Müllers Memo Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr

Die Weltwirtschaft leidet immer noch stark unter den Folgen der Krise von 2008. Der Hauptgrund: Die Unternehmen investieren viel weniger als früher. Aber warum ist das so?
Recycling-Transport (in China): Firmen investieren nicht mehr

Recycling-Transport (in China): Firmen investieren nicht mehr

Foto: WANG ZHAO/ AFP

Früher glich die Konjunktur einer Schaukel: Auf einen Abschwung folgte regelmäßig ein Aufschwung, der so stark war, dass die Wirtschaft anschließend auf ihren alten Wachstumspfad zurückkehrte. Grundmuster: Je stärker die Rezession, desto kräftiger die folgende Erholung. Nach der Krise ging es weiter wie zuvor - so lief das über viele Jahrzehnte.

Doch dieses Mal ist alles anders. Seit der Abschwung 2007 begann und sich dann 2008 zur internationalen Finanzkrise ausweitete, ist die Weltwirtschaft nicht wieder richtig auf Beine gekommen. Die große Rezession markiert einen globalen Trendbruch, das wird immer deutlicher. In den meisten Ländern bleiben die Wohlstandsniveaus weit hinter früheren Entwicklungen zurück.

Der Befund ist eindeutig: Die fetten Jahre sind vorerst vorbei. Aber warum eigentlich? Und was ließe sich dagegen unternehmen? Fragen, die im Zentrum der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank stehen, die am Dienstag in Washington beginnt.

Das größte Rätsel in diesem Zusammenhang ist die andauernde Zurückhaltung der Unternehmen. Eigentlich sollten sie in die Zukunft investieren, gerade jetzt, da die Zinsen extrem niedrig und die Börsenkurse hoch sind und bei vielen Firmen die Gewinne übersprudeln.

Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr, wie er soll

Aber das geschieht in viel geringerem Ausmaß als in früheren Aufschwungphasen, wie eine Studie darlegt, die der IWF diese Woche vorab veröffentlicht hat: Im Zeitraum von 2008 bis 2014 sind die privaten Investitionen in den wohlhabenden westlichen Ländern um ein Viertel hinter früheren Trends zurückgeblieben.

So sieht's aus: Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr, wie er soll. Billiges Geld treibt die Börsenkurse in immer lichtere Höhen, während gleichzeitig weniger Mittel in neue Maschinen, Anlagen und Knowhow fließen. Das hat drastische Folgen: Weil die Produktivität der Arbeiter kaum noch steigt, stagnieren ihre Löhne. Parallel dazu explodieren förmlich die Einkommen derjenigen, deren Entlohnung vom Finanzmarkt beeinflusst wird - siehe die stark gestiegenen deutschen Vorstandsgehälter.

Der globale Investitionsstreik ist keine Kleinigkeit. Geht es weiter wie bisher, ist das große Versprechen der Turbomoderne - eine bessere Zukunft für alle - nicht zu halten. Destabilisierung, bislang vor allem an Europas Rändern sichtbar, frisst sich ins politische System (achten Sie auf das Abschneiden der rechtsnationalen "Wahren Finnen" bei den Parlamentswahlen kommenden Sonntag).

Umso drängender stellt sich die Frage: Warum investieren die Unternehmen eigentlich so wenig?

Der IWF kommt in seiner Analyse zu dem Ergebnis, dass sich die Zurückhaltung der Manager vor allem mit den trüben Absatzchancen erklären lässt. Daneben dämpfen auch andere Dinge die Dynamik: Unsicherheiten über den künftigen Kurs der Politik sowie Schieflagen bei Banken, die sich folglich mit der Kreditvergabe zurückhalten.

Es sind unbefriedigende Ergebnisse, denn Ursache und Wirkung sind eng miteinander verknüpft: Geringe Investitionen des einen Unternehmens sind die fehlenden Absatzchancen eines anderen; steigende politische Unsicherheiten sind zugleich Folge und Ursache der wirtschaftlichen Stagnation, die wiederum maßgeblich von der Investitionszurückhaltung mit verursacht wird.

Zwei Faktoren, die der IWF leider nicht explizit untersucht hat, haben mehr Erklärungsgehalt:

  • Hohe private Schulden: Der Boom, der der Finanzkrise vorausging, hat bei vielen Unternehmen rekordhohe Verbindlichkeiten hinterlassen. Dank extrem niedriger Zinsen wegen der Notenbanken (Mittwoch tagt der Rat der EZB), können sich die Firmen zwar über Wasser halten, aber für große Investitionen fehlt der Spielraum.

  • Globale Demografie: Der Altersaufbau der Weltbevölkerung verschlechtert sich seit 2010 wieder schleichend. Die "demographische Dividende" ist inzwischen verfrühstückt. In vielen Ländern, auch in China und in den USA, geht nach Uno-Kalkulationen der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter zurück. Wo aber die Erwerbsbevölkerung nicht mehr rasch wächst, braucht auch nicht mehr so viel investiert zu werden.

Diesen Trends kann sich auch Deutschland nicht entziehen. Dabei ist die Bundesrepublik die große Ausnahme unter den führenden Volkswirtschaften: Hierzulande sind die privaten Schulden niedrig. Die Bevölkerung wächst dank Zuwanderung wieder. Und die Politik in Merkel-Land ist stabil bis zur Langeweile. Dennoch ist auch hierzulande die Investitionsdynamik der Unternehmen massiv zurückgegangen. Logisch: Keine Nation kann sich den globalen Trends entziehen, schon gar nicht eine so offene wie die deutsche.

Wenn die Regierungen also am Freitag dieser Woche in Washington nach Antworten auf die Dauerstagnation suchen, führt an globaler Kooperation kein Weg vorbei. Insbesondere sollten sie einen gemeinschaftlichen Ausstieg aus dem weltweiten Schulden- und Billiggeldszenario ins Auge fassen. Rein nationale Antworten jedenfalls werden sich als Sackgassen erweisen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche:

MONTAG

Berlin - Jobwunder? - Arbeitsministerin Nahles spricht mit DGB-Chef Hoffmann über die Erfahrungen mit der Mindestlohn-Hotline. (Siehe auch unsere Mindestlohndebatte an dieser Stelle in der vergangenen Woche)

Hannover - Indien-Show 1.0 - Großer Auftakt zur Hannover Messe mit einem indisch-deutschen Wirtschaftsgipfel.

Peking - Großindikator - Die Weltwirtschaftsmacht China veröffentlicht Zahlen zum Außenhandel im März.

Düsseldorf - Gute Zeiten - Der Persil-, Pril- und Pattex-Konzern Henkel   bittet zur Hauptversammlung. Die Zahlen sind ordentlich, die Dividende soll steigen. Und wie geht's weiter?

DIENSTAG

Washington - Globalprognose - Anlässlich der Washingtoner Frühjahrstagung stellt der IWF seinen Weltwirtschaftsausblick vor.

Berlin - Indien-Show 2.0 - Der indische Ministerpräsident Modi wird in der Hauptstadt begrüßt - mit allem Drum und Dran.

Lübeck - Suche nach Stabilität - Treffen der G7-Außenminister in Zeiten von Terror und neuen Ost-West-Gegensätzen.

Berlin - Digitale Revolution - Das Medienhaus Axel Springer   hat zur Hauptversammlung geladen.

New Brunswick/Chicago/San Francisco - Berichtssaison I - Amerikas Konzerne legen Zahlen vom ersten Quartal vor. An diesem Tag sind Johnson & Johnson   sowie die Banken JPMorgan Chase   und Wells Fargo   an der Reihe.

MITTWOCH

Frankfurt am Main - Zentralbank - Der EZB-Rat befindet über den weiteren geldpolitischen Kurs. Die leichte Konjunkturbelebung und heftige Kurssprünge an den Börsen dürften EZB-Chef Draghi mit Genugtuung erfüllen.

Frankfurt am Main - Staatsbank - Deutschlands staatlicher Firmenfinanzierer KfW stellt seine Bilanz vor.

Köln - Anklagebank - Der Strafprozess gegen die frühere Führungsriege des Bankhauses Sal. Oppenheim geht weiter.

DONNERSTAG

Berlin - Deutschland-Trend - Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute legen ihre Frühjahrsgutachten vor.

New York - Berichtssaison II - Goldman Sachs   und Citigroup   präsentieren Quartalszahlen.

FREITAG

Washington - Auswege und Holzwege - Bei der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank treffen sich die Finanzminister und Notenbankchefs der G20-Staaten.

Fairfield - Berichtssaison III - General Electric   berichtet vom ersten Quartal.

SONNTAG

Helsinki - Nach Nokia - Parlamentswahl in Finnland: Wie stark werden die rechtsnationalen "Wahren Finnen"? Der Abstieg des Technologiekonzerns hat die kleine nordische Volkswirtschaft gebeutelt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.