Vor dem G-8-Gipfel Weltbank warnt vor naivem Konjunktur-Optimismus

Erste Anzeichen für ein Ende des Abschwungs lassen die Wirtschaft hoffen - doch nach Ansicht der Weltbank ist die Rezessionsgefahr längst nicht gebannt. Institutschef Zoellick warnt die führenden Industriestaaten jetzt vor Optimismus: "2009 bleibt ein gefährliches Jahr."


Genf - Der Zeitpunkt ist gut gewählt: Nur zwei Tage bevor sich die Vertreter der acht führenden Industriestaaten zum G-8-Gipfel treffen, richtet Weltbank-Chef Robert Zoellick mahnende Worte an sie. Die Hoffnungen auf ein Ende der Weltwirtschaftskrise könnten verfrüht sein, schreibt Zoellick in einem Brief an den Gastgeber des Gipfels, den italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi. Trotz jüngster Fortschritte könne es leicht wieder zu Rückschlägen kommen. "2009 bleibt ein gefährliches Jahr", warnt Zoellick. Auch das Tempo der Erholung im Jahr 2010 sei mehr als unsicher.

Weltbank-Chef Robert Zoellick: Protektionistische Tendenzen könnten "außer Kontrolle geraten"
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Weltbank-Chef Robert Zoellick: Protektionistische Tendenzen könnten "außer Kontrolle geraten"

In dem Schreiben, das in Durchschriften an alle führenden Vertreter der G8 gerichtet ist, werden die Maßnahmen der Regierungen und Notenbanken im Kampf gegen die Krise gewürdigt. Sie hätten den "freien Fall der Weltwirtschaft" gestoppt. Manche Industriestaaten stellten sich aber vorschnell darauf ein, dass die Erholung bereits greifbar nahe sei, kritisierte Zoellick.

Die Weltbank hatte jüngst ihre Konjunkturprognosen für die Euro-Zone, die USA und Japan für das laufende Jahr gesenkt. Zugleich geht sie davon aus, dass die Erholung 2010 schwächer als zuvor erwartet ausfallen wird.

Bei dem G-8-Gipfel, der am Mittwoch im italienischen L'Aquila beginnt, dürfte der Kampf gegen die weltweite Krise im Mittelpunkt stehen. Zoellick warnte die teilnehmenden Staaten eindringlich davor, in der Krise ihr Heil in einer wirtschaftlichen Abschottung zu suchen. "Diese Tendenzen könnten in den nächsten Monaten außer Kontrolle geraten", sagte der Weltbank-Präsident. Die Entwicklung könne eskalieren, falls sich die Staaten bei steigender Arbeitslosigkeit in einem protektionistischen Wettlauf gegenseitig zu überbieten suchten. Als Reaktion auf die Krise seien bereits verstärkt Importzölle erhoben und andere Handelshürden errichtet worden. Das schade dem Handel, der in der Krise wegen der sinkenden Nachfrage ohnehin eingebrochen sei.

So versucht etwa US-Präsident Barack Obama mit einem 800 Milliarden Dollar schweren Konjunkturpaket, die einheimische Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen. Ziel des Pakets war es auch, den Kauf amerikanischer Produkte zu befördern. Diese umstrittenen "Buy American"-Klauseln wurden zwar letztendlich abgeschwächt, dennoch lösten sie weltweit eine Debatte über Protektionismus im Kampf gegen die Wirtschaftskrise aus.

G-8-Staaten stellen zwölf Milliarden für Landwirtschaft bereit

Auch das von der Krise stark getroffene China hatte Befürchtungen geweckt, die Regierung in Peking könne stärker auf ökonomische Abschottung setzen: Anfang Juni ordnete sie mit Blick auf ihr Konjunkturprogramm in Höhe von 585 Milliarden Dollar an, nach Möglichkeit inländische Produkte bei staatlich finanzierten Projekten zu berücksichtigen. Die Weltbank warnte die Volksrepublik daraufhin, ihren Ruf als Kämpferin gegen den Protektionismus aufs Spiel zu setzen. Zuletzt hatten auch westliche Firmen darüber geklagt, bei Aufträgen in China nicht zum Zuge gekommen zu sein.

Unterdessen haben sich die G-8-Länder laut einem Zeitungsbericht auf die Zahlung von zwölf Milliarden Dollar für die landwirtschaftliche Entwicklung verständigt. Die Gelder seien für die kommenden drei Jahre bestimmt und Teil einer Initiative zur Nahrungsmittelsicherheit, berichtet die "Financial Times" unter Berufung auf einen entsprechenden Entwurf zum bevorstehenden Gipfel. Die USA und Japan zahlten jeweils zwischen drei und vier Milliarden Dollar. Für den Rest kämen Europa und Kanada auf. Ziel der Initiative sei es, in die Landwirtschaft von Entwicklungsländern zu investieren statt nur Lebensmittelhilfe zu leisten.

yes/Reuters



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Seite 1
jinky, 01.07.2009
1.
Zitat von sysopDie deutsche Industrie ersehnt sich ein Ende des Abschwungs, doch danach sieht es keineswegs aus. Ist die Wirtschaftskrise noch längst nicht überstanden?
Wie sollte sie denn, wenn die Medikamente nicht nur unterdosiert verschrieben werden, sondern auch, bevor überhaupt nur ein nennenswertes Anschlagen beobachtet werden konnte, von Absetzen gefaselt wird - und man nicht gewillt ist, an den Umständen, die den Patienten haben erkranken lassen, auch nur irgendetwas zu ändern?
silverboy 01.07.2009
2. eine Krise
kann ja wohl kaum beendet sein, wenn sie noch nicht einmal angefangen hat. Das muß erst richtig knallen. Da müssen erst Geldbestände und Überproduktion verschwinden. So 2015-2020 können wir wieder von einem Ende sprechen.
ender, 01.07.2009
3.
Zitat von sysopDie deutsche Industrie ersehnt sich ein Ende des Abschwungs, doch danach sieht es keineswegs aus. Ist die Wirtschaftskrise noch längst nicht überstanden?
Die Krise hat ja noch gar nicht richtig eingesetzt. Die Ursachen der Krise sind tief in der Gesellschaft verwurzelt und die wahren Gründe spielen in der öffentlichen Diskussion - und damit im öffentlichen Bewusstsein - noch gar keine Rolle. Die Krise wird sich solange weiter verstärken, bis es zu einem echten Kollaps kommt oder die Ursachen erkannt werden und gegengesteuert wird.
kathrin_erlenbacher, 01.07.2009
4.
Zitat von sysopDie deutsche Industrie ersehnt sich ein Ende des Abschwungs, doch danach sieht es keineswegs aus. Ist die Wirtschaftskrise noch längst nicht überstanden?
Doch, die Krise neigt sich dem Ende entgegen. Der neue deutsche Obama wird die Krise wegkuscheln: http://www.welt.de/multimedia/archive/00386/wowereit_freund_ddp_386248g.jpg
rempfi, 01.07.2009
5. Krise ? Welche Krise ?
Den Damen und Herren, die die Krise verursacht haben, geht es doch gut, also welche Krise bitte ? Die Politiker können doch weiter Ihre Kanapees mit den Herren, die den Hals nicht voll genug bekommen haben zu sich nehmen... Krise ? Für diese Herren ist es doch ein Fremdwort, den Arbeitsplatz zu verlieren... Ihre Schäfchen sind doch im Trockenen. Ihre Verantwortung ist doch nicht wichtig, Sie sind ja immun gegen Haftung. Erst dann, wenn deren Hütten brennen, wenn Sie den Zorn der Menschen spüren, werden sie etwas von Krise bemerken. Aber solange man noch öffentlich von Maßnahmen sprechen darf, ohne von intelligenten Moderatoren und Journalisten einmal auf die tatsächlichen Ursachen, nämlich die handwerklichen Fehler bei der Ausarbeitung von Gesetzen, bei der Abgabe von Macht nach Brüssel, Ihrer eigenen Geldgeilheit etc. angesprochen werden, kann man zumindest einmal über die tatsächlichen Ursachen der Krise sprechen. Jahrelang hat man die Menschen bewusst belogen, betrogen und mit schönen Worten getäuscht. Es muss noch viel passieren, bis die Krise tatsächlich vorbei ist, vermutlich muss die Mehrzahl der bspw. Deutschen erst einmal auf die Straße gehen, vielleicht mit dem Spruch "Wir haben die Schnauze voll, verpisst euch", bevor etwas geschieht, das die Augen öffnet. Mit fetten Bäuchen lässt sich gut über die Krise reden. Da lassen sich schön Arbeitslosenstatistiken fälschen, 58-jährige zwangsverrenten, nur damit die Statistiken stimmen, ja ja. Ach es gäbe so viele Gründe hier , aber der Politiker, der sich mit seinem Medienberater so gut versteht, der Vorstand und Manager, der Millionen scheffelt, der Aktionär, der den Hals nicht vollbekommt, der spürt doch keine Krise... wo denn bitte
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