Wall-Street-Ausblick Die Hurra-der-Minister-ist- weg-Rallye

Die Sternfahrt an der Wall Street hat nach acht Wochen eine Pause eingelegt. Doch der Rausschmiss von Sparkommissar Paul O'Neill setzt neue Steuersenkungs-Fantasien frei.

Von , New York


Paul O'Neill, hier noch ganz staatstragend: Unkontrollierte Kanonenschüsse
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Paul O'Neill, hier noch ganz staatstragend: Unkontrollierte Kanonenschüsse

New York - Es gibt wenig, worin sich die Börsianer an der Wall Street absolut einig sind. Neben dem Gewinnstreben gab es bis vor kurzem eigentlich nur eine Gemeinsamkeit: die Abneigung gegen Paul O'Neill. Der am Freitag geschasste Finanzminister wollte während seiner zweijährigen Amtszeit die Sorgen der Börsianer einfach nicht teilen. Dreistellige Kursstürze kommentierte er gerne mit Sätzen wie: "So sind die Märkte. Sie gehen mal hoch und mal runter".

Aus seinem Fatalismus machte der ehemalige Alcoa-Chef kein Geheimnis. Er glaubte nicht an Intervention, schon gar nicht an verbale. Er hielt es auch für verschenkte Liebesmüh, ab und zu mal ein gutes Wort für den Dollar einzulegen. Es gebe keine "Politik des starken Dollars" und damit basta. Wenn der Dollar daraufhin fiel - was er öfter tat -, blinkte O'Neill unschuldig mit den Augen: Er verstehe nicht, warum die Leute seine Äußerungen so ernst nähmen.

Unkontrollierte Schnellschüsse

O'Neill war das, was sie an der Wall Street eine "loose cannon" nennen: eine Knarre, die unkontrolliert um sich schießt. Kein Wunder also, dass nach O'Neills erzwungenem Rücktritt der Dow Jones zu steigen begann - trotz eines desaströsen Arbeitsmarktberichts, der kurz vorher veröffentlicht worden war.

Die Diskussion um die Nachfolger von O'Neill und des ebenfalls zurückgetretenen Wirtschaftsberaters Lawrence Lindsey wird zumindest den Wochenanfang dominieren. Laut einem Bericht in der "Washington Post" will Präsident George W. Bush bereits am Montag O'Neills Nachfolger ernennen - und die Börsianer können es kaum erwarten.

Egal wer, Hauptsache ein anderer

"Wer immer ernannt wird, ist ein Plus für die Wall Street", kommentiert Peter Hooper, der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank. Beobachter werten den Führungswechsel als Signal, dass große Steuersenkungen bevorstehen - was an den Märkten traditionell auf positives Echo stößt. O'Neill galt als Gegner weiterer Steuersenkungen, er hatte wiederholt Haushaltsdisplizin angemahnt.

Auch Lindseys Nachfolger dürfte die Zustimmung der Börsianer finden, ist er doch offenbar einer der Ihren: Nach Informationen der "Washington Post" hat Stephen Friedman, ein ehemaliger Chairman von Goldman Sachs, bereits zugesagt.

Neue Steuersenkungen für Reiche?

In dem Trubel um das neue Wirtschaftsteam wird die Sitzung der Federal Reserve am Dienstag wohl untergehen. Notenbank-Chef Alan Greenspan dürfte das ganz recht sein, hat er doch nichts anzukündigen. Nach der Zinssenkung bei der letzten Fed-Sitzung hat er sein Pulver verschossen und kann eine Diskussion über die Ohnmacht der Fed nicht gebrauchen. Die nächste Intervention, wohl in Form von Steuersenkungen, muss vom Weißen Haus kommen.

Ob Steuersenkungen (insbesondere für Reiche, wie sie Bush vorschweben) das richtige Mittel für mehr Wirtschaftswachstum sind, ist umstritten. Sicher ist nur: Die US-Konjunktur kann einen Schubs gebrauchen. Zwar wurde schon lange nicht mehr vom "Double Dip", dem erneuten Abtauchen in die Rezession, geredet. Aber die Situation ist noch nicht entschärft, wie der Anstieg der Arbeitslosenrate auf sechs Prozent im November zeigt. Die Einzelhandelszahlen für November, die am Donnerstag veröffentlicht werden, werden auch keine Begeisterung auslösen: Der Branchenumsatz soll im November um magere 0,3 Prozent gestiegen sein.

Der anhaltende Mangel an überzeugenden Daten ist der Grund, warum der Rallye vergangene Woche der Dampf ausgegangen ist. Der Dow Jones verlor 2,8 Prozent, der Nasdaq Composite 3,8 Prozent. Doch abschreiben wollen die Börsianer die Jahresend-Rallye noch nicht. In ihrer Einschätzung der vergangenen Woche halten sie es ausnahmsweise mit Paul O'Neill: "Die Märkte gehen mal hoch und mal runter".



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