwischen Siemens und Framatome zur Entwicklung des Europäischen Druckwasserreaktors EPR werde auch von der neuen deutsch-britischen Firma unverändert weiterbetrieben.

In Paris aber fehlt der Glaube. »Framatome von hinten erwischt«, heißt es im »Figaro«. Der neue deutsch-britische Bund, zitiert »Le Monde« einen französischen Atommanager, sei »ein nicht sehr freundlicher Akt«.

Seine französischen Partner stellte Siemens vor vollendete Tatsachen. Sie erfuhren von dem Deal mit den Briten erst am Dienstag abend, wenige Stunden vor der offiziellen Bekanntgabe am Mittwoch. Ebenso erging es Umweltministerin Angela Merkel, die bislang stets auf der Seite von Siemens für die Weiterentwicklung und den Bau des deutsch-französischen Reaktors gekämpft hat.

Diese Reaktorlinie, angeblich deutlich sicherer als Vorgängertypen, ist in Deutschland zum Symbol für die Zukunft der Kernenergie geworden. Wird der neue Meiler gebaut, gilt das als Beleg dafür, daß die Nutzung der Atomenergie kein Auslaufmodell ist.

Doch die Chancen für den EPR stehen schlecht. Denn irgendwann im nächsten Jahrtausend, wenn Ersatz für auslaufende Atommeiler her muß, wird die Entscheidung wahrscheinlich nicht für den Bau des neuen Europa-Reaktors fallen. Zwar behauptet Hüttl, im Strompreis könne sein neuer Meiler mit modernen Kohlekraftwerken auf der Basis von billiger Importkohle mithalten. Die Zweifler in den Vorstandsetagen der Energieunternehmen wollen daran nicht glauben.

Denn der neue Renner sind moderne Gas- und Dampfkraftwerke, die den Brennstoff bis zu 60 Prozent in Strom verwandeln sollen und somit konkurrenzlos billig wären. Ihre Bauzeit beträgt höchstens zwei Jahre, dann beginnt die Stromerzeugung, und nach zehn Jahren ist die Anlage bereits abgeschrieben.

Das sieht bei einem Atommeiler ganz anders aus. Bis er ans Netz kann, vergehen mindestens fünf Jahre, also mehr als eine Legislaturperiode. Eine atomfreundliche Regierung kann von einer atomkritischen abgelöst werden. Die Zinsen müssen bezahlt werden, politischer Ärger und Dauerstreit mit militanten Atomgegnern zerren an den Nerven der Stromherren. Das alles spricht für den leichten Weg zum preiswerten Gas.

Die Bonner Umweltministerin Angela Merkel sieht in dem Siemens-Techtelmechtel mit BNFL ebenfalls ein zusätzliches Risiko für den neuen Reaktor.

Ein Bauverzicht, so die Einschätzung der Merkel-Fachleute, werde schon bald zu einem Schwund bei den jetzt noch kompetenten Genehmigungsbehörden und Gutachtern führen. Ein Reaktorsicherheitsbeamter: »Das Berufsbild eines Wärters in Atommuseen ist wenig verlockend für junge Ingenieure.«

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Baubeginn von derzeit im Betrieb befindlichen Kernkraftwerksblöcken

in Deutschland

[GrafiktextEnde]

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