Vorstoß Grüne wollen Autoindustrie zukunftssicher machen

Mit ihrer neuen Offensive für umweltfreundliche Autos treffen die Grünen die Autoindustrie an einer empfindlichen Stelle. In dem heute vorgelegten Thesenpapier verzichten sie auf Direktiven und Beschränkungen und weisen statt dessen auf Zukunftstechnologien hin, mit denen die Konzerne schon längst Geld verdienen könnten.

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Toyota Prius mit Hybridantrieb: Deutsche haben fortschrittliche Technologien verschlafen
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Toyota Prius mit Hybridantrieb: Deutsche haben fortschrittliche Technologien verschlafen

Berlin - "Unser Papier soll auch einen Beitrag zur Diskussion um die Zukunft des Automobilstandorts Deutschland leisten", sagt der grüne Wirtschaftsexperte Fritz Kuhn bei der Vorstellung. Nur wer rechtzeitig gute Ideen entwickele, mache gute Geschäfte. Die Zögernden seien die Verlierer.

Mit dem Seitenhieb trifft Kuhn ins Schwarze. Selten haben die deutschen Autokonzerne fortschrittliche Technologien verschlafen, die nicht nur der Umwelt nützen, sondern auch Geld einbringen. Während der japanische Hersteller Toyota den Hybridantrieb zur Marktreife entwickelte und inzwischen der Nachfrage insbesondere aus den USA kaum Herr wird, setzten die Manager in Deutschland auf die Dieseltechnik.

Doch selbst hier versagte ihr Geschäftssinn: Anstatt mit dem Rußpartikelfilter neue Maßstäbe für den Schadstoffausstoß zu setzen, zogen sie gegen die Einführung schärferer Abgasgrenzwerte zu Felde. Zu diesem Zeitpunkt fuhren die französischen Konkurrenten Peugeot und Citroen mit dem Filter bereits hohe Gewinne ein. Noch heute kann etwa Volkswagen seine Diesel mit Partikelfilter nur mit langen Lieferzeiten anbieten. Ungeduldige Kunden wechseln deshalb die Marke.

Die Hinwendung der Verbraucher zu umweltfreundlichen Technologien bereitet den Grünen eine späte Genugtuung. Bislang als restriktiv und industriefeindlich verschrieen, können sie nun ganz im Sinne der Ökonomen argumentieren. "In einer globalisierten Welt wird derjenige die Zukunftsmärkte gewinnen, der auf die Herausforderungen von morgen schon heute mit innovativen Entwicklungen aufwarten kann", heißt es in dem Papier. Trotz großer Erfolge in den vergangenen Jahren seien die deutschen Autoproduzenten in dieser Hinsicht schlecht aufgestellt. Weil zukunftsfähige Produkte fehlten, seien auch Arbeitsplätze in Gefahr.

Wie das Automobil der Zukunft aussehen muss, darüber gaben Kuhn und seine Mitstreiter jedoch nur Allgemeinplätze zum besten: weniger Verbrauch und geringeres Gewicht sollen zu niedrigerem Schadstoffausstoß führen. Zum Einsatz kommen sollen in Zukunft verstärkt regenerative Energien, die entsprechend steuerlich begünstigt werden müssten. Konventionelle Kraftstoffe seien damit in absehbarer Zeit jedoch noch nicht vollständig zu ersetzen.

Konzept nur als Ganzes wirksam

Zum Ideenkatalog gehört auch die Privilegierung von Car-Sharing-Modellen. Für die Fahrzeug-Netzwerke wollen die Grünen ähnlich den Taxiständen innerstädtischen Parkraum zur Verfügung stellen und sie steuerlich mit dem öffentlichen Nahverkehr gleichsetzen.

Dass die Punkte für sich nicht sehr spektakulär sind, räumt auch Winfried Herrmann, einer der Mitautoren des Papiers, ein. Volle Wirksamkeit entfalte das Konzept erst, wenn es als ganzes umgesetzt werde. "Auch der Markt hat da ein Mitspracherecht, zum Beispiel wenn es darum geht, ob sich konventionelle oder alternative Kraftstoffe durchsetzen."

Ein allgemeines Tempolimit soll nach Auskunft von Albert Schmidt jedoch nicht zu den Kernpunkten der Grünen-Offensive gehören. Die Potenziale zur Reduzierung des Verbrauchs seien zu gering. "Ein Limit von 120 Kilometern pro Stunde bringt nur zwei Prozent Spriteinsparung", sagte Schmidt. Sinnvoll seien statt dessen flexible Geschwindigkeitsregelungen, die das Verkehrsaufkommen berücksichtigten und damit gleichzeitig zur Reduzierung von Staus beitrügen.

Insgesamt, so rechnen die Initiatoren des Papiers vor, soll das Gesamtpaket - so es sich denn in allen Punkten umsetzen lässt - bis 2020 rund 50 Prozent Kohlendioxid-Einsparungen einbringen. 2050 könnten es sogar 80 Prozent sein. Damit wäre man dann weg vom Öl - eine Zukunft, die nicht allein nach Einschätzung der Grünen sowieso vorgezeichnet ist. Eine ihrer Thesen bringt es auf den Punkt: "Das Auto der Zukunft fährt entweder solar, oder gar nicht."



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