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VW-Skandal Porträt einer Männerfreundschaft

Es geht um Milliarden und um Sex, um Macht und Manipulation. In einem eindrücklichen Film hat der Fernsehjournalist Hubert Seipel die Korruptionsaffäre bei VW dokumentiert. Erstmals äußert sich eine der Hauptpersonen: der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert.

Hamburg - Klaus Volkert sitzt alleine im Auto und fährt durch die Dunkelheit. Im Radio laufen die Nachrichten, es geht um Peter Hartz, um VW, um Prostituierte und um Korruption. Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende von VW verzieht keine Miene. Stoisch erträgt er, dass die Kamera minutenlang auf seinem Gesicht verweilt. Und dann sagt er diesen Satz, der sich wie ein roter Faden durch die nächsten 45 Minuten der Dokumentation ziehen wird: "Ich war nie bestechlich, Sie werden keinen finden, der mir Bestechlichkeit vorwirft - außer vielleicht der Staatsanwaltschaft."

Wie hat die VW-Affäre funktioniert? Wer wusste was? Wer hatte welche Ziele und hat wen für seine Zwecke instrumentalisiert? Diesen Fragen geht Hubert Seipel in seiner Dokumentation nach. "Die Macht, die Gier und der Größenwahn: Wie der Milliardär Ferdinand Piëch und der Schmied Klaus Volkert VW beherrschten" heißt die Co-Produktion von WDR und NRD, und der Autor konzentriert sich auf genau diese beiden Akteure.

Ohne Piëch und Volkert, so die These von Seipels Film, hätte das ganze System von Vergünstigungen und Korruption bei Volkswagen   nicht funktioniert - und beide verfolgten damit ihre ganz eigenen Ziele. Piëch, der machtbewusste, aber menschenscheue Milliardenerbe, will den alten Traum der Familie Porsche   verwirklichen und Porsche und VW wieder zusammenführen. Volkert, gelernter Schmied und einer der mächtigsten Männer der IG Metall, genießt die Privilegien, die Macht und Einfluss mit sich bringen.

"Ja, ich habe mit Prostituierten geschlafen"

Volkert äußert sich erstmals zu all den Vorwürfen vor der Kamera - und offenbart dabei frappierend wenig Unrechtsbewusstsein. Ja, er habe mit Prostituierten geschlafen und es seien Dinge passiert, die man sich heute nicht mehr so richtig erklären könne. Gleichzeitig sei man durch eben diese Privilegien, durch Erste-Klasse-Flüge, durch Dienstwagen, durch die enge Zusammenarbeit mit dem Top-Management auf gleicher Augenhöhe gewesen. "Man hat das Gefühl der vollen Anerkennung bekommen", sagt Volkert. Das Drumherum werde dann eben zur Normalität, zu einem Teil der eigenen Macht.

Aber es sind nicht nur solche Aussagen, es sind vor allem die Bilder, die ein genaues Soziogramm der Männerfreundschaft zwischen Piëch und Volkert zeichnen, die offiziell keine war. Seipel lässt Volkert vor der eigenen Schrankwand aus Kiefer erzählen, er zeigt ihn in gebückter Haltung vor dem hochgewachsenen Personalvorstand Peter Hartz oder als mitreißenden Redner vor einer begeisterten Belegschaft. Daneben stellt er die Bilder des Machtmenschen Piëch, der mit Argusaugen über die entscheidende Betriebsversammlung wacht, der dem Betrachter begeistert alte Messer und Dolche aus seiner Sammlung zeigt oder kalt lächelnd sein Kommunikationsproblem damit erklärt, es gebe eben Menschen, mit denen er nicht kommunizieren wolle.

Gleichzeitig porträtiert Seipel wie nebenbei den größten Autokonzern Europas, führt einen durch die Werkshallen, macht mit dem Betriebsorchester bekannt, zeigt die enge Verflechtung zwischen den Mächtigen aus der Politik und den Mächtigen bei VW und geht - ein wenig zu ausführlich, weil zu weit weg vom Kerngedanken des Films - auch noch auf die Geschichte des Konzerns und seine Kooperation mit den Nationalsozialisten ein. Sehenswert sind die Bilder allemal, vor allem Aufnahmen, die den kompromisslosen Karrieremenschen Piëch in Vorstandssitzungen, beim Skilaufen oder als etwas linkischen Gastgeber hoher Politiker zeigen.

Piëchs Plan: Feindliche Übernahme von VW im Inneren

Alles in allem entsteht in Seipels Film das Bild von zwei Männern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sich aber in ihren Zielen perfekt ergänzen und benutzt haben. Die sich über die Jahre gegenseitig gestützt und unterstützt haben und bis heute nicht so richtig verstehen, warum das System nicht mehr funktioniert. "Mit Piëch konnte man über alles reden", sagt Volkert, "es musste sich nur rechnen".

Piëch - so die These des Films - hat Volkert gewähren lassen, weil dieser ihm den Rücken frei und die Belegschaft friedlich hielt. Dafür hat er ihn belohnt mit Geld, Privilegien und demonstrativem Wegschauen. Piëch konnte deshalb durchsetzen, was im Film die "feindliche Übernahme von VW im Inneren" genannt wird: den Kauf von VW-Anteilen durch Porsche. Belegen kann Seipel seine These allerdings nur bedingt - denn Piëch selbst kommt nicht zu Wort, er war zu keinem Interview bereit.

Der Eindruck, dass dem so war, bleibt. Und am Ende steht wieder so ein Satz von Volkert, der auf den Punkt bringt, wie das System funktionierte: "Es gibt bei VW nur ganz, ganz wenig, was Piëch nicht weiß."

"Die Macht, die Gier und der Größenwahn: Wie der Milliardär Ferdinand Piëch und der Schmied Klaus Volkert VW beherrschten" läuft am Mittwoch, 23. Mai, ab 23.15 Uhr in der ARD.