Wall Street Absahnen mit den Oberhai-Mafiosi

Statt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man an die begehrten Google-Aktien herankommt, sollten sich Investoren lieber die Alternativen anschauen. Börsenkandidaten wie das Trickfilmstudio Dreamworks oder der Onlinejuwelier Blue Nile könnten Google die Show stehlen.


Hai in "Findet Nemo": Im Herbst kommt "Shark Tales" ins Kino - was könnte besser zu einem Börsengang passen?
BUENA VISTA

Hai in "Findet Nemo": Im Herbst kommt "Shark Tales" ins Kino - was könnte besser zu einem Börsengang passen?

New York - Google ist nicht nur im Internet allgegenwärtig, sondern auch an der Wall Street. Ein Superlativ jagt den nächsten: Google ist der Börsengang des Jahrzehnts. Google ist die Firma, die das Valley rettet. Google ist die tollste Geschäftsidee seit Käse aus der Sprühflasche. Man kann es kaum noch hören. Es ist Zeit, sich einmal jene interessanten Neuemissionen (IPOs) der kommenden Monate anzuschauen, die wegen des anhaltenden Google-Hypes bisher kaum beachtet werden.

Das Filmstudio Dreamworks erwägt der "Business Week" zufolge, seine Animationssparte PDI noch dieses Jahr an die Börse zu bringen. Das von den Hollywood-Granden Steven Spielberg, David Geffen und Jeffrey Katzenberg gegründete Unternehmen hat im Tandem mit Steve Jobs Firma Pixar ("Findet Nemo", "Monster AG") das Zeichentrick-Genre umgekrempelt. Das Oger-Comic "Shrek" hat alles in allem fast eine halbe Milliarde Dollar an Umsatz erwirtschaftet, die in den USA gerade angelaufene Fortsetzung "Shrek 2" könnte ähnlich erfolgreich sein.

Das Unternehmen will die IPO-Pläne weder bestätigen noch dementieren. Aber eine bessere Gelegenheit wird sich für Spielberg und Konsorten kaum ergeben. Nach "Shrek 2" folgt im Herbst der PDI-Film "Shark Tales". Das Unterwasserdrama ist eine Mischung aus "Findet Nemo" und "Der Pate". Der Oberhaimafioso wird von Robert De Niro gesprochen. Zwei Animationsfilme in einem Jahr werden sich vermutlich sehr positiv auf die Bilanz von Dreamworks auswirken. Außerdem: Ein Film über geldgierige Haie - was könnte thematisch besser zu einem Börsengang an der Wall Street passen?

Diamanten-Dell aus Seattle

Ebenfalls spannend ist der Börsengang von Blue Nile, einem Online-Juwelier. Bereits am Mittwoch wird das Dotcom erstmals notiert. Blue Nile ist eine Art Dell Chart zeigen der Schmuckindustrie - das Unternehmen lehrt seine Konkurrenten mit niedrigen Preisen und einem effizienten Direktvertrieb das Fürchten. Ähnlich wie Dell unterhält der Juwelier keine Filialen und hat praktisch keine Lagerbestände. Der Käufer erstellt online sein Wunschschmuckstück, indem er Metall, Stein und Schliff auswählt. Erst nach der Bestellung durch den Kunden fordert Blue Nile die Edelsteine bei einem Zulieferer an.

Die Bilanz des Unternehmens aus Seattle kann sich sehen lassen. Der Umsatz lag 2001 bei 48,7 Millionen Dollar, im Jahr 2003 waren es bereits 128,9 Millionen. Der operative Gewinn erreichte zuletzt 11,3 Millionen Dollar (Geschäftsjahr 2003). Ferner ist das Unternehmen praktisch schuldenfrei. Es gibt nur einen kleinen Haken: Kürzlich ist das Online-Kaufhaus Amazon.com Chart zeigen in den Schmuckhandel eingestiegen. Dessen Chef Jeff Bezos hat durchblicken lassen, dass ihm eine Bruttomarge von etwa 13 Prozent bei Diamanten ausreicht. Blue Niles Bruttomarge ist fast doppelt so hoch und könnte mittelfristig unter Druck geraten.

Softwarebutze ohne Software

Der dritte viel versprechende Börsenkandidat ist Salesforce.com. Das Unternehmen aus Kalifornien hat ein interessantes Geschäftsmodell: Es verkauft Kundenmanagement-Software, die man nicht auf dem Computer installieren muss. Stattdessen läuft die Anwendung im Internet-Browser, alle Daten werden auf dem Server von Salesforce.com gespeichert. Für diese Dienstleistung verlangt der Softwareanbieter etwa 60 Dollar pro User und Monat, der Vertrag ist jederzeit kündbar.

Salesforce-Chef Marc Benioff: Liebenswert größenwahnsinnig
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Salesforce-Chef Marc Benioff: Liebenswert größenwahnsinnig

Das Geschäftsmodell unterscheidet sich grundlegend von dem etablierter Softwareunternehmen. Deren Produkte sind in der Regel wesentlich teurer und die Installation ist zeitraubend. Vor allem kleineren Unternehmen gefällt Salesforce.coms Discount-Software, der Kundenstamm des Unternehmens wächst stetig. Vorstandschef Marc Benioff glaubt, dass sein Modell sich mittelfristig in der gesamten Softwarebranche durchsetzen wird. Und weil Salesforce.com die Basistechnologie besitze, werde sein Unternehmen ganz vorne mitspielen - und zu einer Art Microsoft für On-Demand-Software werden. Das klingt etwas größenwahnsinnig, aber die Börse liebt solche Storys. Das IPO wird vermutlich im Sommer stattfinden.

So schön wird's nimmermehr

Investoren, die während des letzten Booms Aktien von Netscape, Amazon oder Infineon Chart zeigen gezeichnet haben, hoffen möglicherweise, dass es auch bei den anstehenden IPOs wieder den berühmten Kurshüpfer am ersten Tag gibt. Das ist allerdings unwahrscheinlich. Vor allem bei Google, dem Super-Sonder-Börsengang der Spitzenklasse, könnte es diesbezüglich eine böse Überraschung geben. Denn das kalifornische Unternehmen will sich nicht in der üblichen Weise von New Yorks Investmentbanken aufs Parkett helfen lassen, sondern plant stattdessen eine Online-Auktion. Diese soll dazu führen, dass alle Investoren gleichberechtigt mitbieten können. Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin wollen durch dieses Prozedere vermeiden, dass ihre Aktie am ersten Tag den von vielen erhofften Satz nach oben macht - und danach abschmiert.

"Shrek"-Produzent Katzenberg: Grüner Oger fürs Depot
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"Shrek"-Produzent Katzenberg: Grüner Oger fürs Depot

Bei normalen Börsengängen gehen Kleinanleger häufig leer aus, weil die für die Verteilung zuständigen Investmentbanken die frischen Aktien vornehmlich ihren Kunden zuschanzen. Wenn aber bei einer Onlineauktion alle tatsächlich die gleiche Chance auf Google-Papiere hätten, würden sich wohl auch mehr Bieter als bei anderen IPOs beteiligen. Das trieb den Preis pro Aktie nach oben. Wenn in der Folge alle zu viel für ihre Aktien bezahlen müssen, ist das eine schöne Form der Gleichheit - vor allem für Googles Gründer. Vielleicht sollte man bei der ersten großen Online-Aktienauktion der Geschichte doch lieber den Zuschauer spielen. Es gibt schließlich Alternativen - einen grünen Oger hat schließlich auch nicht jeder im Depot.



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