Wal-Mart Die Sklaven des Riesendiscounters

Die günstigen Preise von Wal-Mart sind keine Zauberei. Der Superdiscounter konnte seine Konkurrenten unterbieten, weil er seine Angestellten jahrelang ohne zusätzliche Bezahlung Überstunden machen ließ.

Kansas City - Es sind die Situationen, die jeder dreimal in der Woche erlebt: "Ach bitte, Herr Kollege, könnten Sie noch eben diese oder jene Kleinigkeit erledigen, bevor Sie gehen?" Auch Verette Richardson war davon betroffen. Regelmäßig nach Geschäftsschluss ihrer Wal-Mart-Filiale im Südwesten von Kansas City schaffte sie Ordnung in den Regalen oder musste die Einkaufswagen auf dem riesigen Parkplatz zusammenschieben.

Doch anders als Angestellte anderer Firmen, die mit solchen Zusatzaufgaben reihenweise Überstunden anhäufen, die sie am Ende des Monats abrechnen oder zu anderen Gelegenheiten abbummeln, leistete Richardson die Zusatzarbeiten, nachdem die Stechuhr bereits das Ende der Arbeitszeit markiert hatte. Von Überstunden oder zusätzlicher Bezahlung wollten die Filialleiter regelmäßig nichts wissen.

Richardson ist durchaus kein Einzelfall. Rund 40 Kollegen und ehemalige Mitarbeiter fühlten sich in vergleichbarer Weise von ihren Chefs ausgebeutet. Doch schließlich wollten sie sich dies nicht länger bieten lassen. Sie zogen vor Gericht. Ihre Anklage: Wal-Mart habe seine Mitarbeiter ebenso wie die Kollegen der Konzerntochter Sam's Club auf diese Weise um mehrere hundert Millionen Dollar betrogen. Nur mit Hilfe der vielen unbezahlten Überstunden sei der Discounter in der Lage gewesen, seine Konkurrenten auszustechen und satte Gewinne zu machen. Und gerade das empört die Mitarbeiter: "Ein Konzern, der Millionen von Dollars scheffelt, darf seine Mitarbeiter nicht so über den Tisch ziehen", erklärte Richardson gegenüber der "New York Times".

Die Verantwortlichen in der Wal-Mart-Zentrale verwahren sich entschieden gegen die Vorwürfe. Grund genug haben sie, denn sie müssten mit hohen Strafen rechnen, wenn sie die Vorwürfe nicht entkräften können. Denn sie hätten auf diese Weise sowohl gegen Bundesgesetze als auch gegen Gesetze in einzelnen Bundesstaaten verstoßen.

Konzernsprecher William Hertz verweist denn auch auf hausinterne Vorschriften, die den Filialleitern verbieten, ihren Angestellten unbezahlte Überstunden abzuverlangen. Würde solch ein Fall bekannt, hätten die Betreffenden mit disziplinarischen Maßnahmen zu rechnen. Sollten solche Entgleisungen vorgekommen sein, wären es also allenfalls Ausnahmefälle.

Doch etliche Zeugenaussagen, die die "New York Times" zusammengetragen hat, lassen eher den Schluss zu, dass die Wal-Mart-Manager systematisch versucht haben, die Ausgaben für Überstunden einzusparen. In mehreren Fällen hätten Filial-Leiter die registrierten Arbeitsstunden sogar im Nachhinein korrigiert. Ihre Argumentation gegenüber ihren Untergebenen war regelmäßig die gleiche: "Wenn Sie Ihr Pensum in der regulären Arbeitszeit nicht bewältigen, dann müssen Sie eben nacharbeiten", andernfalls, so die mehr oder weniger unverhohlene Drohung, müsse man sich über die Leistungsfähigkeit des Mitarbeiters Gedanken machen.

Dass die Zentrale erheblich zu den Missständen beigetragen hat, belegen Zeugenaussagen ehemaliger Manager. Wie John Lehman, der 17 Jahre für Wal-Mart gearbeitet hat, unter anderem auch als Store-Chef in Kentucky, berichtet, war der Druck der auf den Filialleitern lastete, enorm: "Viele meiner Kollegen wurden degradiert, weil sie die strengen Budgetvorschriften nicht eingehalten hatten." Auf der anderen Seite seien hohe Prämien von bis zu 100.000 Dollar bezahlt worden, wenn ein Budget unterschritten wurde.

Was den Discounter solch ein Verfahren kosten könnte, lässt sich an einem Fall von vor zwei Jahren ablesen. Damals fand sich Wal-Mart schon einmal auf der Anklagebank, aus dem gleichen Grund. Allerdings beschränkte sich der Ärger in diesem Fall auf den Bundesstaat Colorado, und Wal-Mart musste lediglich 69.000 Angestellte und Ehemalige entschädigen. 50 Millionen Dollar genügten. Diesmal, so steht zu erwarten, wird es teurer. Immerhin sind bei dem aktuellen Verfahren Mitarbeiter aus 28 Staaten im Spiel.

von Michael Kröger

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