Zur Ausgabe
Artikel 34 / 108
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Währung Vor dem Konkurs

Die Spannungen im Europäischen Währungssystem nehmen zu. Vergangene Woche machten sie den Schweden besonders zu schaffen.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Selbstbewußt ging Schwedens Ministerpräsident Carl Bildt, 43, die vergangene Woche an. Ein »Krisenpaket«, beruhigte er am Montag aus London, sei unnötig. Der Erfolg seines Sanierungskurses für die schwedische Wirtschaft, orakelte er, werde sich bald in sinkenden Zinsen niederschlagen.

Die Worte hielten keine 24 Stunden. Am Dienstag vergangener Woche setzte Reichsbankchef Bengt Dennis den Tageszinssatz von 16 auf 24 Prozent, einen Tag später sogar auf 75 Prozent hoch.

Die Rekordzinsen sollen die Schwedenkrone vor dem Absturz bewahren. Der internationale Devisenhandel hatte schätzungsweise 40 Milliarden Kronen gegen stabilere Währungen, vor allem D-Mark, getauscht.

Europas Währungen sind außer Rand und Band; die festgesetzten Wechselkurse innerhalb des Europäischen Währungssystems (EWS) lassen sich nur mit massiven Stützungskäufen aufrechterhalten.

Die Spekulanten setzen auf eine Neufestsetzung der Devisenkurse in Europa. Der Dollarverfall und die Unsicherheit über den Ausgang des Referendums in Frankreich treiben viel Kapital in harte Währungen wie die Mark.

Stimmen die Franzosen am 20. September gegen die geplante Währungsunion, dann, da sind sich alle Devisenhändler einig, gibt es kein Halten mehr. Dann müssen neue Kurse festgelegt werden.

Die Finnen konnten dem Druck schon vergangene Woche nicht mehr standhalten. Die Bank von Finnland mußte die Bindung der heimischen Mark an den Ecu aufgeben.

Wie der Wert der Finn-Mark tatsächlich eingeschätzt wird, zeigte sich sehr schnell: Ihr Wert sackte innerhalb von Stunden um rund 15 Prozent.

Eine solche Entwicklung wollen die Schweden vermeiden, um nahezu jeden Preis. Die Rekordzinsen sind vor allem ein Signal, wie ernst es Regierung und Notenbank mit der Unterstützung ihrer Währung meinen.

Die Krone ist, wie vordem die finnische Mark, an den Ecu gebunden, obwohl das Land dem EWS nicht angehört. Doch die Schweden wollen Mitglied der EG werden; sie müssen deshalb für eine starke Währung sorgen.

Der Devisenkurs hat allerdings auch etwas mit der Leistungskraft der Wirtschaft zu tun, und da haben Finnland und Schweden allerhand Probleme. Daß es vielen EG-Ländern nicht besser geht, ist kein Trost: Die EWS-Mitglieder haben sich verpflichtet, ihre Währungen gegenseitig zu stützen.

Gemeinsam haben etwa die Bank von Italien und die Deutsche Bundesbank am Donnerstag und Freitag vergangener Woche die italienische Lira vor dem Absturz bewahrt. Und diese Woche könnten die Interventionen nicht mehr reichen. Banker rechnen mit einer weiteren Leitzinserhöhung in Rom.

Auf Europas Finanzmärkten herrscht Krisenstimmung. Lange lassen sich solche Spannungen nicht aushalten. Die Währungen müssen angepaßt - oder die wirtschaftlichen Verhältnisse in den schwachen Ländern verbessert werden. Doch das ist, wie das Beispiel Schweden zeigt, besonders schwierig.

Die bürgerliche Koalition, erst seit vergangenem Herbst an der Macht, versprach »einen neuen Start für Schweden«. Die Wirtschaft sollte durch drastische Schnitte ins großzügige Wohlfahrtsnetz und Steuererleichterungen wieder auf Leistung und Wachstum getrimmt werden.

Von den angekündigten Einsparungen in Höhe von 27 Milliarden Kronen hat Bildts Minderheitskabinett immerhin 20 Milliarden durchgesetzt. Die liberale Finanzministerin Anne Wibble will zudem die Sozialleistungen kräftig zusammenstreichen.

Bis Silvester wird nach Ansicht von Volkswirten das auf 102 Milliarden berechnete Haushaltsdefizit auf 160 bis 180 Milliarden angeschwollen sein. Die Arbeitslosenrate stieg in gut zwei Jahren von 1,2 auf derzeit offizielle 5,8 Prozent.

Das schlimmste Bild bietet jedoch Schwedens Finanzsystem. Sämtliche Banken hatten Ende der achtziger Jahre allzu großzügige Kredite an Börsen- und Immobilienspekulanten vergeben.

Nun müssen sie voraussichtlich Kreditverluste von 80 Milliarden Kronen oder mehr verkraften. Die staatliche Nordbanken und die private Gotabanken konnten nur durch Garantien des Stockholmer Finanzministeriums vor dem Konkurs gerettet werden.

Zweifel an der Stabilität der Krone nährt aber auch die Regierung selbst. Von 1993 an will sie die Mehrwertsteuer von 25 auf 22 Prozent senken, gleichzeitig aber an kostspieligen Reformen festhalten.

Das sind Zugeständnisse an die Koalitionspartner; langfristig aber kann wohl nur eine Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten der Regierung breite parlamentarische Mehrheiten und ihrer Politik die notwendige Glaubwürdigkeit verschaffen.

Oppositionsführer Ingvar Carlsson hat sich zur Kooperation bereit erklärt, allerdings unter klaren Bedingungen: Bildts Regierung müsse einen harten Sparkurs fahren. Carlsson lakonisch: »Keine Reformen, die Ausgaben erfordern, und keinerlei Steuersenkungen in Krisenzeiten.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 34 / 108
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.