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SCHWEDEN Vor der Nase weggefahren

Das schwedische Konjunkturwunder ist geplatzt: Stockholm wertete die Krone ab und muß die ohnehin schwache Wirtschaft bremsen.
aus DER SPIEGEL 37/1977

Die weltweite Rezession schien die Schweden auszusparen. Während die Volkswirtschaften der wichtigsten Industrieländer 1974, im Jahr nach der Ölpreis-Explosion, stagnierten oder schrumpften, legten die Schweden noch zu. Ihr Sozialprodukt stieg um 4,2 Prozent.

Erstaunlicher noch: Die Zahl der Arbeitslosen, die in der einst mit fast chronischer Überbeschäftigung gesegneten Bundesrepublik 1975 erstmals die Millionengrenze übersprang, ging beim Acht-Millionen-Volk der Schweden von 1973 bis 1975 um über 30 Prozent auf 66 300 zurück.

Die Weltwirtschaftskrise sei »fast spurlos« an Schweden vorübergegangen, stellten die OECD-Fachleute in ihrem Jahresbericht über Schweden 1975 bewundernd fest.

Zwei Jahre später stellte sich heraus, daß auch die Schweden das globale Konjunkturtal nicht überspringen konnten. Deutlichstes Zeichen der Schweden-Schwäche: Anfang letzter Woche wertete die Stockholmer Regierung die schwedische Krone gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner um zehn Prozent ab.

Diesen dritten Kurs-Schnitt innerhalb eines Jahres verknüpfte das konservativ-liberale Kabinett des Ministerpräsidenten Thorbjörn Fälldin mit dem Austritt der Krone aus der Währungsschlange, jenem Verbund von Europa-Währungen, die durch Verketten der Wechselkurse eine Stabilitätsgemeinschaft bilden sollten.

Durch das Ausscheiden der zu weich gewordenen Schweden-Krone aus dem Hartwährungs-Pakt sahen sich auch die engsten Handelspartner Schwedens, die Dänen und Norweger, gezwungen, um fünf Prozent abzuwerten.

Die beiden Schweden-Nachbarn aber ließen ihre Kronen noch in der schon fast zur Blindschleiche verkümmerten Euro-Schlange, in der diese nach dem früheren Ausscheren von Lire, Pfund und französischem Franc nun nur noch an Mark, Gulden sowie belgischen und luxemburgischen Franc gekoppelt sind.

»Wir haben ganz einfach zu viele Jahre von Geld gelebt«, begründete Schwedens Wirtschaftsminister Gösta Bohman das Notprogramm, »das wir noch gar nicht verdient hatten.«

Mit steigenden Defiziten im Staatshaushalt (voraussichtliche Etat-Lücke 1977/78: 14 Milliarden Kronen) hatte Fälldins Vorgänger, der im September 1976 abgelöste Sozialdemokrat Olof Palme, versucht, Schwedens Unternehmer und Verbraucher gegen den Rezessions-Bazillus immun zu machen. Großzügige Staatssubventionen ermunterten die Unternehmen, Schiffe, Stahl und Papier auch dann zu produzieren, wenn sie vorerst unverkäuflich waren, und auf Lager zu nehmen.

Was als vorübergehende Hilfe zur Überbrückung eines weltwirtschaftlichen Ausnahmezustands geplant war, mutierte bald zur kaum noch finanzierbaren Dauer-Krücke. Allein im vergangenen Jahr wanderten Produkte im Wert von 6,5 Milliarden Kronen auf Halde. Die Vollbeschäftigungslager wurden insgesamt 25 Milliarden Kronen schwer fast ein Drittel dessen, was die schwedische Industrie 1976 exportierte.

Um den Zusammenbruch der künstlich belebten Binnenkonjunktur nach dem eigentlich für Ende 1976 vorgesehenen Auslaufen der Lager-Subventionen zu vermeiden, mußte die Regierung auch im ersten Halbjahr 1977 weitere Staatszuschüsse zur Finanzierung der Stahl-, Holz-, Papier- und Maschinenberge überweisen.

Das Konjunktur-Kalkül der schwedischen Wirtschaftsplaner war vor allem in zwei Punkten nicht aufgegangen. Entgegen den Stockholmer Erwartungen

>verlor die Welt-Konjunktur, auf deren rasche Wiederbelebung Schwedens Wirtschaftsplaner gesetzt hatten, seit der zweiten Hälfte 1976 wieder an Fahrt,

* ging die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Schweden wegen der durch die Vollbeschäftigungspolitik provozierten hoben Lohnsteigerungen stark zurück.

Nach Angaben des schwedischen Ökonomie-Professors Erik Dahmén lagen die schwedischen Lohnkosten mit 40 Kronen pro Stunde vor der jüngsten Abwertung um sieben Kronen über den US-Kosten, um zehn Kronen über den westdeutschen und sogar um 24 Kronen über den britischen Arbeitskosten. Schwedens Firmen hielten daher selbst bei der Ausfuhr einstiger Exportrenner wie Papier, Edelstahl und Kugellagern im Welthandel nicht mehr mit.

Um so kräftiger stiegen die Importe. Das Leistungsbilanz-Defizit, das 1976 bereits 10,6 Milliarden Kronen betragen hatte, wird für das laufende Jahr auf 16 Milliarden Kronen geschätzt.

Um den aus Großbritannien hinlänglich bekannten Teufelskreis zu sprengen -- eine Abwertung sorgt über höhere Importpreise für einen Inflationsschub (gegenwärtige Schweden-Inflation: etwa 13 Prozent), die folgenden Lohn- und Kostensteigerungen zwingen schließlich zu einem weiteren Währungsschnitt -, will die Regierung Fälldin nun die Staatsausgaben und den Konsum der Bürger drosseln.

Während Länder wie die Bundesrepublik (Wachstumsrate 1977: knapp vier Prozent) oder Frankreich (3,5 Prozent) die Konjunktur durch zusätzliche Staatsausgaben beleben wollen, wird die ohnehin wachstumsschwache Schwedenwirtschaft (wertiger als ein Prozent in diesem Jahr) somit noch gebremst.

»Heute sieht man ein«, kommentierte der Nestor der schwedischen Ökonomen, Professor Erik Lundberg, diesen Wandel, »daß uns durch die bisherige Politik nun auch der Aufschwung vor der Nase weggefahren ist.«

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