Wall-Street-Ausblick Ein Crash steht in den Sternen

Nach einem Jahr steigender Kurse sorgen vor allem deutsche Aktien in New York für eine positive Überraschung. Ein Wall-Street-Astrologe prophezeit allerdings bereits den großen Crash – für morgen.

Von , New York


Mieses Horoskop: Die New York Stock Exchange
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Mieses Horoskop: Die New York Stock Exchange

New York - Der Merkur steht im 90-Grad-Winkel zum Saturn. Der Saturn steht im Tierkreiszeichen des Krebses. Der abnehmende Vollmond belastet weiter das Nervenkostüm.

Anders gesagt: Diese Woche crasht die Börse.

Sagt jedenfalls der Wall-Street-Astrologe Henry Weingarten. Der anlageberatende Sternendeuter (oder sternendeutende Anlageberater) aus New York verknüpft "planetarische Ereignisse mit Marktaktivitäten" zu Börsen-Horoskopen - von Berufs wegen und zur flotten Jahresgebühr von bis zu 25.000 Dollar. Weingarten unterhält sogar seinen eigenen "Sternen"-Fonds. Vor einem Jahr, in der zweiten Oktoberwoche 2002, hat er das Ende des US-Bärenmarkts vorausgesagt. Auf den Tag genau.

Und jetzt prophezeit Weingarten für den morgigen Dienstag - spätestens zum Börsenschluss - das Ende des einjährigen US-Bullenmarkts. Die Hausse werde nicht nur von einer problematischen Planetenkonstellation und "gestörten Fundamentalen" gebremst, sondern auch "von neuen Realitäten" - darunter die Schwäche des Dollars "und vielleicht ein Krieg". Der Dow könnte darüber mehr als 300 Punkte verlieren, womöglich sogar den Rekordsturz vom Oktober 1987 wiederholen, knapp 16 Jahre später.

So abwegig Weingartens Orakel klingt, manche US-Börsianer scheinen inzwischen einiges auf Horoskope, Sternenbilder und Mondphasen zu geben. Marketwatch.com, der Börsen-Ableger des TV-Networks CBS, fand Weingartens Orakel immerhin so nennenswert, dass er es vorübergehend als eine Top-Meldung auf die Homepage stellte.

Die "seriösen" Vorhersagen der anderen Anlage-Gurus sorgen auch nicht gerade für leuchtende Erkenntnis. Was hatten sie sich nicht alles gewünscht (oder gleich forsch prognostiziert) zum ersten Geburtstag dieser ersten Rallye unseres Jahrtausends - von einem Super-Dow, der unaufhaltsam die 10.000-Marke anpeile, über das beste Bilanzquartal des Jahres bis hin zu einer dramatischen Korrektur nach unten.

Die Realität ist etwas weniger spektakulär: Der Dow stagniert bei 9674,68, nach einem kaum spürbaren Freitags-Verlust von fünf Punkten (0,06 Prozent). Ebenso flach und flau gehen der Nasdaq (plus 0,18 Prozent; 1915,31) und der S&P 500 (ebenfalls minus 0,06 Prozent; 1038,06) in das zweite Rallyejahr unserer Nach-Terror-Gesellschaft.

Deutsche Überraschung an der NYSE

Die Analysten versuchen wie immer das Beste draus zu machen. "Der Markt hat einen Marathon hinter sich, er muss sich ein bisschen ausruhen", findet Doug Sandler (Wachovia Securities). "Und eine Seitwärtsbewegung ist für mich Zeichen eines gesunden Marktes."

Die Börsianer achten heute aber zunächst einmal auf die Abwärtsbeweger des letzten Handelstages (insgesamt schlossen 18 der 30 Dow-Werte zum Wochenende mit einem Minus). Darunter: General Electric, Walt Disney, Honeywell, International Paper, DuPont, Wal-Mart und SBC Communications. Können sie sich schnell genug wieder fangen?

Wer sich dagegen die Aufwärtsbeweger etwas genauer anschaut, stößt auf eine schöne Überraschung, zumindest aus deutscher Sicht: die deutschen Auslandswerte, die an der New York Stock Exchange (NYSE) zum Wochenwechsel ausnahmsweise mal allesamt im positiven Bereich liegen und damit über der Leitvorgabe des Dow. Allen voran die US-Aktie der Deutschen Bank (plus 1,73 Prozent), gefolgt von der Deutschen Telekom (1,68 Prozent), Siemens (1,42 Prozent), Allianz (1,39 Prozent), E.ON (0,83 Prozent), Bayer (0,41 Prozent) und BASF (0,11 Prozent) - eine seltene Einigkeit der Exil-Notierungen.

Sonst ist es den deutschen Unternehmen an der Wall Street in diesem Rallyejahr nicht so durchgehend gut gegangen. Während der Dow seit seinem Millenium-Tief vom 10. Oktober 2002 fast 34 Prozent zulegte, zeichneten die deutschen Listings seither allenfalls gemischte Jahreskurven. Erfreulich über dem Dow-Schnitt rangierten Siemens (satte 107 Prozent Plus), Deutsche Telekom (74 Prozent), Deutsche Bank (81 Prozent) und BASF (42 Prozent). Mehr oder weniger deutlich darunter fanden sich Bayer (minus 26 Prozent), Allianz (25 Prozent) und DaimlerChrysler (21 Prozent).

Aber immerhin: Selbst damit lagen sie noch über dem NYSE International 100 Index, in dem die Hauptbörse die 100 größten Auslandswerte kombiniert. Der gewann im Rallyejahr gerade mal 18 Prozent. Von den Deutschen fand sich nur E.ON, an der NYSE vormals als Veba geführt, mit plus 13 Prozent unterhalb des Durchschnitts.

Barometer Einzelhandel

Auch Bilanzbeobachter haben in den USA diese Woche viel zu verdauen. Eine Legion großer, börsenbewegender Unternehmen präsentieren in den nächsten Tagen ihre Quartalszahlen: Apple, Bank of America, Caterpillar, Coca-Cola, Delta, ETrade, FleetBoston, General Motors, Honeywell, Intel, Johnson & Johnson, Merrill Lynch, Motorola, Northwest Airlines, SAP, Siebel, Sun, United Technologies sowie die Medienkonzerne Gannett, Dow Jones, New York Times, Tribune und Knight Ridder.

Aus Washington gibt es ebenfalls allerhand Börsen-News. Die Stimmung stark beeinflussen werden die Einzelhandels-Umsätze am Mittwoch. Hier erwarten die Experten eine Abflachung des August-Zuwachses (0,6 Prozent) auf minimale 0,1 Prozent im September. Ursache: Im August gaben die Verbraucher ihren einmaligen Extra-Scheck aus (vor allem für Autos), mit dem ihnen das Finanzamt die Steuerkürzungen zurückzahlte.

Spekulieren auf geborgter Zeit

Ebenfalls am Mittwoch legt die US-Notenbank ihr Beige Book zu den Wirtschaftsbedingungen vor. Apropos Notenbank: Angesichts der leise brummenden, wenn auch weiterhin "arbeitslosen" Konjunktur kursieren bereits wieder erste Vermutungen über eine mögliche Zinserhöhung der so lange schon sturen Federal Reserve. Dazu wird in den kommenden Wochen sicher noch mehr zu hören sein.

All das wäre aber natürlich hinfällig, wenn die planetarischen Börsenprognosen des Astro-Finanziers Henry Weingartens wahr würden. Weingarten drängt alle sternenbewussten Anleger, sich bis spätestens zum Dienstschluss am Dienstag liquide zu machen. "Die Börse", sagt er düster, "lebt auf geborgter Zeit".



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