Werk in Chattanooga VW-Arbeiter in Tennessee wollen keine Gewerkschaftsvertretung

Die US-Autogewerkschaft UAW muss bei Volkswagens einzigem US-Werk weiterhin draußen bleiben. Zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren sagten die Mitarbeiter Nein. Doch die Wahl fiel erneut knapp aus.

VW-Werk in Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee (Archivfoto)
DPA

VW-Werk in Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee (Archivfoto)


Die Mitarbeiter in Volkswagens einzigem US-Werk haben sich mit knapper Mehrheit gegen eine Vertretung durch die Autogewerkschaft UAW entschieden. Sie stimmten mit 833 zu 776 Stimmen gegen den Vorschlag, sich am Standort Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee von der UAW repräsentieren zu lassen. Das teilte VW-Werkssprecherin Amanda Plecas in der Nacht auf Samstag mit. Für die Gewerkschaft, die seit Jahren versucht, in den Autofabriken im Süden der USA Einfluss zu gewinnen, ist dies eine herbe Schlappe.

Es handelt sich jedoch um ein vorläufiges Ergebnis, das noch endgültig von der für die Wahl zuständigen US-Aufsichtsbehörde NLRB bestätigt werden muss. Die Überprüfung dürfte in der kommenden Woche abgeschlossen werden. "Volkswagen wird die Entscheidung der Mehrheit respektieren", erklärte Werkschef Frank Fischer.

93 Prozent der berechtigen Mitarbeiter beteiligten sich nach Unternehmensangaben an der geheimen Wahl. Bereits im Februar 2014 hatte es eine Abstimmung der Mitarbeiter gegeben, auch damals unterlag die UAW knapp.

Wie schon vor fünf Jahren war die Wahl auch diesmal wieder ein Politikum. Damals hatte die Gewerkschaft zunächst sogar Einspruch eingelegt, da politische Lobbygruppen eine Drohkulisse aufgebaut und die Wahl damit beeinflusst hätten.

Republikanische Politiker hatten behauptet, wenn die UAW einziehe, blieben Investitionen aus und die Produktion neuer Modelle sei gefährdet. Jahrelang drängte die Gewerkschaft auf Neuwahlen, der UAW zufolge hatte VW versucht, diese mit allen möglichen Rechtsmitteln zu verhindern.

Empörung über Zwischenfall am Werkstor

Der Konzern wies die Vorwürfe der versuchten Einflussnahme zurück. VW sei "neutral" hinsichtlich der Abstimmung und respektiere das Recht der Beschäftigten, selbst über eine UAW-Vertretung zu entscheiden, hatte das Unternehmen vor der Wahl mitgeteilt.

Allerdings war es noch kurz vor der Abstimmung zu einem Eklat gekommen: Ein Spitzenvertreter der Arbeitnehmerseite soll am Werkstor abgewiesen worden sein, was die Fronten im Vorfeld noch weiter verhärtete.

Betriebsratschef Bernd Osterloh reagierte empört: "Ich habe kein Verständnis dafür, dass unserem neutralen Wahlbeobachter Johan Järvklo der Zutritt zum Werk Chattanooga verweigert wurde". Järvklo ist Generalsekretär des Weltkonzernbetriebsrats und Mitglied des VW-Aufsichtsrats.

"Wir fordern das Unternehmen auf, sich bei diesen demokratischen Wahlen endlich neutral zu verhalten, wie es zugesagt wurde", so Osterloh. VW wollte sich zu dem Vorfall nicht äußern.

Im Herbst letzten Jahres hatte Volkswagen angekündigt, ein neues Werk in Nordamerika bauen zu wollen, um dort Elektrofahrzeuge für den US-Markt herzustellen. Die Gespräche und Überlegungen zur Auswahl des Standorts liefen bereits, sagte der neue Nordamerika-Chef Scott Keogh am Rande einer Automesse in Los Angeles. Eine Option könnte der Ausbau des bestehenden Werks in Chattanooga sein, wo der Passat und der SUV Atlas gebaut werden.

oka/dpa



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andneu 15.06.2019
1. Die Arbeitnehmer sollen ja immer Maß halten, ...
... wie sieht es aber beim Maß halten bei Aktionären und Vorstand des Unternehmens aus? Die Leute sollen sich nicht für blöd verkaufen lassen.
Schnellleser 15.06.2019
2. Werden Sie doch auch Aktionär
Zitat von andneu... wie sieht es aber beim Maß halten bei Aktionären und Vorstand des Unternehmens aus? Die Leute sollen sich nicht für blöd verkaufen lassen.
Was hält Sie denn davon ab, auch (Klein-)aktionär zu werden? Im übrigen zahlt Volkswagen zumindest in Deutschland so gut, dass es sich der durchschnittliche Mitarbeiter leisten kann, in Aktien von VW oder anderen Unternehmen zu investieren.
andneu 15.06.2019
3. @Schnellleser
Zitat von SchnellleserWas hält Sie denn davon ab, auch (Klein-)aktionär zu werden? Im übrigen zahlt Volkswagen zumindest in Deutschland so gut, dass es sich der durchschnittliche Mitarbeiter leisten kann, in Aktien von VW oder anderen Unternehmen zu investieren.
Hier geht es um ein Werk in den USA. Fest(!)angestellte werden in Deutschland in der Tat gut bezahlt, bei Zeitarbeitern sieht das schon wieder deutlich anders aus. Es geht hier zudem um ein grundsätzliche Frage: Warum sollen die, die die ganzen Gewinne überhaupt erst erwirtschaften, weniger an diesem Gewinn beteiligt werden als Investoren? Als erstes(!) muss die Arbeit fair bezahlt werden, dann(!) kann man gerne darüber nachdenken, wie der einzelne sein Gehalt verwendet. Zudem: Wenn alle nur noch Aktien haben und keiner mehr arbeitet, gibt es keine Dividende mehr. Dieses Geld fällt nicht vom Himmel, sondern muss jeden Tag erwirtschaftet werden.
Rubikon_2016 15.06.2019
4. Unfassbar und peinlich
für die Landesregierung von Niedersachsen - schließlich ist das Land an VW beteiligt und sollte dafür sorgen, daß Mitbestimmung von Arbeitnehmern weltweit bei VW umgesetzt wird, und zwar nicht erst, wenn die Arbeitnehmer es sich erkämpft haben.
anton.schieber 15.06.2019
5. Frage
Herrliche Kommentare hier, ich gehe davon aus, das noch nicht allzu viele Kommentatoren hier in den USA gelebt und im Automotive Bereich gearbeitet haben? Nein? Merkt man. Wir reden bei Produktionsarbeitern bei VW von 60000$ im Jahr. Ein Hungerlohn, ich weiß und dafür müssen die tatsächlich arbeiten. Ein Manager aus Wolfsburg den ich auch privat kenne, hat mir erzählt, das es amerikanische Mitarbeiter gibt, die mehr verdienen als er. Was ich damit nur sagen will, die US Verträge von VW scheinen ziemlich gut zu sein. Nebenan ist übrigens Amazon, die haben sich da angesiedelt, weil VW da hat, genauso wie viele andere internationale Unternehmen ebenfalls. Wie gesagt, die Leute haben da einzig mit der Hitze zu kämpfen und das liegt an der Gegend. Die Arbeitsschutz Bestimmungen sind in den USA deutlich höher als in Deutschland. Die Leute verdienen deutlich mehr als in Deutschland, da braucht es keinen Mindestlohn. Und mal angemerkt, VW in USA produziert aktuell 500 Fahrzeuge am Tag... Wenn sich da einer ausgenutzt fühlt, na ich weiß ja nicht.
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