Währungsexperte zur Dollarschwäche "Bushs Protektionismus beunruhigt die Märkte"

Der Dollar fällt, diese Woche erreichte er ein Jahrestief. Die Börsen reagieren unruhig. SPIEGEL ONLINE sprach mit Dustin Reid, Währungsexperte bei UBS Warburg, New York, über die Aussichten der wichtigsten Weltwährung.


US-Flagge: "Das gibt sich wieder"
AP

US-Flagge: "Das gibt sich wieder"

SPIEGEL ONLINE:

Laut dem Big-Mac-Index des britischen Wirtschaftsmagazins "The Economist" ist der Dollar so überbewertet wie seit 16 Jahren nicht mehr. Jetzt fällt der Dollarkurs schon seit drei Wochen. Platzt die nächste Spekulations-Blase?

Reid: Der Dollar hat nur einen leichten Schwächeanfall, das gibt sich wieder. Kurzfristig kann es noch weiter abwärts gehen. Mittelfristig, das heißt in den nächsten drei bis sechs Monaten, erwarten wir aber eine Aufwertung.

SPIEGEL ONLINE: Ökonomen sagen seit langem, dass der Dollar früher oder später auf Euro-Niveau sinken muss. Wie lange bleibt der Greenback noch so teuer?

Reid: Unsere Volkswirte sagen die Parität innerhalb von 12 Monaten voraus. Aber es hängt von der Produktivität und dem Wachstum der US-Wirtschaft ab. Im Moment zeigen beide Indikatoren einen großen Vorsprung vor der Eurozone und Japan. Wir glauben nicht, dass die US-Wirtschaft an Fahrt verliert.

SPIEGEL ONLINE: Warum fällt der Dollar, wenn alles so gut aussieht?

Reid: Die Märkte sind beunruhigt über das wachsende Leistungsbilanzdefizit und den Protektionismus der Bush-Regierung. Sie sehen die Zölle auf Stahl und weiches Holz als Abkehr von der Freihandelsdoktrin. Außerdem haben einige Banken ihre Erwartungen für das Wirtschaftswachstum in der zweiten Jahreshälfte nach unten korrigiert. Dann kommt noch die Lage im Nahen Osten dazu. Und Finanzminister Paul O'Neill hat in seiner Rede am Mittwoch die Politik des starken Dollars nicht stark genug unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Haben ausländische Investoren den Glauben an die US-Wirtschaft verloren?

Reid: Nein. Trotz der Negativ-Schlagzeilen über hoch verschuldete amerikanische Firmen sehen wir eine gesunde Nachfrage nach Unternehmensanleihen. Das Interesse an amerikanischen Aktien hat auf Grund des schwachen Börsenumfeldes nachgelassen. Aber der Anleihenmarkt hat diese Delle mehr als ausgeglichen.

SPIEGEL ONLINE: Im Moment reden alle über das wachsende Leistungsbilanzdefizit. Was ist mit der Rekordverschuldung der amerikanischen Haushalte und der Regierung?

Reid: Die liefern keinen Grund zur Sorge. Vielleicht für jemanden, der einen Fünfjahreshorizont hat, aber mittelfristig haben die Schulden keinen Einfluss auf den Dollarkurs.

SPIEGEL ONLINE: Die amerikanische Industrie fordert seit langem einen schwächeren Dollar, um ihre Exporte ankurbeln zu können. Stünde die US-Wirtschaft mit einem schwächeren Dollar besser da?

Reid: Auf keinen Fall. Der starke Dollar ist in zweierlei Hinsicht sehr wichtig für die US-Wirtschaft. Zum einen holt er ausländisches Kapital ins Land. Zum anderen garantiert er, dass amerikanische Firmen wettbewerbsfähig bleiben. Sie haben keine schwache Währung als Krücke, auf die sich stützen können. Und wettbewerbsfähigere Firmen schaffen langfristig die besseren Wachstumsraten.

Das Interview führte Carsten Volkery, New York



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