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KEPA-WARENHÄUSER Vorstoß nach Flensburg

aus DER SPIEGEL 43/1956

Noch rechtzeitig zum Beginn des Weihnachtsgeschäfts wird Westdeutschlands größtes Groschenladen-Unternehmen, die Kepa-GmbH, ihren neuesten Verkaufspalast eröffnen - in Flensburg* an der dänischen Grenze. Die Gesellschaft, die zu 75 Prozent der Rudolph Karstadt AG gehört, scheute beim Richtfest keine Kosten - es wurde ein rauschendes Volksfest.

Die Kepa-Geschäftsleitung hatte allen Grund zur Feier, denn nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit dem Flensburger Mittelstandsblock ist es ihr gelungen, in den Mauern der Grenzlandstadt Fuß zu fassen, was bisher noch keiner Warenhausgesellschaft vergönnt war. Denn verbissener als in jeder anderen deutschen Stadt hat sich in Flensburg die mittelständische Kaufmannschaft gegen die Großmacht Warenhaus verschworen.

Schon vor Jahren gründeten 180 Geschäfts- und Grundstücksbesitzer der Innenstadt die »Interessengemeinschaft Stadtmitte«, die es sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, keinen auswärtigen Konkurrenten in der Aquavit-Metropole heimisch werden zu lassen. Die Flensburger Einzelhändler wollten - »up ewig ungedeelt« - ihren Profit mit keinem zugereisten Unternehmer teilen.

Die gesellschaftlichen und städtebaulichen Fundamente der vom zweiten Weltkrieg fast unberührten Stadt erleichterten diesen Plan, denn die alten Häuser an den Hauptstraßen sind so schmal, daß ein Geschäftsmann gleich mehrere Grundstücke erwerben muß, wenn er ein modernes Kaufhaus errichten will. Die Interessengemeinschaft Stadtmitte sorgte stets dafür, daß bei den Vorstößen zahlungskräftiger Interessenten, die sich um den serienweisen Ankauf der Miniaturgrundstücke bemühten, mindestens ein Besitzer den Verlockungen widerstand.

An dieser Taktik scheiterten unter anderem die Pläne der Hamburger Betten- und Teppichfirma Peter Holm. Da der Zusammenkauf von Grundstücken aussichtslos war, wollte Holm schließlich ein größeres Flensburger Textilgeschäft erwerben, das vor dem Konkurs stand. Da sprang die Interessengemeinschaft in die Bresche und sanierte auf Kosten aller Mitglieder die bedrohte einheimische Firma. Der Vorsitzende der Interessengemeinschaft, Textilkaufmann Werner Lund, freut sich noch heute über dieses gelungene Manöver: »Ja, wir halten eben noch zusammen, hier im Grenzland.«

So konnte die Interessengemeinschaft Stadtmitte jahrelang jedes große Warenhausunternehmen abwehren. Dabei zeigten die Warenhausgesellschaften, die möglichst in allen größeren Städten vertreten sein wollen, für Flensburg aus einleuchtenden Gründen ganz besonderes Interesse. Die Grenzstadt hat ein weitreichendes Kundeneinzugsgebiet, das über die bundesdeutschen Grenzen hinausragt. Täglich strömen Tausende kauflustiger Dänen mit Fahrrädern, Omnibussen oder auf Dampfern nach Flensburg.

Begehrt sind vor allem Lederwaren, kosmetische Artikel, Spielzeug, Südfrüchte und Süßwaren, aber auch Textilien und alkoholische Getränke, die trotz des Zolls in Westdeutschland billiger sind als in Dänemark. Der Donnerstag heißt bei den Flensburger Geschäftsleuten wegen der vielen Künden, die gerade an diesem Wochentag aus dem Nachbarland herüberkommen, nur noch der »Dänentag«.

Die günstige Geschäftslage Flensburgs reizte die Kepa -Gesellschaft seit langem. Sie beauftragte die tüchtigsten Grundstücksmakler und bot die höchsten Preise, bis schließlich ein nicht von den Weisungen der Interessengemeinschaft Stadtmitte abhängiger Beamter sein

an der Flensburger Hauptgeschäftsstraße Holm - gelegenes großes Grundstück mit drei Häusern an die Kepa verkaufte. Außerdem konnte die Gesellschaft noch die angrenzende, Hälfte des Nachbarhauses erwerben; mehr war allerdings nicht zu erreichen, da dieses Nachbarhaus zwei Besitzer hat und einer der Besitzer der Interessengemeinschaft gehorchte.

Die Abbrucharbeiten waren bereits im Gange, als die Kepa -Direktion in Essen zu spüren bekam, daß sie die Macht der Flensburger Interessengemeinschaft Stadtmitte noch nicht gebrochen hatte. In dem halben Haus wohnte die 78jährige Witwe Sophie Thomsen. Sie präsentierte der Kepa ein Dokument, das ihr bis ans Lebensende das Wohnrecht in jenem Hause verbürgte.

Die Kepa bot der Sophie Thomsen mehrere mietfreie Wohnungen zum Tausch an, aber die von der Interessengemeinschaft unterstützte Witwe schlug alle Angebote mit der Begründung aus, daß die

Tauschobjekte nicht »gleichwertig« seien. Zu der geforderten Gleichwertigkeit gehörte auch der milde Schein einer altmodischen Straßenlaterne, die jeden Abend direkt vor dem Fenster der Witwe ihr mattes Licht ausstrahlte, so daß die sparsame Witwe Thomsen ihre elektrische Stubenbeleuchtung nicht anzuschalten brauchte.

Auf diesen Vorteil pochte Sophie Thomsen nun mit so viel Hartnäckigkeit, daß sich die Kepa entschloß, die Witwe aus dem Haus zu klagen. Die Flensburger Richter zeigten erstaunliches Verständnis für die Wünsche der alten Dame und wiesen die Räumungsklage der Kepa in erster Instanz ab.

Unmittelbar vor der Berufungsverhandlung kam schließlich ein außergerichtlicher Vergleich zustande: Die Witwe Thomsen erhielt als Ausgleich für die alte Laterne vor ihrem Fenster 7500 Mark; darauf zog sie in eine andere Wohnung Immerhin hatte ihre Halsstarrigkeit den Bau des Kepa-Gebäudes um ein ganzes Jahr verzögert.

Die anonyme Abwehrtätigkeit der Kaufmannsfront hat der Kepa bei den konservativen Bewohnern der Stadt den Ruf der Zivilisationsbarbarei eingetragen. Das altertümliche Giebelhaus, das zwei Besitzer hat, wurde gespalten. Nur durch kostspielige Sicherungsmaßnahmen gelang es den Bauingenieuren der Kepa, die eine Hälfte des Hauses bis zu den Fundamenten abzutragen, ohne daß die andere Haushälfte zusammenstürzte. Als Mahnmal wider die Eroberungswut der Warenhauskonzerne lehnt sich jetzt das windschiefe halbe Bauwerk an die Betonburg der Kepa, die den Einzelhändlern sehr bald scharfe Konkurrenz machen wird.

* Die Kepa besitzt Im Bundesgebiet 25 Verkaufshäuser und in Westberlin vier Filialen.

Flensburger Kepa-Palast: Ein Wohnhaus (l.) wurde gespalten

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