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UNTERNEHMER Wahn und Wirklichkeit

Die Firma Biodata war einer der Höhenflieger des Neuen Marktes - bevor sie abstürzte. Mit den Folgen kämpft der einstige Börsenstar Tan Siekmann bis heute.
aus DER SPIEGEL 34/2004

Der Mann, der die Nordhessen mit dem Börsenfieber infizierte, bläst Zigarrenrauch in die klare Abendluft. Er steht vor einer abgetakelten Fabrikhalle in Frankenberg an der Eder. Früher wurden hier Flugzeuge für die Wehrmacht gebaut, dann Stühle und jetzt, sagt Tan Siekmann, habe seine Firma hier »eine Weltneuheit« fabriziert. Eine »Killerapplikation«.

Der 37-Jährige spricht so selbstbewusst wie vor vier Jahren, als ihm die Analysten aus der Hand fraßen und ihm Millionen gebannt am Bildschirm lauschten. An diesem Abend hört ihm sein Hausmeister zu und lächelt.

Siekmanns Firma heißt Biodata. Sie hatte einmal 350 Mitarbeiter. Geblieben sind 35. Sie war mal eine Aktiengesellschaft. Jetzt ist sie eine GmbH. Vor vier Jahren galt Biodata als Weltmarktführer für ISDN-Datenverschlüsselung. Allein der Name machte viele kribblig. Er klang irgendwie nach der Verschmelzung zweier Zukunftstechnologien. Nach Zauberei.

An der Börse war die Firma zwischenzeitlich knapp 2,5 Milliarden Euro wert, mehr als der Bauriese Hochtief. Siekmann spielte damals mit dem Gedanken, sich neben seinem Privatjet ein russisches Jagdflugzeug zuzulegen. In Fernsehinterviews redete er amerikanische Moderatoren an die Wand.

Politiker und Unternehmensführer drängelten sich neben ihn aufs Foto. Der pausbäckige Computer-Nerd aus der nordhessischen Provinz war der Beweis, dass der von höchster Stelle befohlene »Ruck« das Land erfasst hatte - ein Land, das der Kanzler jetzt gern »Gründerland« nannte. Die damaligen Produkte, so Siekmann, habe »kaum jemand richtig verstanden«. Viele Anleger dachten sowieso, sie zeichneten ein Biotechnologie-Papier.

Dann platzte die Blase. Irgendwie war bei Biodata die Spanne zwischen dem gefühlten Umsatz und dem, was tatsächlich verkauft wurde, immer größer geworden. 65 Millionen Euro prognostizierte Siekmann noch im Sommer 2001. Bis zum Oktober hatte das Unternehmen jedoch gerade mal vier Millionen umgesetzt. Dann zog der Insolvenzverwalter in die Burg Lichtenfels ein, den damaligen Firmensitz.

Siekmann war zu der Zeit 35 Jahre alt und sah sein Leben zerrinnen. Zu seiner Firma hatte er keine Schlüssel mehr, seine Frau war mit den beiden Kindern ausgezogen. Er verkroch sich im Wohntrakt der Burg bei seinen Eltern. Wochenlang saß er über einem 7000-Teile-Puzzle mit Sonnenblumenmotiv - »völlig lethargisch«.

Dann kam er wieder hoch. Er kaufte den Kern der Firma aus der Insolvenz, gründete die Biodata Systems GmbH und zog in die Fabrikhalle in Frankenberg. Und an diesem Sommerabend hat Biodata nach Monaten des Tüftelns endlich wieder eine Killerapplikation am Start. Glaubt zumindest Siekmann, der zu diesem Anlass wieder die Socken mit dem grünen Biodata-Ahornblatt trägt - wie damals, als er mit servilen TV-Moderatoren diverser Anlegermagazine die Erfolgsgeschichte seiner Firma zelebrierte.

Vor einer Viertelstunde, erzählt Siekmann, habe er die Demoversion von Babylon Mobile ins Netz gestellt, eine Software, die abhörsicheres Mobiltelefonieren garantieren soll. Auf gängigen Handys soll die Version in zwei Wochen laufen. Zur 20-Jahr-Feier von Biodata ein gutes halbes Jahr zuvor hatte Siekmann dasselbe versprochen.

An diesem Abend steht noch eine zweite Weltpremiere an: Bei einem Filmfest in Köln wird der »Weltmarktführer« uraufgeführt. Eine Groteske über die Spätfolgen des Börsenwahns. Ein Film über ihn, Tan Siekmann. Mit der Dokumentation, die Siekmann als PR-Chance sieht, will er »einiges aufklären, ein differenzierteres Bild schaffen«. Er hat extra einen Bus gemietet und die Belegschaft zur Premiere eingeladen.

Das vom Kleinen Fernsehspiel des ZDF finanzierte Projekt ist das erste deutsche 90-Minuten-Werk über das Ende der Jugendbewegung, die New Economy hieß und von sich glaubte, sie sprenge die Gesetze der Weltökonomie. Im Herbst soll der Film in die Kinos kommen.

Der Autor Klaus Stern kam im Frühjahr 2002 zum ersten Mal auf die Biodata-Burg. Stern, 35, gilt als Spezialist für hybride Typen und bekam für einen Film über Andreas Baader den Deutschen Fernsehpreis. Er hatte einen neureichen Star erwartet und traf auf ein Opfer.

»Siekmann saß da wie ein apathischer AOK-Angestellter«, erinnert sich der Filmemacher. In die Räume der Biodata AG im südlichen Teil der Burg war der Insolvenzverwalter mit seinen »Schergen« eingezogen, wie Siekmann zu sagen pflegte. Selbst an die Steuerungsanlage für seinen Zierfischteich ließen sie ihn nicht mehr ran.

Siekmann wollte Wiedergutmachung, und Stern durfte ihn bei seiner Mission begleiten, fast zwei Jahre lang. Stern drehte auf der Cebit, wo Biodata-Mitarbeiter von ihrer Angst vor einer neuerlichen Insolvenz sprechen und sich im nächsten Moment vor Siekmanns Augen »Tschaka« zuschreien. In einer anderen Szene steht Siekmann in Unterhose in einem Hotelzimmer in San Francisco. Seine fahrigen Hände versuchen, einen Schlips zu binden. Er muss dort vor Gericht eine Schadensersatzforderung in Millionenhöhe abwehren und murmelt wie in Trance vor sich hin: »Regel Nummer eins: 'Körperspannung', Regel Nummer zwei: 'Nichts anmerken lassen'.«

Stern kommt dem Protagonisten nah, sehr nah. Auf die Schulter klopft er ihm nie. Man sieht einen Menschen, der den Goldrausch nicht mehr vergessen kann, der schon wieder von Millionenumsätzen spricht, während er Mitarbeiter entlassen muss, der glaubt, das Katerfrühstück sei der Beginn einer noch besseren Party als am Tag zuvor. Man sieht einen Traumtänzer.

»Er meinte, wenn man Arme und Beine benutzt, könnte man aus einem hohen Baum springen und fliegen«, erzählt seine Mutter.

Die Geschichte Siekmanns trägt Züge vom Drama des begabten Kindes. Schon 1984 vermachte ihm sein Vater dessen Firma Biodata, mit der er erfolglos versucht hatte, Laborsoftware zu verkaufen. Von da an glich Siekmanns Jugend einem Traineeprogramm für junge Unternehmer. Nächtelang frickelte er an Programmen, gewann schnell größere Firmenkunden. Bald hatte Siekmann erste Netzwerksysteme für Atari-Computer im Angebot und arbeitete bereits mit Windows, als sich seine Bekannten gerade witzige Sprüche für ihren ersten Anrufbeantworter ausdachten.

Es war die Zeit, als die Bundespost den Bildschirmtext verbreitete und der Name Gorbatschow bekannt wurde. Siekmann kaufte sich damals als Zivildienstleistender seinen ersten Porsche Targa.

Bis 1999 hatte er eine kleine feine Firma mit 35 Mitarbeitern aufgebaut, die sich auf Netzwerksysteme, Internet-Zugänge und zusehends auf so genannte Firewalls verstand. Bundespräsident Roman Herzog lud ihn mit anderen Unternehmern, die ihm für einen »Ruck« gut schienen, ins Schloss Bellevue. Siekmann stand neben Stefan Schambach, dem Gründer von Intershop. »Der erzählte mir, dass seine Firma eine Milliarde wert sei, bei nur einigen Millionen Umsatz«, erinnert sich Siekmann.

Ein paar Monate später plante er mit seinem Vize Stefan Schraps die Roadshow für den Börsengang. »Agio, Rechte und Pflichten als Vorstand, US-GAAP - ich wusste nichts«, sagt Siekmann.

Am ersten Handelstag verschlief er. Als Siekmann an diesem 22. Februar 2000 endlich gegen 10.30 Uhr ins Börsengebäude kommt, stürzen Reporter auf ihn zu. »Ich war orientierungslos, dachte, oh Gott, da ist was schief gelaufen.« Auf der Anzeigentafel findet Siekmann seine Firma nicht, denn die 240 Euro, die in der Nähe von Biodata flackern, hält er für interne Kennzahlen oder sonst was, aber nicht für den übergeschnappten Kurs seiner Firma, die bei 45 Euro gestartet war.

»Wir sind bewusstlos geworden hier im Studio«, wird Harald Schmidt am selben Abend kommentieren.

»Wir haben eine Weile gebraucht, um zu erkennen, dass es eigentlich ein Gemüseladen war«, sagt Fritz Westhelle, der Insolvenzverwalter. Der Kasseler Spezialist für letzte Hilfe war im November 2001 zur überschuldeten Biodata bestellt worden und stand, wie immer, vor der Frage: »Retten oder bestatten?« Westhelle machte erst mal weiter. »15 Töchter in 13 Ländern, das hörte sich ja nach einem weltumspannenden Unternehmen an.«

Ein Abwehrsystem gegen Cyber-Piraten und Industriespione schien ja auch eine gute Idee. Doch Siekmanns Erfindungen, schrieb Westhelle in seinem Gutachten, »verursachten Probleme« und waren »nicht fertig entwickelt«.

Siekmann, sagt Westhelle, habe auf Druck der Analysten Erfolgsmeldungen erfunden, die keine waren. Er diktierte Jubelmeldungen über Geschäftsabschlüsse, die nicht unter Dach und Fach waren. Biodata lebte von Luftbuchungen, die vielfach nur auf Innenumsätzen zwischen den Niederlassungen beruhten. Teilweise, so ein anderes Gutachten, soll Siekmann Rechnungen für angebliche arabische Vertriebspartner selbst beglichen haben.

Die Gemeinde der geschädigten Anleger - im Film verkörpert durch ein wütendes Ehepaar aus einem Nachbardorf Siekmanns, das den Börsenkurs täglich bis nachts um fünf Uhr verfolgte und dennoch den rechtzeitigen Ausstieg verschlief - ist bisher in Prozessen wegen Kursbetrugs leer ausgegangen. Fondsmanager Kurt Ochner, zeitweise einer der größten Biodata-Investoren und vermeintlicher Pate des Neuen Marktes mit angeblich untrüglichem Riecher, fühlt sich von Siekmann geradezu »beschissen«.

Inzwischen scheint es aber auch Siekmann nicht mehr so dicke zu haben. Zwar wird der Schnitt, den er in Zeiten des Hype gemacht hat, auf einen üppigen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt, aber viel hat er auch in Firmenkäufen wieder versenkt. »Zum Schluss kämpfte er wie ein Löwe darum, sein Spielzeug zurückzubekommen«, sagt Westhelle - Siekmann hat die 800 000 Euro für seine Biodata GmbH bis heute nicht vollständig bezahlt.

Abfahrt nach Köln. Hausmeister Manni Valentin scheucht die Leute in den Bus. Er ist so was wie die Seele der Firma. Wie viele Mitarbeiter bekam auch Valentin damals Biodata-Aktien. Er hat sie heute noch. »Ich hätte mich wie ein Bettnässer geschämt, wenn ich sie verkauft hätte.« Siekmann liegt hinten quer auf einem Doppelsitz. Er spricht von alten Treckern, seinem Flugzeug und dem neuen Porsche Boxter.

Vor ihm sitzt Marco Grosche aus dem Vertrieb. Ende Mai hat Grosche sein Januar-Gehalt bekommen. Sein Bankdispo sei »bis zur Schmerzgrenze ausgereizt«. Vom Kopf her, sagt Grosche, verstehe er eigentlich nicht mehr, dass er noch da sei. »Aber wenn doch was klappen würde, wär's schade, wenn ich weg wär.«

Nach Ende des Films holt Klaus Stern seinen Protagonisten auf die Bühne. Siekmann sagt, er sei sehr bewegt. In einer der letzten Szenen sieht man ihn über die Cebit gehen und hört ihn zu Stefan Schraps sagen: »Ist es nicht wieder so'n bisschen so, dass es wiederkommt, dass es kribbelt?«

Eine Zuschauerin empört sich, weil die Besucher für »so einen Schauspieler« auch noch Applaus übrig haben.

Das könnte daran liegen, versucht Siekmann zu erklären, dass er irgendwo natürlich schon ein Visionär sei. »Das, was in meinem Kopf ist, hat die Wirklichkeit nur noch nicht bewiesen.« NILS KLAWITTER

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