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BIER Wahrer Rausch

Mit Milliarden-Investitionen will China eine Brauerei-Industrie aufbauen. Die Deutschen sind mit im Geschäft. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Als sich die deutschen Kolonialherren Ende des vorigen Jahrhunderts im ostchinesischen Küstenstädtchen Tsingtau am Gelben Meer niederließen, richteten sie sich auf länger ein.

Der kleine Hafen wurde kräftig ausgebaut, eine Eisenbahnlinie ins Landesinnere gelegt, eine Kirche errichtet - und eine Brauerei aufgemacht. An Bier sollte es so fern der Heimat nicht mangeln.

Die kurze deutsche Kolonialherrschaft in China endete bereits im Ersten Weltkrieg. Das Getränk der Deutschen aber wurde fortan auch ohne die Fremden gebraut, bis heute. Inzwischen ist die Tsingtau-Brauerei der weitaus bekannteste und größte Bierproduzent Chinas.

Die historische Reminiszenz mag mitschwingen, wenn nun, fast hundert Jahre später, die Deutschen und ihre Braukunst in Tsingtau wieder gefragt sind. Es gibt dort viel zu tun, denn die volkseigene Bierfirma soll zum Getränkekonzern ausgebaut werden. Und das ist ohne fremde Hilfe nicht zu schaffen.

Für deutsche Unternehmen könnte das ein glänzendes Geschäft werden. Die Hamburger Firma Kosmos-Export hatte bereits die koloniale Tsingtau-Brauerei mit Kupferkesseln und Maschinen beliefert. Nun planen die Chinesen eine »Brauerei Nr. 2« in Tsingtau. Auf der Suche nach geeignetem Gerät sahen sich kürzlich Tsingtau-Braumeister Shao Rui Qi, 62, und fünf seiner Mitarbeiter auf Einladung der alten Geschäftspartner in der Bundesrepublik um.

Rund zwei Milliarden Mark wollen die Chinesen bis 1990 gemeinsam mit ausländischen Partnern in ihre Getränkeindustrie stecken. Das ist wahrscheinlich mehr Geld, als die Deutschen im selben Zeitraum für das europäische Technologieprogramm Eureka aufbringen werden.

Beim Bier, wie bei vielem anderen, haben die Chinesen beachtlichen Nachholbedarf. Der Konsum liegt im Jahresschnitt erst bei zwei Litern pro Chinese; bei den Deutschen, den Weltmeistern im Biertrinken, bei 148 Litern.

Noch 1978 braute das Reich der Mitte gerade vier Millionen Hektoliter. Im vergangenen Jahr aber lieferten die inzwischen rund 500 chinesischen Brauereien bereits 20 Millionen Hektoliter; in fünf Jahren sollen es zumindest 40 Millionen sein.

China erlebt derzeit einen wahren Bierrausch. Wie auch in anderen Weltregionen verdrängt der Gerstensaft althergebrachte Getränke. Der traditionelle Reiswein ist schon jetzt mit nur sieben Millionen Hektolitern Jahresproduktion weit zurückgefallen.

Allein die Tsingtau-Brauerei braucht mittelfristig für drei geplante Bieranlagen etwa 200 Millionen Mark. Eine dieser Brauereien soll wegen der besseren Exportmöglichkeiten in Hongkong gebaut werden - gemeinsam mit einer in der Kronkolonie ansässigen Unternehmensgruppe der Volksrepublik.

Deutsche Firmen sind bereits gut im Geschäft. So lieferte die Mannheimer Maschinenfabrik SEN kürzlich 18 Flaschenabfüllanlagen im Wert von mehr als 70 Millionen Mark.

Die Münchner Spaten-Brauerei baut für 100 Millionen Mark gemeinsam mit der Hamburger Anlagenplanungsfirma AMS, der Entwicklungsgesellschaft DEG und zwei ortsansässigen Bierfirmen in Peking eine Großbrauerei. Von 1987 an sollen die Chinesen das Getränk der Marke Spaten-Bräu kaufen können.

Sicher aber ist den Deutschen das chinesische Biergeschäft keineswegs. Sie müssen gegen französische, belgische, skandinavische und japanische Unternehmen antreten.

Mitte Juli schlossen die Chinesen mit dem französischen Lebensmittelkonzern BSN-Gervais Danone, zu dem auch die Kronenbourg-Brauerei gehört, einen Vertrag über den Bau einer gemeinsamen, 100 Millionen Mark teuren Großbrauerei in der Provinz Tschekiang ab. Das dort produzierte Bier soll unter der Marke Kronenbourg verkauft werden, auch außerhalb Chinas.

Bereits im vergangenen Jahr wurde Bier im Wert von rund 50 Millionen Mark exportiert - nach Hongkong, Afrika und in die USA.

Die Tsingtau-Brauerei etwa liefert 70 Prozent ihres Bieres in fremde Länder. Den Amerikanern wird es als »Getränk frei von Verunreinigungen« und »mit deutschem Geschmack« offeriert.

Da bleibt für den örtlichen Bedarf nicht allzuviel übrig. Nur an besonderen Feiertagen gibt es für die Einwohner von Tsingtau eine Sonderration: am Jahrestag der Revolution und zum chinesischen Neujahrsfest pro Familie fünf Flaschen. _(Beim Besuch der Hamburger ) _(Bavaria-Brauerei im Juli 1985. )

Beim Besuch der Hamburger Bavaria-Brauerei im Juli 1985.

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