Wall-Street-Ausblick Die Lemminge und der fahrende Zug

Die Rallye an der Wall Street geht in die achte Woche. Die meisten Beobachter glauben inzwischen, dass sie bis Silvester anhalten wird, weil Fondsmanager feige sind.

Von , New York


Kaufe teuer: Die Fondsmanager wollen um keinen Preis hinter dem Index zurückbleiben.
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Kaufe teuer: Die Fondsmanager wollen um keinen Preis hinter dem Index zurückbleiben.

New York - Sie mögen Herrscher über Milliarden sein. Doch Fondsmanager sind auch nur Menschen, die Angst um ihren Job haben. Diese Angst, sagen Börsianer, ist einer der Gründe, warum die Kurse an der Wall Street wahrscheinlich in den nächsten Wochen weiter steigen werden.

Vergangene Woche legte der Dow Jones nach einer zweiwöchigen Durststrecke mal wieder satte 2,6 Prozent zu. Der Nasdaq Composite gewann sogar vier Prozent.

Die Rallye wird nicht von Kleinanlegern getrieben (die sind weiterhin misstrauisch), sondern von den institutionellen Anlegern. Kurz vor Jahresende will kein Fondsmanager den fahrenden Zug verpassen. Die Herdenmentalität an der Wall Street erlaubt es den hochbezahlten Finanzjoungleuren, Geld zu verlieren, wenn alle Geld verlieren. Es gilt aber als Kündigungsgrund, wenn das eigene Portfolio hinter den Leit-Indizes zurückbleibt.

Da am Jahresende Bilanz gezogen wird, beeilen sich die Manager, ihre Fonds in der verbleibenden Zeit noch aufzupolieren. Am liebsten kaufen sie logischerweise Aktien mit hohem Wachstumspotenzial. Und was gibt es da Besseres als die Penny Stocks von der Nasdaq?

Seit dem Tief am 9. Oktober hat der Nasdaq Composite 32 Prozent zugelegt, der Internet-Sektor sogar 40 Prozent. Das erscheint kaum gerechtfertigt, schließlich werden die Wachstumserwartungen fürs kommende Jahr ständig reduziert, und auch die Unternehmensinvestitionen zeigen keine Zeichen der Besserung. Die Wende in der besonders hart getroffenen Tech-Branche ist erst für Ende 2003 angesagt.

Doch die Rallye nährt sich im Moment selbst. Durch ihre schlichte Langlebigkeit zwingt sie die Fondsmanager zum Kaufen. Diese Woche wird sich die Aufwärtsspirale wohl weiterdrehen - wenn auch mit einem deutlich reduzierten Personal. Am Donnerstag bleibt die Wall Street wegen Thanksgiving zu, am Freitag schließt sie bereits früher. Viele Börsianer werden ein langes Wochenende genießen.

Thanksgiving ist der offizielle Beginn der Vorweihnachtszeit und damit der Startschuss zum alljährlichen Shopping-Wahnsinn. Die Ökonomen sind gespannt auf die ersten Berichte aus den Malls. Sie erwarten eine mittelprächtige Saison - etwa drei Prozent mehr Umsatz als vergangenes Jahr.

Traditionell ist die Weihnachtssaison auch gut für Aktien. In 41 der vergangenen 50 Jahre sind die Kurse am Tag vor und nach Thanksgiving gestiegen. Der Dezember ist im historischen Durchschnitt der zweitbeste Aktienmonat.

Unterstützend hinzu kommt diese Woche ein ganzer Schwung von voraussichtlich annehmbaren Konjunkturdaten. Am Dienstagmorgen soll das Wirtschaftswachstum des dritten Quartals von 3,1 auf 3,7 Prozent nach oben revidiert werden. Das dürfte der Börse einen Schub geben - auch wenn die Prognose für das laufende Quartal weiterhin bei einem Prozent liegt.

Nicht zuletzt dank der Aktienrallye schauen die Amerikaner wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft, wie beide Indizes des Verbrauchervertrauens diese Woche wohl zeigen werden. Ihren neu gewonnenen Optimismus können sie in den nächsten Wochen an den Kaufhauskassen unter Beweis stellen.

Am Mittwoch werden zwei wichtige Indikatoren für das Verhalten von Unternehmen bekannt gegeben: die Auftragseingänge für langlebige Güter (Oktober) und der Chicago-Einkaufsmanager-Index. Ökonomen erwarten in beiden Fällen einen leichten Anstieg - und die Börse wird dementsprechend positiv reagieren.

Doch der Anstieg der beiden Indikatoren kann nicht über den Mangel an Unternehmensinvestitionen hinweg täuschen: Die Auftragseingänge-Zahl ist sehr volatil, und der Oktoberwert könnte sich am Ende als Ausreißer im bestehenden Abwärtstrend entpuppen. Im August und September waren die Auftragseingänge jeweils eingebrochen. Auch der Einkaufsmanager-Index bleibt wohl weiter unter der 50-Prozent-Marke - und signalisiert damit eine Schrumpfung der Produktion.

Doch solche Sorgen werden die Fondsmanager von ihrem Silvesterrausch wohl vorerst nicht abbringen. Sie kaufen, obwohl gerade viele Tech-Aktien immer noch überteuert sind. Der Kater allerdings könnte sehr bald nach Silvester einsetzen - so wie letztes Mal. Nach den Terroranschlägen vom 11. September kam zunächst die große Befreiungsrallye. Im Januar dann begann der Absturz.



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