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Ungereimtheiten bei Wohnungskonzern

Lenkt Vonovia bei umstrittenen Nebenkosten ein?

Tausende Mieter von Vonovia klagen über zu hohe Betriebskosten, jetzt hat der Wohnungskonzern zugesagt, die Unstimmigkeiten überprüfen zu lassen - allerdings nur in einem einzigen Fall.

Von

DPA

Demonstration gegen Wohnungsnot (in Stuttgart)

Montag, 25.06.2018   19:07 Uhr

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Manchmal ändert sich eine verfahrene Situation ganz schnell: Seit fast eineinhalb Jahren versucht Ernst zur Linden Klarheit über seine Heizkostenabrechnung aus dem Jahr 2015 zu bekommen. Viele Briefe hat der Kölner Mieter geschrieben, an alle beteiligten Unternehmen: den Wärmelieferanten, die Ablesefirma und vor allem an seinen Vermieter, den Konzern Vonovia - ohne Ergebnis. Dann berichtete der SPIEGEL über seinen Fall und über weitere Unstimmigkeiten in Betriebskostenabrechnungen von Mietern in Vonovia-Wohnungen bundesweit.

Und plötzlich ging es sehr schnell. Umgehend nach der SPIEGEL-Veröffentlichung reagiert Vonovia. Das Unternehmen "weist die Vorwürfe wegen Betrugs bei der Nebenkostenabrechnung entschieden zurück", schreibt ein Sprecher. Vonovia-Vorstandschef Rolf Buch lässt sich mit dem Satz zitieren: "Wir verfolgen das Ziel, mit größtmöglicher Transparenz gegenüber unseren Kunden die Nebenkosten aufzuschlüsseln."

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Mit dieser Aussage widerspricht das Unternehmen nicht nur zahlreichen Berichten, die seit Monaten und Jahren in vielen Lokal- und Regionalmedien erschienen sind, sondern auch vielen Mietern, die sich beim SPIEGEL gemeldet haben. Für Ernst zur Linden klingt es wie Hohn, schließlich ist es genau das, was er seit geraumer Zeit zu bekommen versucht hat: Transparenz.

Anrufe von ganz oben

"Um die notwendige Richtigkeit der Nebenkosten zu bestätigen", schreibt das Unternehmen zu seiner Abrechnung, "hat Vonovia die unabhängige Wirtschaftsberatung Deloitte aus München beauftragt, den gesamten Prozess der Nebenkostenabrechnung zu überprüfen." Der betroffene Mieter zur Linden begrüßt den Schritt, schließlich hat er selbst früher jahrelang mit Deloitte zusammengearbeitet und auch Erfahrung als Sonderbeauftragter der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Er weiß, wo gemauschelt werden könnte.

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Vielleicht ist es diese Erfahrung, vielleicht sind es die akademischen Titel, die zur Linden vorweisen kann, jedenfalls erreichten ihn in dieser Woche gleich zwei Anrufe der wichtigsten Entscheider von Vonovia. Erst meldete sich der seit gut vier Wochen amtierende Aufsichtsratschef Jürgen Fitschen. Als ehemaliger Co-Chef der Deutschen Bank mag Fitschen ein Gespür für problematische Fälle haben, jedenfalls gab er sich verbindlich, wie zur Linden berichtet. Demnach äußerte Fitschen zudem Zuversicht, dass sich die Sache schnell aufkläre. Eine SPIEGEL-Anfrage ließ Fitschen unbeantwortet.

Etwas weniger verständnisvoll fiel nach zur Lindens Auffassung der zweite Anruf von Vonovia-Vorstandschef Rolf Buch aus. Er versuchte demnach zur Linden davon zu überzeugen, dass er sich in seinen Schlussfolgerungen geirrt habe. Zudem seien doch alle Anfragen und Beschwerden umgehend beantwortet worden. Zur Linden empfindet das als "dreist": Die Antworten, die er von dem Konzern erhielt, waren in der Regel Standardschreiben, denen keine inhaltliche Stellungnahme folgte. Diese Briefe kennen vermutlich viele Vonovia-Mieter in ganz Deutschland.

Die Stellungnahme des Immobilienunternehmens seinen Mietern und dem SPIEGEL gegenüber, die Prüfung sei "technisch sehr aufwendig" und benötige daher noch Zeit, hält zur Linden für "dummes Zeug". Denn bei dem Streit geht es vor allem um große Abweichungen der Heizenergie-Verbrauchswerte. Zur Linden verweist aber darauf, dass schon im August 2017 festgestellt wurde, dass der entscheidende Hauptzähler einwandfrei funktioniert. Die enorme Abweichung sei vielmehr dadurch zustande gekommen, dass statt des abgelesenen Wertes ein überhöhter Schätzwert eingesetzt wurde, dessen Zustandekommen ihm bis heute nicht erklärt worden sei. Auch die Darstellung des Konzerns, man habe bis zu einer Klärung alle Zahlungen für die Mieter ausgesetzt, hält er für Augenwischerei.

Denn als ein entsprechendes Rundschreiben im Juni 2017 an die betroffenen Mieter verschickt wurde, hatten wohl fast alle schon gezahlt - denn: Vonovia hatte die ausstehenden Zahlungen längst angemahnt. Zur Linden jedenfalls hat von keinem Mieter gehört, bei dem seit Juni 2017 Zahlungen ausgesetzt oder gar Beträge aus der seiner Meinung nach falschen Abrechnung 2015 zurückgezahlt worden wären. Er fühlt sich hingehalten: "Ganz offenbar wollte man die Sache einfach aussitzen, denn in dem Jahr, seit das Rundschreiben versandt wurde, ist nichts passiert - und es wäre wahrscheinlich auch weiterhin nichts passiert, wenn der SPIEGEL sich nicht darum gekümmert hätte."

Jedenfalls hoffen beide Seiten nun, dass die Prüfung durch Deloitte endgültig Klarheit bringen wird. Zur Linden hat den Wirtschaftsprüfern die gesamte Dokumentation des Streits zur Verfügung gestellt - genauso wie er sie bereits der Staatsanwaltschaft Köln geschickt hat. Vonovia-Chef Buch hat laut zur Linden bereits zugesagt, das Ergebnis gemeinsam mit seinem Mieter durchzugehen. Buch selbst wollte sich auf Anfrage des SPIEGEL nicht zum Inhalt der Telefonate mit zur Linden äußern, nur so viel: Es sei "durchaus üblich, dass unser Vorstand im Austausch mit unseren Mietern ist, natürlich auch telefonisch".

In jedem Fall dürften die verärgerten Vonovia-Mieter in anderen Häusern bundesweit und die Mietervereine das für Juli angekündigte Ergebnis ebenfalls mit Spannung erwarten.

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