VW-Affäre Volkert belastet Piëch

Lustreisen und Bordellbesuche auf Firmenkosten: Anrüchig vielleicht, aber kein Straftatbestand - so lässt sich die Verteidigung von Klaus Volkert und Klaus-Joachim Gebauer im dritten VW-Prozess zusammenfassen. Volkert deutet an, wer für ihn der wahre Urheber der Affäre ist: VW-Patriarch Ferdinand Piëch.

Von , Braunschweig


Braunschweig - Ein wenig erinnert es an einen Cocktailempfang. Während der ersten Verhandlungspause plaudern Klaus-Joachim Gebauer und sein Anwalt Wolfgang Kubicki mit Journalisten, man klärt, auf wessen Rechnung die Kaffeerunde geht. "Macht endlich mal schöne Fotos von mir", scherzt Gebauer an anderer Stelle mit einem Fotografen. Wenig später steht der 63-Jährige mit einem Gerichtsdiener zusammen, der sich über das große Interesse an dem Fall freut.

Gebauer, Volkert, Kubicki: Lockere Atmosphäre als taktische Finte
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Gebauer, Volkert, Kubicki: Lockere Atmosphäre als taktische Finte

Für jemanden, der noch nie mit Gerichtsprozessen zu tun hatte, sieht die Szene nicht so aus wie eine Verhandlung, in der es möglicherweise um eine ganze Reihe schwerer Straftaten geht. Keine Handschellen, kein abgeteilter Bereich, auch wenn der zweite Angeklagte, Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert, sich im Hintergrund hält und die Öffentlichkeit so weit wie möglich meidet.

Doch die lockere Atmosphäre täuscht: Der Prozess folgt strengen Regeln - und wie zu Beginn eines jeden großen Strafverfahrens stehen taktische Finten zunächst im Mittelpunkt. So war der erste Verhandlungstag zur Aufarbeitung der Korruptionsaffäre bei VW denn auch von taktischen Anträgen geprägt, "um die Voraussetzungen für eine spätere Revision zu schaffen", sagt Kubicki in einer Verhandlungspause. Dazu gehörten auch mehrere Befangenheitsanträge gegen Schöffen. Im Falle eines VW-Technikers gibt die Vorsitzende Richterin Gerstin Dreyer dem Antrag der Verteidigung statt.

Ein anderer Punkt dürfte später noch eine Rolle spielen. So wirft Volkerts Anwalt Johann Schwenn der Staatsanwaltschaft vor, sie habe ihre Pressearbeit so gesteuert, dass sie einer Vorverurteilung Volkerts gleichkomme. Er spielt auf ein Interview von Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff an, das diese der "Zeit" gegeben hatte. Am Rande des Interviews habe Wolff seinen Mandanten als "schlimmen Finger" bezeichnet, sagt Schwenn. Er verlangt, dass die Staatsanwaltschaft ihm ihre Korrespondenz mit den Medien vorlegt.

Bordellbesuche, Privatreisen, Maßanzüge

Erst gegen halb eins kommt Oberstaatsanwalt Ralf Tacke zur Verlesung der Anklageschrift. In knapp zwei Stunden listet er detailliert alle Verfehlungen auf, die er den Angeklagten vorwirft, von der Abrechnung der Bordellbesuche über Privatreisen bis hin zur Anfertigung von Maßanzügen auf Firmenkosten. Volkert wirft er darüber hinaus vor, Sonderboni von insgesamt 1,95 Millionen Euro kassiert und seiner brasilianischen Geliebten einen gut dotierten Agenturvertrag beschafft zu haben.

In ihren Einlassungen geben Gebauer und Volkert die Zahlungen weitgehend zu, weisen jedoch jede Schuld weit von sich. Er sehe sich als Opfer und nicht als Täter, sagt Gebauer, der darum bemüht ist, sich kooperativ zu zeigen. Zu keiner Zeit habe er den Eindruck gehabt, eine strafbare Handlung zu begehen. Er habe auf Weisung des früheren Personalvorstands Peter Hartz gehandelt. Im Mittelpunkt seiner Aufgaben hätte gestanden, Volkert jeden Wunsch zu erfüllen, nach der Devise: "Geht es Volkert gut, geht es VW gut." Auf Nachfrage von Staatsanwalt Tacke fügt er hinzu: "Ein Limit gab es nicht - weder was die Höhe der Ausgaben betraf, noch wofür das Geld ausgegeben wurde."

Volkert sieht anders als Gebauer offensichtlich wenig Anlass, die Richter und Ankläger gewogen zu stimmen. Er sieht die Schuld bei anderen - konkret bei Vorstandschef Ferdinand Piëch. Richtig sei, dass er Piëch seinerzeit wegen der Mehrarbeit des Betriebsrates um eine angemessene Honorierung gebeten habe, sagt er. Das Thema sei zur Sprache gekommen, weil Unmut über die außergewöhnlich hohen Gehälter der Mitarbeiter um den damaligen Einkaufschef Ignacio Lopez aufgekommen sei. Der Konzernchef habe ihm daraufhin zugesichert, künftig wie ein Markenvorstand behandelt zu werden. Personalvorstand Hartz werde diesbezüglich auf ihn zukommen. Er habe Hartz also nicht angestiftet.

Für die Sonderboni hatte Volkert auch eine Erklärung parat. Der Spitze des Betriebsrates seien im Laufe der Jahre zunehmend Managementaufgaben zugewachsen, sagt er. Man habe in wichtigen Zukunftsfragen des Unternehmens mitentschieden. Als Beispiel nennt er das mit der Gewerkschaft IG Metall erfolgreich ausgehandelte Arbeitsplatzmodell 5000 mal 5000.

Schönheitsköniginnen zur Belustigung

Von einem Schaden, der dem Unternehmen entstanden sein soll, wollen beide dagegen nichts wissen. Im Gegenteil: Sie, erklären beiden Angeklagten unabhängig voneinander, hätten Volkswagen stets gedient.

Ein wenig unterschiedlich ist die Perspektive, aus der Gebauer und Volkert das Verfahren betrachten, aber doch. Während Volkert die Anklage gegen sich als persönlichen Angriff und als "diskriminierende Bloßstellung" wertet, wehrt sich Gebauer eher defensiv. Er verstehe das ganze Verfahren nicht, erklärt er zum Abschluss seiner Einlassung. "Wieso ist es denn rechtlich ein Unterschied, wenn Herr Ackermann einmal jährlich die Vermögensberater der Deutschen Bank zusammenruft und zu ihrer Belustigung die Rolling Stones auftreten? Oder aber Herr Hartz die Mitglieder des Gesamtbetriebsrats zusammenruft und zu deren Belustigung zwei Schönheitsköniginnen präsentiert?"

Das Gericht wird im Laufe des Prozesses die Antwort auf diese Frage finden. Für den 26. November ist der zweite Verhandlungstag anberaumt.

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