Wahl-Reaktionen Wirtschaft will Große Koalition der Vernunft

Lange war für Wirtschaftsvertreter die Große Koalition ein Schreckgespenst. Doch nun ist die Wunsch-Kombination aus Union und FDP unmöglich - und Schwarz-Rot erscheint als das kleinste Übel.

Berlin - Das Gezerre um die Kanzlerschaft sieht Klaus Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, gelassen. Sein Vorschlag: "Sollen sich Schröder und Merkel doch abwechseln!" Jeder zwei Jahre als Regierungschef - so werde die Große Koalition möglich, die derzeit am Führungskampf zwischen dem amtierenden Kanzler und seiner Herausfordererin zu scheitern droht.

Für den Instituts-Chef steht fest: Eine schwarz-rote Regierung ist "thematisch machbar und sachlich geboten". Das seiner Meinung nach wichtigste Projekt der nächsten Legislaturperiode, die Föderalismusreform, könnten die beiden Volksparteien nur gemeinsam stemmen.

Die Große Koalition wird in der Wirtschaftswelt langsam hoffähig. Vor der Wahl galt sie als Schreckgespenst. Reformstau und Stillstand wurde mit einem schwarz-roten Regierungsbündnis assoziiert. Schwarz-Gelb war der klare Favorit sämtlicher großer Wirtschaftsverbände.

Nachdem diese Konstellation rechnerisch unmöglich geworden war, machte sich Unsicherheit breit. Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), zeigte sich "bitter enttäuscht". Die Unternehmerverbände in Niedersachsen sprachen von "einer kleinen Katastrophe". Die Wähler hätten den notwendigen Reformkurs nicht unterstützt, so Hauptgeschäftsführer Volker Müller.

Hauptsache schnell und stabil

Doch nun, da die Nachricht gesackt ist, scheint ein Bündnis aus Union und SPD für zahlreiche Wirtschaftsvertreter doch nicht die schlechteste Lösung zu sein. "Es wäre ein Fortschritt, nicht zuletzt deshalb, weil wir klare Mehrheitsverhältnisse brauchen", sagte Ludolf von Wartenberg, Hauptgeschäftsführer des BDI. Auch Dieter Brucklacher, Vorsitzender des Verbands der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer, findet: Um schnell eine stabile Regierung zu bilden, sei eine Große Koalition der vernünftigste Weg.

Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), machte aus seiner Sympathie für ein schwarz-rotes Bündnis ebenfalls keinen Hehl: CDU, CSU und SPD stimmten im Bezug auf Körperschafts- und Erbschaftssteuer und auch bei der Föderalismusreform in zahlreichen Punkten überein. Allerdings habe Angela Merkel klar den Auftrag zur Regierungsbildung.

Begeisterung klingt sicher anders. Doch in zwei Punkten sind sich Ökonomen, Unternehmer und Verbandsvertreter einig: Die neue Regierung muss möglichst rasch zustande kommen. "Alles andere verheißt Unsicherheit, und Unsicherheit ist immer der schlechteste Begleiter für einen wirtschaftlichen Aufschwung", erklärt Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels. Außerdem muss die künftige Regierung solide sein - für viele das ausschlaggebende Argument für eine Große Koalition.

Doch auch mit anderen Farbkombinationen wird gespielt. DIHK-Chef Braun kann sich außer einer Großen Koalition auch ein Bündnis aus Union, FDP und Grünen vorstellen. Anton Börner, Chef des Bundesverbands des Deutschen Groß- und Außenhandels, hält eine solche Zusammenarbeit sogar für effektiver, als das behäbige Miteinander zweier großer Volksparteien. Nur ein Bündnis von SPD, Grünen und FDP lehnen die meisten Verbandsvertreter ab.

"Der Aufschwung kommt auf jeden Fall"

Ausländische Beobachter reagieren sehr unterschiedlich auf den überraschenden Wahlausgang. In der Londoner Zentrale der Deutschen Bank wird ein tiefschwarzes Bild der deutschen Zukunft gezeichnet: "Der deutsche Wähler will keine Reformen. Der Auftrag lautet: Nichts zu tun", befand Europa- Chefvolkswirt Thomas Mayer. Eine schwache Koalition aus CDU,CSU und SPD sei Gift für die Konjunktur. "Der Standort hätte das Nachsehen. Unternehmen würden Produktion ins Ausland verlagern, Investitionen und Konsum schrumpfen."

Trotz aller Fortschritte halten viele Ökonomen im Ausland Deutschland immer noch für einen "kranken Mann", den nur weitere Reformen heilen können. Und die werden, so die Befürchtungen, unter einer großen Koalition oder einer Mehrparteien-Regierung kleiner als erhofft ausfallen.

Andere Volkswirte halten ein solches Szenario für völlig übertrieben. "Es gibt in Deutschland einen sehr, sehr breiten Reformkonsens über alle Parteien hinweg", erklärt beispielsweise der Europa-Volkswirt der US-Investmentbank Merrill Lynch, Klaus Baader. Auch Jürgen Michels von der amerikanischen Citigroup sieht durchaus Chancen für das Land: "Wenn die Reformen in egal welcher Form weitergehen, ist das bereits gut für den Standort."

Holger Schmieding, Volkswirt der Bank of America, ist überzeugt, dass die Konjunktur in Deutschland bald an Fahrt gewinnen wird - egal wer künftig regiert. "Wir ändern wegen der Wahlen nicht unsere Prognose. Ein zyklischer Aufschwung steht bevor." 2006 werde die deutsche Wirtschaft mit 1,6 Prozent doppelt so stark wachsen wie in diesem Jahr. Der Grund: Die anziehende Weltwirtschaft und die bereits in Kraft gesetzten Reformen.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.