VW-Einigung Hausvertrag mit Hintertürchen

Um die Produktion des neuen kleinen Volkswagen-Geländewagens in Wolfsburg zu halten, mussten die Unterhändler der IG Metall die Bezahlung nach dem Modell "Auto 5000" akzeptieren. Experten prophezeien bereits den Anfang vom Ende des teuren Haustarifvertrags.

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Wolfsburg - Auto 5000 - der Begriff entwickelt sich zur Zauberformel in Wolfsburg. Die Tochtergesellschaft des VW-Konzerns Chart zeigen kann nicht nur Autos bauen, sondern auch Frieden stiften. In diesem Fall half der Billiganbieter, die Produktion des Gelände-Golfs namens Marrakesch nach Wolfsburg zu holen. 1000 Auszubildende der Abschlussjahrgänge 2006 und 2007 werden nach dem Abschluss zu Auto 5000 wechseln und unbefristete Arbeitsverträge erhalten, sogar mit einer Beschäftigungsgarantie bis 2011, aber zu weit schlechteren Bedingungen als ihre Kollegen im VW-Werk in der nächsten Halle. Immerhin aber erhalten die übernommenen Azubis die Chance, wieder zurück zu Volkswagen zu wechseln, wenn dort Personalbedarf besteht.

Touran-Fertigung bei Auto 5000: Schlechtere Bezahlung, längere Arbeitszeit
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Der Marrakesch ist damit schon das zweite Modell nach dem Minivan Touran, das außerhalb des bestehenden Haustarifvertrags produziert wird. Andernfalls, so erklärte VW-Markenchef Wolfgang Bernhard, wäre der Standort nicht zu halten gewesen. Mehrfach hatte Bernhard während der wochenlangen Verhandlungen gedroht, den Geländewagen in Portugal zu fertigen, würden die Lohnkosten in Wolfsburg nicht um 850 Euro pro Fahrzeug gesenkt werden.

Bedeutet das nun die Abkehr vom Haustarifvertrag in Wolfsburg? Nach Meinung der IG Metall auf keinen Fall. Der Haustarifvertrag sei nicht in Frage gestellt, sagte IG-Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine heute in Hannover. Die einzige Abweichung bestehe darin, dass für zwei Jahre die Übernahmeverpflichtung der Volkswagen AG für ausgelernte Azubis nicht mehr gelte.

Auch Reinhard Bispinck, Leiter des Tarifarchivs bei der Hans-Böckler-Stiftung, glaubt nicht an eine Aushöhlung des Haustarifs. Nach seiner Einschätzung haben die VW-Chefs mit der freiwilligen Unterschrift unter die Absichtserklärung gleichzeitig auch ihr Festhalten am VW-Haustarifvertrag bekräftigt. Im Übrigen, so der Arbeitsmarktexperte, betreffe die neue Vereinbarung nur einen sehr geringen Teil der Arbeiter in Wolfsburg. "Ein Ende des Haustarifs kann ich unter solchen Umständen nicht erkennen."

Ganz anders dagegen die Einschätzung von Hagen Lesch, Tarifexperte beim Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft. Die Verhandlungen ließen bereits die Richtung erkennen sagt der Experte. Die Bedingungen für Arbeitszeiten und Entlohnung werden sich ändern, wenn künftig ein VW-Werk in Deutschland bei der Entscheidung für die Produktion zum Zuge kommen will. "Im Grunde markiert bereits das Jahr 2001 die Abkehr von dem Vertrag", sagt Lesch.

Insgesamt werde der Haustarifvertrag zwar nicht zur Disposition stehen, aber Ausnahmeregelungen, wie im Fall Marrakesch würden in Zukunft zahlreicher werden. "Im Einzelfall hängt das dann von den Umständen ab. Wenn ein anderes Werk die Produktion übernehmen kann, steht die Belegschaft in Wolfsburg unter Zugzwang", sagt Lesch. Die Zusage der VW-Führung für den Bau eines weiteren Modells im Werk Emden ab 2008 hält Lesch denn auch für nicht mehr als eine Absichtserklärung: "Entscheidend ist die Klausel, dass das Auto zu wettbewerbsfähigen Kosten produziert werden kann."

Die Montage des neuen Fahrzeugs im Werk Emden soll nach IG-Metall-Angaben rund 800 bis 1000 der insgesamt rund 9600 Arbeitsplätze dort auslasten. Dazu soll nach VW-Darstellung der Haustarifvertrag verändert werden, damit eine wirtschaftliche Produktion des Fahrzeugs erreicht wird. Details sollen Mitte Oktober beschlossen werden.

Doch ganz gleich, welche Regelung dann gefunden wird - der Druck auf die VW-Werker wird in den nächsten Jahren eher noch zunehmen. Das Stammwerk in Wolfsburg ist nach AID-Berechnung mit 20,2 Autos je Beschäftigtem das unproduktivste Autowerk in Europa überhaupt. Hauptgrund ist die Vier-Tage-Woche, mit der VW 1993 die Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich verkürzt hatte. So konnte damals der Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen vermieden werden. Doch damit wurde das Problem lediglich aufgeschoben.

Bernhard baute heute schon einmal vor: "All die Leute, die glauben, dass damit alle Probleme von VW gelöst sind, denen muss ich sagen, dass dem nicht so ist. Das ist ein erster Schritt auf einem ganz langen Weg, den wir noch vor uns haben."



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