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UNTERNEHMER Von langer Hand

Hans Gerling, der schrullige Kölner Versicherungskönig, feiert ein erstaunliches Comeback: Er hat sich wieder die Alleinherrschaft in seinem Firmenimperium gesichert. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Das Sanatorium in den Bergen, das Thomas Mann in seinem »Zauberberg« beschreibt, ist eine Zuflucht für die Morbiden aus den allerfeinsten Kreisen. Die Privatklinik Schloß Mammern, direkt über dem Bodensee auf Schweizer Seite, erinnert ein wenig daran. Sie ist ähnlich exklusiv und für manchen eine Fluchtburg.

Beispielsweise für Hans Gerling. Schwer erkrankt, suchte der Kölner Versicherungsunternehmer im Juni 1983 in der Klinik Genesung, aber auch Schutz vor der deutschen Justiz. Weil er es mit dem Herzen hatte, brauchte Gerling nicht im Prozeß um die Pleite der Herstatt-Bank auszusagen, obwohl er als Aufsichtsratschef das Schicksal des Instituts entscheidend mitbestimmt hatte.

Jetzt zieht es Gerling, 70, wieder in das idyllische Sanatorium. Vor den drei tollen Tagen des Kölner Karnevals setzte er sich an den Bodensee ab, zunächst in seine Ferienvilla in Allensbach, dann will er auf der Schweizer Seite seine Herzkammern untersuchen lassen.

Anders aber als vor zweieinhalb Jahren, als viele den öffentlichkeitsscheuen Firmenpatriarchen schon abgeschrieben hatten, ist Gerling diesmal nicht auf der Flucht. Er plant sein Comeback: Im drittgrößten deutschen Versicherungsimperium (Prämienvolumen 1985: 5,8 Milliarden Mark) will er wieder voll das Regiment übernehmen.

Mit der Zähigkeit, die den Eigenbrötler schon immer auszeichnete, hat Gerling den wechselnden Mitgesellschaftern über Jahre hinweg das Leben schwergemacht. Die Zürich-Versicherung gab ihre Anteile wieder ab, weil ihr Mann im Hause Gerling, Rolf Gamper, völlig von Gerling-Leuten umstellt war und sich von denen genervt fühlte.

Andere Firmen wie Otto Wolff oder Bayer steckten auch auf. Sie hatten nach der Herstatt-Pleite Anteile an der »Versicherungs-Holding der Deutschen Industrie« (VHDI) übernommen, die mit 51 Prozent die Gerling-Mehrheit hält. Käufer aller angebotenen Anteile war der Großindustrielle Friedrich Karl Flick, der so 86 Prozent der Holding erwarb.

Als Flick Ende vergangenen Jahres sein Firmenimperium für rund 5,3 Milliarden Mark an die Deutsche Bank verkaufte, sah Gerling sofort die Chance zur Rückkehr an die Macht. Aussteiger Flick verkaufte ihm Ende Januar für 375 Millionen Mark den 86-Prozent-Anteil an VHDI (siehe Graphik).

Damit hat der Sohn des Firmengründers Robert Gerling fast die alten Besitz- und Machtverhältnisse wiederhergestellt. Bis 1975 nämlich war Hans Gerling, der privat wie auch im Dienst noch Attitüden des Hochadels pflegt, der alleinige Inhaber des größten deutschen Industrieversicherers.

Die Herstatt-Bank, die durch gewaltige Devisenspekulationen in die Pleite rutschte, brachte schließlich den Koloß ins Wanken. In einem Vergleich mußte Gerling, der mit 81 Prozent an der Bank beteiligt war, 200 Millionen Mark für die Gläubiger aufbringen. Weil er das aus eigenen Mitteln nicht konnte, verkaufte er 51 Prozent seines Konzerns für recht bescheidene 166 Millionen Mark.

Die Mehrheit an dem Konzern übernahmen die Zürich-Versicherung (25,1 Prozent) und der VHDI-Pool (25,9 Prozent). Doch Gerling, der seine Gesprächspartner meist mit einem mißtrauisch-starren Blick fixiert, hat es nie gelernt, sich von anderen etwas sagen zu lassen.

Das mußte er auch nicht. Schon als 18jähriger Betriebswirtschaftsstudent war er Vorstandsmitglied im Unternehmen des Vaters geworden. Gleich nach der Währungsreform, Hans Gerling war gerade 33, übernahm er das Kommando über den gesamten Konzern.

Es war Gerlings Beharrlichkeit - mit einem Zug zur Unbeugsamkeit -, die ihn zum unumschränkten Herrscher werden ließ. Der Familiensinn dagegen war bei dem gebürtigen Kölner nicht sonderlich ausgeprägt. Bald drängte er seinen jüngeren Bruder Walter in den Aufsichtsrat

Auch speiste er den älteren Bruder Robert mit ein paar minderwertigen Firmenbeteiligungen ab. Dem machtbesessenen Konzernchef mißfiel die lebensfrohe, verschwenderische Art seines Bruder, der angeheitert in Kölner Nachtbars sich die Zigarre schon mal mit

einem Zehnmarkschein anzündete. Dabei ist Hans Gerling selbst in seiner Lebensführung auch nicht bescheiden. Seine Refugien im Kölner Prominentenvorort Marienburg oder in Allensbach werden ganzjährig von einer Schar von Bediensteten in Schuß gehalten, die Gerling mit seiner fanatischen Ordnungsliebe auf Trab hält. Für den Konzernherrn persönlich sorgt ein altgedienter Butler.

Gerling achtet auf Pünktlichkeit. Was immer er tut, es ist bis auf die Minute abgestimmt. Den Tag beginnt der Konzernchef mit Konzentrationsübungen. Das geht seiner Ansicht nach »am besten im Liegen«; für »diese indischen Praktiken« aber hat Gerling nichts übrig. Punkt zehn Uhr telephoniert er mit seinem engen Vertrauten Herwig Gückelhorn, einem früheren Journalisten, und gibt Anweisungen fürs Geschäft. Abends kommt dann regelmäßig sein Chefmanager Paul-Robert Wagner zum Rapport und zur Beratung.

Daß Gerling seinen alten Einfluß in der Firma fast vollständig zurückerobern konnte, ist nicht nur der Gunst der Stunde, der Verkaufsbereitschaft von Flick, zuzuschreiben. Der Schachzug war von langer Hand vorbereitet.

Bereits 1978, als Flick einen Teil seines Erlöses von zwei Milliarden Mark aus dem Verkauf eines Daimler-Benz-Paketes steuerfrei bei Gerling unterbrachte, legte sich der Kölner quer. Weil er glaubte, ein Vorkaufsrecht zu besitzen, drohte er Flick einen Prozeß an.

Aus Angst vor der Steuer gab Flick schließlich nach und räumte dem Minderheitsgesellschafter Vorzugsrechte ein. Gerling bekam fortan wieder den Vorstandsvorsitz in der Konzernholding. Schlüsselpositionen besetzte er mit alten Vertrauten wie seinem Finanzchef Anton Weiler, der mit ihm im Aufsichtsrat der Herstatt-Bank gearbeitet hatte.

Doch das Reich, das Gerling nun wieder allein dirigiert, hat sich verändert. Im industriellen Großgeschäft, in dem Gerling früher hervorragend verdiente, häuften sich in letzter Zeit die Schadensfälle. Durch die Pleitewelle der vergangenen fünf Jahre, vor allem aber durch spektakuläre Großschäden wie den Brand der Rheinischen Olefinwerke im rheinischen Wesseling wurden die Reserven strapaziert.

Schlechter sieht es auch in dem Bereich aus, von dem sich Gerling noch Mitte der siebziger Jahre die größten Chancen versprach: der Rückversicherung. Die einstmals expansive Tochter Globale Rückversicherungs-AG hat sich in der hochriskanten amerikanischen Produkthaftpflicht-Versicherung zu weit vorgewagt.

Als die Manager der Globalen Rück vor zwei Jahren erstmals Verluste von fast 60 Millionen Mark meldeten, zog Gerling die Notbremse und kündigte fast alle US-Verträge. »Unter den heutigen rechtlichen Verhältnissen noch eine Haftpflichtversicherung in den USA abzuschließen«, klagte er kürzlich vor seinen Aufsichtsräten, »bedeutet ein Vabanquespiel.« Die Teilnahme an diesem Spiel, so Gerling, könne gar in »finanzieller Hinsicht tödlich ausgehen«.

Doch das Spiel ist trotz Kündigung der Verträge noch nicht zu Ende. Gerling muß in Erfüllung der alten Policen zahlen. Allein im vergangenen Jahr waren das rund 30 Millionen Mark, für dieses Jahr könnten es noch einmal soviel werden. »Einige der Verlustverträge«, weiß Gerling-Intimus Gückelhorn, »haben noch eine Laufzeit von 10 bis 15 Jahren.«

Kurz vor dem Jahreswechsel mußten die Gerling-Manager für das Mitte 1985 abgeschlossene Geschäftsjahr einen Konzernverlust von 51,5 Millionen Mark bekanntgeben - ein ungewöhnliches Ereignis in einer florierenden Branche. Damit die Zahlen nicht noch böser aussahen, hatte Gerling zuvor schon seine Mehrheitsbeteiligung an der Deutsch-Atlantischen Telegraphen-AG für rund 20 Millionen Mark an eine Quandt-Firma verkauft.

In der Bodensee-Klinik Mammern sucht Gerling jetzt Ruhe, um über die Zukunft seines Konzerns nachdenken zu können. Er erwägt, sich mit einem kapitalstarken Partner, wie der Aachener und Münchener Versicherungsgruppe, zu verbünden. Der Partner könnte dann als Minderheitsgesellschafter mit ihm gegen die größeren Rivalen Allianz und Colonia antreten.

Die Aachener allerdings würde gern in absehbarer Zeit die Mehrheit bei Gerling übernehmen. Dazu aber wird der Siebzigjährige kaum bereit sein.

»Die Gerling-Gruppe«, so der neue alte Großaktionär vor seinen Managern, »kann nur ich selber führen.«

[Grafiktext]

WIEDERVEREINIGUNG Die wichtigsten Beteiligungen der Gerling-Versicherungsgruppe (Zahlen an den Pfeilen: Beteiligung in Prozent) Hans Gerling 49 86,2 Industrieunternehmen (13 Firmen) 13,8 Versicherungs-Holding der Deutschen Industrie 51 Gerling-Konzern Versicherungs-Beteiligungs-AG ERSTVERSICHERER 86,0 Gerling-Konzern Allgemeine Versicherungs-AG 99,9 Gerling-Konzern Rechtschutz Versicherungs-AG 100 Gerling-Institut für Schadenforschung und Schadenverhütung GmbH 99,9 Gerling-Konzern Speziale Kreditversicherungs-AG 99,9 Gerling-Konzern Lebensversicherungs-AG 99,9 Gerling-Konzern Friedrich Wilhelm Lebensversicherung AG RÜCKVERSICHERER 99,9 Gerling-Konzern Globale Rückversicherungs-AG 99,9 Gerling-Konzern Standard Versicherungs-AG 96,0 Gerling America Insurance Company 53,5 Frankona Rückversicherungs-AG VERWALTUNG/VERTRIEB 99,9 Gerling-Konzern Zentrale Verwaltungs-AG 99,9 Gerling-Konzern Vertriebs-AG WEITERE BETEILIGUNGEN 99,9 Gerling-Konzern Welt-Versicherungs-Pool-AG 100 Gerling Global General and Reinsurance Company 100 Gerling Globale Rückversicherungs-Gruppe AG

[GrafiktextEnde]

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