Währungshoch Wie der Super-Franken ein deutsches Dorf ruiniert

Eine deutsche Exklave in der Schweiz kriegt derzeit die Nachteile beider Länder ab: Die Bürger in Büsingen zahlen die höheren deutschen Steuern, die Alltagswährung ist aber der Schweizer Franken. Dessen Höhenflug bedroht ihren Wohlstand.

SPIEGEL ONLINE

Aus Büsingen berichtet


Die Mitarbeiterin der kleinen Poststelle bemüht sich, tapfer zu wirken. "Ich kann die Situation nicht ändern", sagt sie. Und dass andere noch mehr unter dem starken Franken leiden würden als sie, die ja recht gut verdiene. Aber bei der Frage, wie stark ihr Lohn geschrumpft ist, bricht die Fassade zusammen.

"Schiet, schiet, schiet", sei das, sagt Zdenka von Ow. "Ich habe 30 Prozent weniger zur Verfügung." Allein für die Miete muss sie inzwischen mehr als 1000 Euro aufbringen - obwohl sie allein wohnt. Der Grund: Zdenka von Ow bekommt ihr Gehalt von der Post in Euro, muss ihren Lebensunterhalt aber in Franken bezahlen. Sie arbeitet in Büsingen, einer deutschen Exklave in der Schweiz. Die 1400-Einwohner-Gemeinde ist vollständig von Schweizer Hoheitsgebiet umgeben und gehört zum eidgenössischen Zollgebiet.

In der Praxis bedeutet das für die Büsinger: Sie bekommen die Nachteile beider Länder zu spüren. Bei den Steuern greift das härtere deutsche System, beim täglichen Leben das teurere Schweizer Modell. Und nun hat der Franken in der vergangenen Woche fast die Parität zum Euro erreicht - statt 1,65 Franken wie vor wenigen Jahren gab es für einen Euro zeitweise nur noch 1,03 Franken. Der Hintergrund: Anleger weltweit haben die Schweizer Währung als sichere Anlage auserkoren und decken sich entsprechend mit ihr ein.

Büsingen, die kleine Gemeinde am Hochrhein, spürt die Folgen der Finanzkrise hautnah. Mit einem Durchschnittsalter der Einwohner von knapp 50 Jahren ohnehin an zweiter Stelle der Kommunen Baden-Württembergs, verliert das Dorf weiter an Attraktivität: Junge Arbeitnehmer wandern ab, Büsinger mit deutschen Renten haben Probleme, ihre Mieten zu zahlen.

Frankenstärke verschärft Steuernachteile

Für Bürgermeister Gunnar Lang sind Gespräche darüber recht heikel: Statt zu jammern möchte er eigentlich viel lieber über die Standortvorteile seiner Exklave sprechen. So gilt in Büsingen die Schweizer Mehrwertsteuer, mit acht Prozent ist sie deutlich geringer als die deutsche mit 19 Prozent. Zudem ist laut Lang die Gewerbesteuer so niedrig wie nirgendwo sonst im Süden Baden-Württembergs. Und: "Büsingen erhebt als einzige deutsche Gemeinde keine Grundsteuer."

Doch trotz dieser Vorteile muss auch Lang zugeben, dass sich die Situation seiner Gemeinde verschlechtert hat - durch den starken Franken. Wenn einer seiner Bürger vor ein paar Jahren in der Schweiz 100.000 Franken verdient hat, musste er in Büsingen 60.000 Euro versteuern. Mittlerweile sind es knapp 100.000 Euro. "Zu Unrecht geraten unsere Leute massiv in die Steuerprogression", sagt Lang.

Im deutschen Steuersystem steigen die Sätze mit zunehmendem Einkommen an. Wer mehr verdient, muss auch einen höheren Steuersatz zahlen. Das führt dazu, dass viele Büsinger nun mehr Steuern zahlen müssen - obwohl sie gar nicht mehr verdienen. Weniger netto vom Brutto.

Zwar gibt es einen besonderen Freibetrag für die Enklave, doch laut Lang reicht der längst nicht aus, um die Währungsnachteile aufzuwiegen. Und so stehen in Büsingen Häuser leer - überall hängen Schilder mit der Aufschrift "Wohnung zu vermieten. Die Hauptstraße ist verwaist, nur einige Touren-Radler rollen gelegentlich durch die Gemeinde.

"Wir sitzen zwischen den Stühlen"

Es ist bitter: Das Örtchen am Hochrhein liegt recht idyllisch und hat als Exklave auch einige Alleinstellungsmerkmale zu bieten. So gibt es zwei Telefon-Vorwahlen - eine deutsche und eine schweizerische. Ebenso zwei Postleitzahlen. Und Büsingen dürfte die kleinste Gemeinde sein, die ein eigenes Nummernschild hat.

Doch was nutzt das, wenn in diesem Örtchen niemand mehr wohnen, geschweige denn ein Geschäft aufbauen will? Dass die jungen Leute wegziehen, kann Alice Güntert gut nachvollziehen. Sie hat bis vor wenigen Jahren mit ihrem Mann einen Handwerksbetrieb in Büsingen geführt.

"Drei bis vier Mitarbeiter, nichts Großes", sagt sie. "Aber wir hatten immer ein gutes Einkommen." Nun ist Güntert Rentnerin. Inzwischen sei es für Handwerker kaum noch möglich, in Büsingen Gewinn zu machen. "Früher gab es noch einige Betriebe", erinnert sie sich. Aber heute? "Das lohnt sich nicht mehr. Wir sitzen einfach zwischen den Stühlen."

Und dann benutzt Güntert eine Formulierung, die noch häufiger fällt an diesem Tag: "Es ist zu unserem ewigen Ärgernis!". Der Ausspruch stammt aus der Geschichte der Büsinger: Im Jahr 1693 entführte die Schaffhausener Adelsfamilie den Büsinger Feudalherrscher, Vogt Eberhard im Thurn, und sperrte ihn in einen Kerker. Der Vogt hatte aber mächtige Freunde in Österreich. Diese nahmen den Schaffhausener Adligen die Herrschaft über die umliegenden Dörfer weg und pressten so Eberhard frei.

Das Dorf-Lädeli brummt noch

Zu hohen Preisen konnten die Schaffhausener die Dörfer zurückkaufen - allerdings wurde Büsingen bei dem Abkommen explizit ausgeschlossen. Der Grund: Die Ratsherren hatten sich an den Intrigen gegen Eberhard beteiligt. Außerdem solle das Abkommen "zum ewigen Ärgernis" der Schaffhausener werden. In Büsingen sagen die Leute aber mit ein wenig Galgenhumor: "Das ewige Ärgernis hat leider die Falschen getroffen."

Immerhin: Der Einkaufstourismus, den viele Schweizer derzeit pflegen, macht Büsingen noch nicht so zu schaffen. Das könnte aber in erster Linie an der Inhaberin des "Dorf-Lädeli" liegen. Margarethe Keser - von allen Mandy genannt - betreibt einen traditionellen Tante-Emma-Laden. Ihr Geschäft mitten im Dorf hat nur eine Ladenfläche von 25 Quadratmetern, dennoch gibt es fast alles: Brot, Käse, Wurst, Obst, sogar Drogerieartikel. Keser nimmt sich für jeden Gast Zeit, erzählt, lacht und versprüht gute Laune: "Bisher kommen die Leute doch meist noch zu mir. Sie sagen, weil sie mich mögen."

Doch auch Keser spürt die Folgen der Franken-Stärke. "Die Leute fahren öfter zum Aldi nach Gailingen als früher, und das gefällt mir gar nicht." Kesers Miene verdüstert sich, wenn sie über den Discounter im deutschen Nachbarort spricht. Sie ist ein Büsinger Original, ihr Geschäft ist seit Generationen im Familienbesitz: "Ich führe den Laden jetzt seit 1998. Gegründet hat ihn meine Urgroßmutter vor 134 Jahren." Und dann sagt sie trotzig: "Dieses Geschäft darf einfach nicht sterben."

Auch die Post-Mitarbeiterin Zdenka von Ow will nicht aufgeben - noch nicht. "Vor 40 Jahren bin ich aus Kroatien hierher gezogen. Ich will nirgendwo anders hin." Aber wenn der Franken nicht wieder schwächer wird, muss sie den Ort vielleicht doch bald verlassen. Für Büsingen wäre es der nächste schwere Verlust.

insgesamt 74 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Subtuppel 16.08.2011
1. re
die armen, armen Menschen. Vermutlich hat man sie mit Waffengewalt dorhin gezwungen, und sie hatten noch Vorteile durch diese Situation.
kellitom, 16.08.2011
2. Jammern auf höchstem Niveau!
Die meisten werden wohl ihr Geld in sfr verdienen. Davon kriegt man immer mehr Euros und kann dann in Gaislingen einkaufen. Was soll das Gejammere. Wem es nicht passt, der kann doch umziehen!
diamorphin 16.08.2011
3. Tja...
Was genau soll der Artikel jetzt am Ende eigentlich aussagen? Mal wieder das typische CH-Bashing? Ist die Schweiz jetzt Schuld, weil die Leute leider Gottes nunmal beiden negativen Seiten ausgesetzt sind? Soll man deshalb den Franken aufgeben, eine der ältesten und stabilsten Währungen weltweit, nur damit es denen dort besser geht? Und ja: Der starke Franken hat negative Konsequenzen für die Schweizer Wirtschaft. Aber da kann man auch sagen, es ist halt alternativlos - in die Eurozone zu gehen oder den Kurs an den Euro zu koppeln wäre Selbstmord für die Schweiz. Da ist es besser, diese Wirtschaftseinbussen in Kauf zu nehmen. Lange macht es die Eurozone ohnehin nicht mehr, der Franken wird auch diese Währung überleben. Wie schon die Vorgänger Währungen... Für die Leute, die davon direkt betroffen sind, ist es sicher sehr negativ und schmerzlich, aber wegen denen kann man nicht mal schnell die ganze Wirtschaft umkrempeln und die Währung aufgeben.
andibaer 16.08.2011
4. Verstehe ich nicht
Irgendetwas ist an mir vorbeigegangen. Wenn ein Bewohner heute bei 100.000 Franken an Einkünften statt 60.000 Euro nun 100.000 Euro hat, dann sind das doch erst mal 40.000 Euro mehr. Und dann ist es ungerecht, wenn er darauf mehr Steuern zahlt? An dieser Stelle erschließt sich mir der Nachteil von 40.000 Euro Mehrverdienst nicht wirklich. Vielleicht kann es mir jemand erklären ...
norak 16.08.2011
5. Gebietsaustausch
Die Armen, seit 1945 profitiert und jetzt ... Man kann halt nicht immer die vermeintlich bessere Seite wÄhlen (oder Zwitter)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.