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EIGENHEIME Vorerst ausgeträumt

Für Durchschnittsverdiener ist das Eigenheim nicht mehr zu finanzieren, viele Hausbesitzer haben sich übernommen.
aus DER SPIEGEL 13/1981

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg hat sich wochenlang im Lande umgesehen, und das lohnte wohl -- Lothar Späth hat etwas entdeckt.

»Bis zu 40 Prozent des Nettoeinkommens«, so verkündete der von den Christdemokraten auf dem Mannheimer CDU-Parteitag als Wohnungsbau-Experte gefeierte Schwabe, würden deutsche Häuslebauer »für die Eigentumsbildung« opfern.

Der Experte Späth hat nicht richtig hingeguckt. Denn viele Bundesbürger stecken längst mehr als drei Viertel ihres Verdienstes in ein Eigenheim -- und bilden gleichwohl kein Eigentum. Immer mehr Bauherren lavieren hierzulande haarscharf am Rande des Ruins, sie leben nur noch auf Pump.

Viele haben sich so übernommen, daß sie Pleite machen, wie die Bayerische Landesbank jetzt erschreckt feststellte. »Daß etlichen Leuten nun die Luft ganz ausgeht«, fürchtet auch Heinz Breier, beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband zuständig für die Wohnungsfinanzierung.

Schon kursieren in Ballungszentren, etwa im Rhein-Main-Gebiet, Listen mit Zwangsversteigerungen bankrotter Hausbauer. Flinke Geschäftemacher spekulieren auf eine günstige Okkasion aus der Konkursmasse.

Der Traum vom eigenen Heim mit einem richtigen Garten drumherum ist für die meisten Bundesbürger vorerst ausgeträumt. Von einem durchschnittlichen Einkommen läßt sich nicht einmal mehr genügend Geld zur Finanzierung eines schmalen Reihenhauses oder einer kleinen Eigentumswohnung abzwacken.

Bodenpreise, Baukosten und Zinslasten klettern mit zweistelligen Zuwachsraten. Allein die Preise für baureifen Boden stiegen in Jahresfrist um 27 Prozent. Denn Bauplätze sind knapp und deshalb für Spekulanten allemal interessant: Der Wertzuwachs bleibt praktisch steuerfrei.

So kostet in den Metropolen Stuttgart, München, Düsseldorf und Frankfurt ein Quadratmeter Baugrund heute zwischen 500 und 1000 Mark. Selbst 50 Kilometer weit entfernt von den Stadtzentren werden für ein Fleckchen Land von 22 Meter Länge und 22 Meter Breite nun schon mehr als 100 000 Mark verlangt.

Gleichzeitig stiegen 1980 die Kosten fürs Bauwerk im Schnitt um elf Prozent. Bund, Länder und Gemeinden heizten in den letzten Jahren die Baunachfrage so kräftig an, daß die Baufirmen sich in ihrer Preispolitik ungehemmt fühlen konnten.

So liefen die Preise den Bauwilligen davon. Was Architekten bei der Planung kalkulierten, war beim Richtfest meist schon Makulatur. Aufpreise von 30 000, 40 000 oder 50 000 Mark für ein Einfamilienhaus sind mittlerweile landesüblich.

Seit Anfang 1978 ziehen zudem auch die Zinsen für Hypotheken kräftig an, von durchschnittlich sechs bis auf über 13 Prozent. Eine Erhöhung der Zinssätze allein um ein Prozent bei einer Kreditsumme von 300 000 Mark etwa und einer Laufzeit von 30 Jahren bedeutet bereits einen zusätzlichen Zinsaufwand von rund 250 Mark pro Monat. S.85

Wolfgang Jüttner vom Gesamtverband gemeinnütziger Wohnungsunternehmen hat einmal vorgerechnet, wie die steigenden Kosten für Grundstück, Maurer und Finanzierung den Bauherren belasten. Als Beispiel dient dabei ein Einfamilienhaus, das im Frühjahr 1978 einschließlich des Grundstücks 300 000 Mark kostete, das mit 60 000 Mark Angespartem und zu 80 Prozent mit Kreditiertem finanziert wurde.

Damals belastete das Häuschen den Bauherrn mit 1640 Mark pro Monat. Inzwischen kostet dieses Modellhaus rund 400 000 Mark. Werden nun wiederum 20 Prozent Eigenkapital eingesetzt, also inzwischen 80 000 Mark, dann wächst die monatliche Last für Zinsen (13 Prozent) und Tilgung (ein Prozent) auf 4025 Mark.

»Das ist nur der nackte Kapitaldienst«, erläutert Jüttner, »da hat der Bauherr noch nicht ein einziges Mal warm geduscht.« Er hat auch noch nicht geheizt, getankt und gegessen. Derzeit verdient ein Arbeitnehmer im Schnitt gerade 2500 Mark brutto.

Da ist ein neues Heim für viele nicht mehr zu finanzieren. Aber auch Eigenheimbauer, die in Zeiten billigen Geldes vor zwei oder drei Jahren Bankkredite mit variablen Zinsen oder mit kurzen Laufzeiten aufgenommen haben, geraten jetzt in die Klemme. Zwar setzen die Kreditinstitute im Ernstfall meist bereitwillig die Tilgung aus; doch der Verdienst reicht oft nicht hin, um die Zinslast abzustottern.

Deshalb bieten Sparkassen und Banken den Betroffenen in der Not zusätzlich teure Streckungsdarlehen, Zuschußkredite oder Überbrückungshilfen. Doch die Hilfe hat eine häßliche Nebenwirkung: Trotz fleißiger Ratenzahlungen sinkt die Verschuldung nicht, wie ursprünglich geplant, sondern steigt Monat für Monat weiter. Die Bauherren geraten noch tiefer in die roten Zahlen.

»Die gesamte Finanzierung wird damit auf einen unabsehbar langen Zeitraum verschoben«, weiß Heinz Laube von der Bausparkasse Gemeinschaft der Freunde Wüstenrot. Die schwere Hypothek auf dem eigenen Haus wird bis auf die Enkel abgewälzt, der Bauvertrag wird zum »Generationenvertrag« (Laube).

Daß trotzdem immer noch Eigenheime gebaut werden, ist für manche Experten ein Rätsel. Denn bei einer soliden Finanzierung müßten die Bauherren, so Sparkassen-Finanzmann Breier, »schon einen richtigen Batzen mitbringen«.

Den allerdings bringen viele Bauwillige nicht. Sie fallen offenbar auf die großspurigen Versprechen von Bauträgern, Immobilienmaklern und Geldvermittlern herein, ohne genau nachzurechnen, was mit dem ersehnten Eigenheim auf sie zukommt.

Die Firmen locken mit Quadratmeterpreisen »ab 1740 Mark«, ohne den S.86 tatsächlichen Endpreis zu nennen, der dann beträchtlich höher liegt. Sie preisen niedrige Hypothekenzinsen, verschweigen aber die effektiven Raten.

Und was die Bauwilligen so schreckt, die drastisch steigenden Kosten nämlich, wird in der Werbung schließlich zum Anreiz: Da alles immer teurer werde, kann der Wert des eigenen Heimes nur wachsen.

Als »zukunftssicher und wertsteigernd« preist etwa die Firma OFB, eine Tochtergesellschaft der Hessischen Landesbank, ihre Immobilien. Da gäbe es nur noch eines: »Jetzt kaufen, die Mieten steigen.«

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