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VERSICHERUNGEN Wachsende Wucht

In deutschen Unternehmen brennt es immer häufiger. Die Assekuranz jammert über die hohen Schadenskosten.
aus DER SPIEGEL 3/1981

Der Schaden gehe »in die Hunderttausende«, meldete der »Wiesbadener Kurier«, als es Ende August in der Sektkellerei Henkell & Co ("Henkell trocken") gebrannt hatte.

Die Schätzung war, wie sich später herausstellte, viel zu niedrig gegriffen. Inzwischen rechnen die Nassauische Brandversicherungsanstalt und die Allianz Versicherung mit einem Schadenaufwand von fünf Millionen Mark.

In der Sektkellerei war eigentlich nur die PVC-Isolierung von Elektrokabeln bei Schweißarbeiten in Flammen aufgegangen und einiges Verpackungsmaterial aus Kunststoff verbrannt.

Aber der ätzende Qualm, der aus dem Keller aufstieg und durch die Gebäude zog, hatte sich überall auf Abfüllmaschinen und Förderbändern niedergeschlagen und obendrein die Armierung im Stahlbeton der Kellerdecke angefressen.

Der Brand bei Henkell ist kein Einzelfall. Wie bei der hessischen Sektfirma führt die zunehmende industrielle Verwendung von Kunststoffen immer häufiger zu Bränden mit schwerwiegenden Schäden.

Alle sieben Minuten, Tag und Nacht rund um die Uhr, brennt es in einem Gewerbebetrieb. Westdeutschlands 124 Industrie-Brandversicherer schreiben Jahr für Jahr mehr Geld in den Schornstein.

1911 Millionen Mark mußten die Assekurateure der Sparte Feuer und Betriebsunterbrechung 1979 an abgebrannte Unternehmer auszahlen, 32 Prozent mehr als im Vorjahr und fast zweimal soviel wie noch 1975 (siehe Graphik Seite 71). Die Tendenz ist steigend.

Irritierend finden die Versicherungsmanager vor allem die wachsende Wucht der Brände mit Schäden von jeweils über einer Million Mark. Seit 1960 hat sich die Zahl solcher Großfeuer auf 223 glatt verzehnfacht. »Nahezu fahrstuhlartig« (Gerd Lichtenwald, Direktor des Verbandes der Sachversicherer) schoß die Schadensumme nach oben: Satte 1212 Millionen Mark wurden im vorletzten Jahr allein für solche Großschäden fällig, fast achtzehnmal mehr als 1960.

Diese schlimme Bilanz gehe »im wesentlichen nahezu alleine«, weiß Horst Hirschfeld, Brandexperte beim Elektrokonzern AEG, auf das Konto der S.71 Kunststoffe. Beim Brand im Bahnhof Hamburg-Altona vom vorigen April beispielsweise entstanden an einem S-Bahn-Zug und an Gebäuden lediglich Schäden von 230 000 Mark. Für 5,5 Millionen Mark jedoch wurden technische Einrichtungen und Bauteile aus Beton durch den Kunststoffqualm beschädigt.

Kunststoffe brennen nicht nur vorzüglich. Sie setzen beim Verbrennen auch aggressive Gase frei, neben der hochgiftigen Blausäure (Cyanwasserstoffsäure) vor allem Salzsäure.

Bei der chemischen Zersetzung von PVC durch Hitze verdampfen rund 400 Liter Chlorwasserstoffgas aus einem einzigen Kilo PVC -- das entspricht zwei Litern konzentrierter Salzsäure.

Die Gasschwaden verursachen »schwere Korrosionsschäden an Maschinen, elektrischen Anlagen und Bauteilen«, berichtet die Allianz, »selbst in Betriebs- und Lagerräumen, die weit vom eigentlichen Brandherd entfernt liegen«.

So entstand in einem AEG-Werk durch Abbrand von nur sieben Kilo PVC ein Folgeschaden von 50 Millionen Mark.

Der auf zuerst eine Million Franc taxierte Schaden beim Brand einer Kabelverteileranlage auf dem Flughafen Paris-Orly erhöhte sich durch Sekundärschäden auf mehr als 20 Millionen Franc.

Besonders verheerend wüten die giftigen Schwaden in den Computerzentralen. Dort machen sie im Nu die teuren Geräte samt den Programmen und gespeicherten Daten unbrauchbar.

Wenn Kunststoff brennt, haben die Spritzenmänner kaum noch eine Chance. »Unter Aufsicht abgebrannt«, kommentierte Frankfurts Branddirektor Ernst Achilles das Ende der Großturnhalle Köln-Deutz: Blitzschnell hatten die Flammen die laut Din-Norm schwerentflammbare Kunststoffdämmung in Wänden und Dach verzehrt.

Bei dem mit 425 Millionen Mark größten Schadenfeuer seit Kriegsende, dem Brand des zentralen Ersatzteillagers der Ford-Werke in Köln 1977, machten neben Ölen die Schaumstoffe die Katastrophe erst perfekt.

Haben die Kunststoffe erst einmal Feuer gefangen, berichtet eine Versicherung, »schmelzen sie, zerfließen und brennen dann mit den Eigenschaften einer feuergefährlichen Flüssigkeit«.

Um dem Trend zum totalen Schaden zu entkommen, bedienen sich die Versicherer einer ganz neuen Branche: der Brand-Sanierer.

In der Sektkellerei Henkell zum Beispiel nahmen die Spezialisten der Brand-Sanierung GmbH aus Esslingen sofort alle Maschinen bis zur letzten Schraube auseinander, um die Säurewirkung zu neutralisieren und die Korrosion zu stoppen.

Den Preis wert ist das allemal. So retteten die Sanierer der Hamburger Brandschutz und Service GmbH nach einem Kabelbrand in einem saudiarabischen Zementwerk immerhin Anlagewerte von mehr als 1,9 Millionen Mark. Für ihren Einsatz berechneten sie 43 170 Mark.

Freudig werden die von den Versicherungen entsandten Helfer indes nicht immer empfangen, erzählt Gert Hausotter von der Brand-Sanierung GmbH. Denn manchem Unternehmer kommt der Versicherungsfall nicht ungelegen. Hausotter: »Es gibt eben Firmen, da muß es mal brennen.«

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