VW Betriebsrat empört über Pläne für Russland-Werk

Marktchancen im Osten hin oder her - der Betriebsrat bei VW kann nicht verstehen, dass der Konzern ein neues Autowerk in Russland bauen will. Angesichts der schlechten Auslastung deutscher Fabriken sei das ein völlig falscher Schritt, findet er.


Wolfsburg - Die Arbeitnehmervertreter würden nicht "tatenlos zusehen, wenn uns durch den Aufbau einer weiteren Produktionsstätte hier das Wasser abgegraben wird", sagte der Gesamtbetriebsratschef und Aufsichtsrat Bernd Osterloh in Wolfsburg. "Bei über 1,7 Millionen Überkapazitäten und einer teilweise dramatischen Unterauslastung bestehender Standorte wollen wir erst einmal Antworten für die Standort- und Beschäftigungssicherung in den bereits vorhandenen Produktionsstätten", forderte er. Davon werde "ganz entscheidend" eine Zustimmung der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat für den Bau des Werks in Russland abhängen.

VW-Chef Pischetsrieder: Betriebsratschef spricht von schlechtem Stil
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VW-Chef Pischetsrieder: Betriebsratschef spricht von schlechtem Stil

Ein VW Chart zeigen-Sprecher sagte dazu, das Unternehmen sei sich der Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern bewusst. Die Internationalisierung in den vergangenen Jahren mit der Inbetriebnahme von Produktionsstätten in Osteuropa habe aber gezeigt, dass dadurch auch Arbeitsplätze in Deutschland gesichert würden.

Osterloh forderte, der Vorstand müsse "sehr genau" erklären, wie die Strategie für Russland aussehen solle. Auch die Landesregierung als VW-Anteilseignerin könne kein Interesse daran haben, wenn Arbeitsplätze in Niedersachsen und Deutschland gefährdet würden.

Fertigungsziel: Eine Viertelmillion Autos pro Jahr

VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder hatte am Sonntag am Rande der Automesse in Detroit gesagt, der Vorstand habe entschieden, in Stupino südlich von Moskau eine Fabrik zu errichten. Mit dem Bau solle noch 2006 begonnen werden. VW will seinen konzernweiten Marktanteil in Russland bei Neuwagen innerhalb der nächsten fünf Jahre von derzeit zwei bis drei Prozent auf zehn Prozent steigern.

In dem neuen Werk sollen in fünf Jahren 250.000 Fahrzeuge produziert werden können. Es soll nach VW-Angaben zunächst eine Montagefabrik sein, also vorgefertigte Teilesätze zu ganzen Autos zusammenbauen. VW hatte jahrelang mit den russischen Behörden über den Bau eines Werks verhandelt.

Der Aufsichtsrat muss die Entscheidung des VW-Vorstands noch absegnen. Dies soll im Februar passieren.

Osterloh sagte, der Gesamtbetriebsrat habe mit "Befremden" auf die Ankündigung Pischetsrieders reagiert. "Etwas derart undifferenziert über die Medien zu streuen, ist weder klug noch ein guter Stil und führt vielleicht zum kurzfristigen Anstieg des Aktienkurses, aber vor allem zur nachhaltigen Verunsicherung der Belegschaften, deren Engagement für die Wettbewerbsfähigkeit gerade in der letzten Zeit doch vom Vorstand immer wieder betont wird."

Volkswagen fährt derzeit angesichts vergleichsweise hoher Kosten einen Milliarden-Sparkurs. Tausende von Stellen sollen gestrichen werden, die Zukunft der Komponentenwerke in Deutschland ist offen.



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