VW-Affäre Aufsichtsratschef Piëch gerät unter Druck

In der Volkswagen-Affäre gerät jetzt auch der Aufsichtratsvorsitzende, Ferdinand Piëch, in die Kritik. Beobachter werfen dem langjährigen VW-Chef vor, für den nun aufgedeckten Filz im Konzern mitverantwortlich zu sein.

Hamburg - "Das Beispiel Piëch zeigt: Es ist nicht unbedingt gut, wenn ehemalige Vorstandsvorsitzende direkt auf den Aufsichtsratsvorsitz gehievt werden. Es besteht dann immer die Gefahr, dass falsche Entscheidungen der Vergangenheit zu lange gedeckt werden", sagte der stellvertretende FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle der Zeitung "Die Welt".

Bereits gestern hatte sich der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer für einen Rücktritt Piëchs ausgesprochen. Im Aufsichtsrat sei eine "Neuausrichtung" nötig, sagte Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der FH Gelsenkirchen, der Nachrichtenagentur dpa. Bei dieser Neuausrichtung sollte auch ein neuer Vorsitzender gewählt werden, der unbelastet von den Vorstandsentscheidungen der vergangenen zehn Jahre seine Kontrollfunktion wahrnehme. "Die Abhängigkeiten und Verflechtungen aus der Ära Piëch sind noch zu groß bei VW", sagte Dudenhöffer. Der Konzern müsse mit neuer Kraft seine Neuausrichtung stärken.

Dudenhöffer kritisierte, in der Zeit von Piëch als VW-Chef von 1993 bis 2002 seien die Grenzen zwischen den verschiedenen Interessengruppen im Konzern "zu fließend" gewesen. Dabei sei ein System der "Verfilzung" entstanden. Piëch sei es zudem gewesen, der Peter Hartz 1993 als Personalvorstand nach Wolfsburg geholt habe. Wichtige Entscheidungen, die zu wettbewerbsfähigeren Arbeitskosten bei VW geführt hätten, seien nicht getroffen worden.

Schnelle Entscheidung über Hartz-Nachfolge

Hartz hatte am Freitag seinen Rücktritt angeboten. Er übernahm damit die Verantwortung für die "Unregelmäßigkeiten" einzelner Mitarbeiter. Im Sog der VW-Affäre war zuvor bereits Betriebsratschef Klaus Volkert zurückgetreten.

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) dringt auf möglichst schnelle Entscheidungen zu dem Rücktrittsangebot. "Es spricht viel dafür, den Rücktritt von Peter Hartz jetzt zum Aufbruch zu nehmen, schnell eine Besetzung vorzunehmen und dann den Vorstand wieder handlungsfähig zu haben", sagte der CDU-Politiker dem Fernsehsender n-tv. Das Präsidium des VW-Aufsichtsrates, dem Wulff angehört, soll am Mittwochmorgen zusammentreten.

Wulff lehnte erneute eine Grundsatz-Debatte über die Mitbestimmung in deutschen Unternehmen ab. Der Fall VW zeige aber, dass man die Kontrollen verbessern müsse. Er wies Spekulationen in Medien und aus Kreisen der Gewerkschaft zurück, wonach bei Europas größtem Autobauer VW auch über eine Lösung ohne einen Arbeitsdirektor auf der Konzernebene nachgedacht werde. "Ich sehe momentan keinen Anlass für organisatorische Veränderungen im Unternehmen", sagte der Regierungschef. Niedersachsen ist mit 18 Prozent größter Einzelaktionär bei VW.

In IG-Metall-Kreisen war befürchtet worden, interessierte Kräfte wollten den in der Ära Hartz besonders starken Einfluss von Betriebsrat und Gewerkschaft bei VW mittels Verzicht auf einen eigenständigen Konzern-Arbeitsdirektor schmälern. Der Ministerpräsident bestätigte dagegen, dass die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat "quasi ein Vorschlagsrecht" für den Arbeitsdirektor habe.

IG Metall warnt vor Vorverurteilungen

Der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters wandte sich in der Korruptionsaffäre gegen Vorverurteilungen. Zunächst müssten Beweise auf den Tisch, um die tatsächliche Tragweite der Affäre deutlich zu machen, sagte er im NDR. Bis dahin müsse aber für alle Beteiligten die Unschuldsvermutung gelten.

Peters räumte zugleich ein, er sei verunsichert, "weil man sich nicht vorstellen kann, dass an den Vorwürfen gegen Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert etwas stimmt". Sollte es bei VW aber Verfehlungen in Form sogenannter Lustreisen gegeben haben, dann hätten offenbar einige die Maßstäbe verloren. "Denn jeder muss wissen, dass so etwas in einem derart großen Unternehmen nicht geheim bleibt", sagte Peters.