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Tourismus Wahnsinnig billig

Der erhoffte Reise-Boom blieb aus, die Preise fallen - die Touristikbranche steckt in einer selbstverschuldeten Krise.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Am Telefon meldet sich Sunny, »Ihr Urlaubscomputer für Flugreisen ohne Hotel«. Mit freundlicher Stimme offeriert er seine »Superknüller: Stuttgart-Djerba 333 Mark, Düsseldorf-Mallorca 299 Mark, Berlin-Monastir 399 Mark . . .«

Wer einen der Billigflüge buchen will, muß nur »stopp« sagen und seine Anschrift nennen. Das Ticket kommt dann per Kurier - »ohne zusätzliche Kosten«.

Sunny gehört dem Reiseunternehmen L'tur, Deutschlands größtem Anbieter von Last-Minute-Urlaub. Die Firma des Baden-Badener Unternehmers Karlheinz Kögel betreibt neben dem Buchungscomputer 35 Filialen in der gesamten Bundesrepublik. Und die haben, ebenso wie Sunny, in diesem Sommer erstaunlich viel zu bieten.

Noch nie waren Urlaubsflüge ans Mittelmeer oder in die Karibik so günstig, noch nie wurden so viele Billigreisen verramscht wie in diesem Jahr.

Die Charterfluggesellschaften haben sich kräftig verkalkuliert. In den vergangenen Jahren stockten sie, in der Hoffnung auf einen immerwährenden Boom, ihre Kapazitäten gewaltig auf. Nun versuchen sie, ihre Sitze loszuwerden - um jeden Preis.

Das Geschäft mit den Tickets, die erst ein paar Tage vor dem Abflugtermin auf den Markt geworfen werden, entwickelt sich prächtig. Anfang Juli setzte L'tur erstmals mehr als 1000 Tickets an einem Tag ab, Ende dieses Monats waren es insgesamt über 30 000. »Wir schlagen alle Rekorde«, schwärmt Kögel.

Seinen Konkurrenten geht es ähnlich. »Wir bekommen viel rein, zum Teil wahnsinnig billig«, berichtet Ernst-Ulrich Pürschel, der im Hamburger Flughafen Restplätze verkauft. Ein Flug nach Miami etwa war bei Pürschel vor kurzem für 599 Mark zu haben. Normalerweise liegt der günstigste Tarif bei etwa 1500 Mark.

Der Telefondienst der Düsseldorfer THR-Tours wechselt dreimal wöchentlich das Band mit den aktuellen Tiefpreisen. Die Tochterfirma des Ferienfliegers LTU verkaufte einen Hin- und Rückflug nach Mallorca für 180 Mark, einen Trip nach Faro für 198 Mark, Almeria für 350 Mark. Solche Preise liegen auch bei den mit niedrigen Kosten fliegenden Chartergesellschaften weit unter der Gewinnschwelle.

THR-Tours begann als erste mit den Sonderangeboten. Schon im Mai verschleuderte die LTU-Firma Mallorca-Flüge zum Minimalpreis von 170 Mark und eröffnete damit den vorsommerlichen Schlußverkauf. LTU-Chef Hans-Joachim Driessen zog sich mit diesem Frühstart den Zorn der gesamten Branche zu.

Inzwischen haben alle anderen nachgezogen. Neben LTU versorgen auch die Chartergesellschaften Aero Lloyd, Hapag-Lloyd und Condor die Last-Minute-Agenturen auf den Flughäfen und die Reisebüros in den Städten mit preisgünstigen Resttickets. »Einzelplatzverkauf« lautet die verschämte Formel für den Absatz der freien Sitze.

Und freie Sitze gibt es jede Menge. Die Hauptkunden der Ferienfluggesellschaften, die Reiseveranstalter, können einen Teil der von ihnen gebuchten Plätze kurzfristig zurückgeben. Von diesem Recht machten sie in den letzten Wochen reichlich Gebrauch.

Fast alle Reiseveranstalter, von den kleineren wie Alltours bis zu großen wie ITS und TUI, kürzten entweder ihre reservierten Kontingente oder sagten sogar ganze Flüge ab. Die Condor etwa mußte mehr als zehn geplante Flugverbindungen streichen. Passagiere, die mit Condor nach Bangkok reisen wollten, wurden auf Lufthansa-Maschinen umgebucht.

Noch Anfang des Jahres sah es so aus, als würde die Saison des Jahres 1992 sämtliche Rekorde brechen. Die Veranstalter meldeten Zuwachsraten von bis zu 30 Prozent. »Das Jahr«, so Condor-Chef Franz Schoiber, »begann mit einer Euphorie.«

Doch nach Ostern zeigte sich, daß der Frühjahrsboom eine Scheinblüte war: Der Anstieg war nur deswegen so steil, weil zur gleichen Zeit des Vorjahres der Golfkrieg das Geschäft mit Flugreisen abgewürgt hatte. Insgesamt wird der Zuwachs viel bescheidener ausfallen.

Die Reisemanager hingegen hatten im Jahr nach dem Golfkrieg mit einem gewaltigen Nachholbedarf an Urlaubsreisen gerechnet. Deshalb deckten sie sich mit überdurchschnittlich vielen Flugsitzen ein.

Die Chefs der Charterfluggesellschaften haben allerdings kräftig zu der gegenwärtigen Absatzkrise beigetragen. Schon seit längerem zeichnete sich ab, daß zu viele Plätze angeboten werden. Doch alle Gesellschaften schafften zusätzliche Maschinen an und vergrößerten so das ohnehin bestehende Überangebot.

Allein in diesem Jahr erhöhten die deutschen Chartergesellschaften die Zahl ihrer Sitzplätze um 22 Prozent. In den vergangenen fünf Jahren stieg das Angebot sogar um 77 Prozent.

Eine einst kleine Gesellschaft wie die Frankfurter Aero Lloyd des Reisekaufmanns Bogomir Gradisnik vergrößerte innerhalb weniger Jahre ihre Flotte von 6 auf heute 20 Maschinen - und wäre dabei fast pleite gegangen. Der ehemalige Hapag-Lloyd-Manager Hinrich Bischoff startete seine Chartergesellschaft Germania 1979 mit einer Caravelle, heute fliegt er acht hochmoderne Boeing-Jets.

Die Großen legten ebenfalls zu. Die Düsseldorfer LTU-Gruppe betrieb vor vier Jahren 16 Flugzeuge. In diesem Sommer setzt die inzwischen größte deutsche Chartergesellschaft insgesamt 27 Maschinen ein, darunter einen vorübergehend geleasten Jumbo. Die Zahl ihrer Sitzplätze verdoppelte sich von 1989 bis heute.

Der frühere Marktführer Condor hielt sich zwar lange Zeit zurück. Doch jetzt versucht der ehrgeizige Chef Schoiber, verlorengegangene Marktanteile mit Macht zurückzuholen. Im vergangenen Jahr nahm Condor drei Großraumflugzeuge des Typs Boeing 767 in Betrieb. Dieses Jahr wächst die Flotte um fünf Boeing 757 mit jeweils 210 Plätzen.

Das allgemeine Überangebot wird noch dadurch verschlimmert, daß sich in diesem Jahr alle Gesellschaften auf die gleichen Strecken konzentrieren. Sie verringerten ihre Flüge zu den Zielen im östlichen Mittelmeer und vermehrten statt dessen ihre Verbindungen nach Spanien.

Die Flugplaner folgten dabei einem Trend des Vorjahres. Damals registrierte Spanien einen unverhofften Boom, weil viele Urlauber wegen des Golfkriegs von der Türkei ans westliche Mittelmeer auswichen. Nun setzten die Reiseprofis einfach wieder auf Spanien.

Das von allen beklagte Ergebnis: Statt 6,5 Millionen Flugplätze wie 1991 stehen in diesem Jahr, inklusive der spanischen Gesellschaften, gut 8 Millionen Plätze nach Spanien zur Verfügung.

Allein die Condor stockte ihr Angebot von 1,38 Millionen auf 2,06 Millionen Sitze auf. Aero Lloyd und Hapag-Lloyd legten jeweils mehr als 300 000 Plätze obendrauf (siehe Grafik).

Branchenkenner hatten schon frühzeitig gewarnt, daß der Markt diesen Zuwachs nicht verkrafte. Vor allem die Condor und die LTU, so sagten sie voraus, würden Schwierigkeiten bekommen, ihre großen Flugzeuge zu füllen.

Und so kam es denn auch. Die Condor leidet vor allem darunter, daß ihr Großkunde TUI einen Teil seiner Reservierungen storniert und daß viele der beinahe 100 Kleinkunden ihre Kontingente nun ebenfalls verringern. Der LTU setzt zu, daß ihre eigenen Veranstalter wie etwa Jahn-Reisen weniger Passagiere als erwartet in die Maschinen schleusen.

Für beide Gesellschaften ist der Einnahmeschwund nicht ungefährlich. Sowohl die Condor als auch die LTU haben wegen der Modernisierung ihrer Flotten hohen Finanzbedarf.

Die Flugmanager sorgen sich allerdings noch aus einem anderen Grund. Sie fürchten, daß im nächsten Jahr das Überangebot noch größer wird. Mit dem Beginn des europäischen Binnenmarktes dürfen auch britische oder holländische Fluggesellschaften deutsche Urlauber in den Süden bringen. Billigflieger wie etwa die britische Monarch Air oder die niederländische Martinair stehen schon bereit.

Selbst aus der Bundesrepublik droht zusätzliche Konkurrenz. Die Deutsche BA, eine Tochter von British Airways, will ihre Flugzeuge am Wochenende für Charterflüge einsetzen. Ähnliche Pläne hat die neue Gesellschaft Lufthansa-Express, die im Herbst mit 27 Flugzeugen starten will.

Reiseveranstalter und Flugmanager richten sich daher schon jetzt darauf ein, daß sich fürs nächste Jahr ein gnadenloser Preiskampf anbahnt. Dabei hatten sie eigentlich gehofft, daß die Preise nach Jahren der Stagnation nun mal wieder steigen. Doch daran glaubt keiner mehr.

Wie tief die Preise rutschen werden und welche Gesellschaft am Ende der Verlierer ist, wagt jetzt noch niemand vorherzusagen. »Alle Beteiligten«, so ein Insider, »sind jetzt erst mal in Lauerstellung.«

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