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BENZIN Vorteilhafter Schwindel

Über fünf Millionen Autofahrer müssen die Sprit-Sorte wechseln. Bald gibt es kein verbleites Normal mehr. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Die beiden Liebhaber alter Autos wollten etwas für die Umwelt tun. Ob sein Modell aus dem Jahre 1934 Bleifrei-Benzin vertrage, fragte ein Rolls-Royce-Fahrer bei der Esso an. Noch fünf Jahre älter war der Citroen nach dessen Bleifrei-Tauglichkeit sich ein Automobilist erkundigte.

Die Antwort fiel für die Oldie-Fans enttäuschend aus. Die Esso-Experten empfahlen, so alten Wagen kein neues Benzin mehr zuzumuten. Die mobilen Antiquitäten würden womöglich auch ohne Blei im Benzin auskommen; aber eine Garantie dafür mochte die Ölgesellschaft nicht übernehmen.

Fahrer wie der Rolls-Royce- und der Citroen-Besitzer, die ihre Wagen mit verbleitem Benzin betanken, werden womöglich schon im nächsten Jahr einer Minderheit angehören. Vom 1. Februar an gilt auch in der Bundesrepublik, was Österreich und die Schweiz schon seit längerem praktizieren: Der Verkauf von verbleitem Normalbenzin ist dann verboten. Und die Mineralöl-Branche hofft, daß sie den Anteil des bleifreien Benzins am gesamten Absatz von Normal und Super im Laufe des nächsten Jahres auf über 50 Prozent steigern kann.

Zu Beginn dieses Jahres hatte das noch ganz anders ausgesehen: Im ersten Quartal setzte die Benzin-Branche viermal mehr Blei- als Bleifrei-Sprit ab. Ob

nach dem Verschwinden des verbleiten Normalbenzins tatsächlich mehr bleifreier Sprit (nur 0,013 Gramm Blei je Liter erlaubt) als bleihaltiger (0,15 Gramm je Liter) getankt wird hängt davon ab, wie sich etwa vier Millionen Autobesitzer entscheiden. So hoch ist die Zahl der Tankstellen-Kunden, die zur Zeit noch verbleites Normalbenzin tanken, ihren Wagen aber auch ohne Gefahr für den Motor mit der bleifreien Sorte betreiben könnten.

Es sind Ignoranten oder überaus Ängstliche: Die einen haben sich trotz aller Aufklärungskampagnen der Industrie und der Umweltschützer bis heute nicht darum gekümmert, ob ihr Normalbenziner tatsächlich noch Blei im Sprit benötigt. Und die anderen werden immer noch von der völlig unbegründeten Furcht geplagt, ohne eine gehörige Beigabe Blei im Benzin werde der Motor ihres Wagens ruiniert.

Würden diese Autofahrer nun aus Angst und Dummheit vom verbleiten Normal auf das verbleite Super umsteigen, brächte das Blei-Verbot für Normalkraftstoff keine Entlastung für die Umwelt. Doch die jüngsten Absatz-Statistiken der Benzin-Branche deuten schon darauf hin, daß der Anteil jener Tankstellen-Kunden, die von verbleitem zu bleifreiem Normal wechseln, recht beträchtlich ist.

An den Stationen der großen Markengesellschaften hat der Anteil des unverbleiten Normalkraftstoffs am gesamten Benzin-Absatz binnen weniger Wochen um etwa zehn Prozent zugenommen. Jeder dritte Liter des insgesamt gezapften Benzins ist nun schon Normal unverbleit. Der Anteil des bleifreien Normalbenzins am gesamten Normalbenzin-Verkauf erreichte in den ersten Wochen dieses Monats sogar 60 Prozent.

Viele Autofahrer, die früher verbleites Normalbenzin tankten, haben sich nämlich schon auf eine neue Benzin-Sorte umstellen müssen: Sie finden in ihrer Umgebung keine Tankstelle mit dem gewohnten Sprit mehr. Die weitaus meisten Stationen sind bereits auf den Verkauf von nur noch drei Sorten - bleifreies Normal und Super sowie verbleites Super- umgerüstet.

Bei ihren Umstellungsplänen waren die Ölgesellschaften davon ausgegangen, daß verbleites Normalbenzin schon zum 1. Januar 1988 verboten wird. So hatte es die Bundesregierung angekündigt.

Doch die Bonner versäumten es, die EG-Kommission rechtzeitig - mindestens sechs Monate vor Inkrafttreten der geplanten Maßnahme - zu unterrichten. Die Brüsseler genehmigten den Alleingang der Deutschen daher erst zum Februar nächsten Jahres.

An dem Tempo, mit dem die Unternehmen ihre, Sprit-Stationen vom Vierer- aufs Dreier-Angebot umrüsten ließen konnte diese Verzögerung nichts mehr ändern. Weil die Umstellung eines großen Tankstellen-Netzes mehrere Wochen dauert, waren die ersten Konzern-Stationen schon im Oktober auf das reduzierte Angebot ausgerichtet worden.

Selbst an Tankstellen, an denen in den nächsten Wochen noch Schilder auf den Verkauf von verbleitem Normalbenzin hinweisen, wird tatsächlich oft anderer Stoff aus den Schläuchen fließen. Die deutschen Raffinerien haben Anfang dieses Monats ihre Produktion von verbleitem Normalbenzin eingestellt, und die großen Importeure haben auch keine Blei-Ware im Ausland mehr geordert.

Leeren sich nun die Läger mit diesem Stoff, so müssen die Benzin-Anbieter an Zapfsäulen, die noch nicht umgerüstet sind, einen für den Kunden vorteilhaften Etiketten-Schwindel betreiben: Um die Zapfsäulen nicht bis zur Umstellung stilllegen zu müssen, verkaufen die Ölgesellschaften dort vorübergehend verbleites Super zum Normaltarif.

Im neuen Jahr aber wird es auf jeden Fall für jene 1,5 Millionen Besitzer von alten Normal-Pkw teurer, die zum Schutz der Ventile verbleites Benzin tanken müssen. Denen bleibt dann nichts anderes übrig, als verbleites Super in den Tank zu füllen. Bei durchschnittlicher Fahrleistung kostet das 80 Mark mehr im Jahr.

Der Shell-Konzern könnte auch diesen Autofahrern helfen: Er verkauft schon in 29 Ländern ein Benzin, bei dem statt Blei eine Kaliumverbindung die noch nicht gehärteten Ventilsitze älterer Pkw schützt.

Doch in der Bundesrepublik darf nur Blei ins Benzin - wenn auch demnächst nur noch ins Super. Für die Zulassung des Metalls Kalium als Sprit-Beigabe wäre eine erneute Gesetzesänderung erforderlich.

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