Wall-Street-Ausblick Ende einer Legende

Die US-Börsianer können sich selbst mit den guten Konjunkturdaten nur schwer anfreunden. Die Skepsis sitzt tief, nichts gilt heute mehr als sicher. Das beweist auch das plötzliche Ende einer geliebten, Jahrzehnte alten Wall-Street-Institution.

Von , New York


Seiner zweiten Heimat beraubt: New Yorker Händler
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Seiner zweiten Heimat beraubt: New Yorker Händler

New York - Harry's verschied plötzlich und unerwartet. Am Freitagnachmittag, kurz vor dem üblichen Gästeansturm nach Börsenschluss, rief der legendäre Gastronom Harry Poulakakos seine Mitarbeiter zusammen und verkündete, zum sichtlichen Schock aller, das Undenkbare: Harry's Hanover Square macht dicht. Sofort. Einfach so. Nach 31 Jahren und 29 Tagen.

Und so kehren New Yorks Broker und Banker heute an eine Wall Street zurück, die nie mehr sein wird wie früher. Denn Harry's, einen Steinwurf von der Börse, war kein normales Lokal. Harry's war eine Institution, eine Legende, ein Mekka und, dank Tom Wolfes Bestseller "Fegefeuer der Eitelkeiten", ein literarischer Schauplatz (Wolfe war lange Zeit Stammgast.). Auf dem Börsenparkett schlägt der Puls der Wall Street. Bei Harry's schlug das Herz.

Der Schutzpatron gibt auf

Harry Poulakakos, 65, ein Exil-Grieche, galt als der "Schutzpatron der Wall Street", Harry's galt als Stammkneipe der kleinen und großen Börsianer, als ihr "home away from home". Harry kannte die meisten Gäste beim Vornamen, ließ in der Herrentoilette private Telefone für die Top-Broker installieren und schrieb selbst in schlimmsten Rezessionszeiten an. Er meisterte Bullen und Bären, Booms und Crashs, den Terror von 2001 und sogar das New Yorker Rauchverbot. (Ja, Harry liebt seine Zigarren)

Doch dann, im August, starb seine Frau Adrienne, mit der er 38 Jahre lang verheiratet war, an Krebs. "Gemeinsam schufen sie sich ein Leben", diktierte Harry der "New York Times" in den kurzen Nachruf, den Abschied vom Geschäft andeutend - und begann anschließend seinen eigenen Nachruf zu verfassen, zumindest seinen professionellen.

Harry's, schrieb ein Kolumnist einmal, "ist das einzig Sichere an der Wall Street." Harry's Ende, so abrupt und brutal, ist ein Zeichen der Zeit: Nichts ist mehr sicher hier. Ein Leitmotiv, das passender kaum sein könnte in dieser erste Handelswoche des Novembers. Noch vor wenigen Tagen hatten die Broker - nicht nur unter dem nun erloschenen Börsenticker-Leuchtband bei Harry's - auf das Zahlen-Feuerwerk aus Washington angestoßen.

Nagende Zweifel

Um sagenhafte 7,2 Prozent ist das US-Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal gestiegen, das steilste Wirtschaftswachstum seit 1984. Der Optimismus der Verbraucher steigt, das Volk gibt langsam wieder Geld aus, das Handelsdefizit schrumpft, na denn, Prost.

Doch was tun die US-Börsen? Sie zucken müde mit den Schultern. Dow und S&P 500 legten zum Wochenende nicht einmal ein Prozent zu. Die Nasdaq schloss sogar im Minus. Das Handelsvolumen? Durchschnittlich, mehr nicht. Die neue Woche beginnt allenfalls mit einem Fragezeichen; die Party ist vorerst abgesagt.

Die Zweifel nagen weiter. "Die Wirtschaft schüttelt ihre Lethargie ab", räumt der Ökonom Richard Rippe (Prudential Equity Group) zwar ein. "Doch es gibt noch einige Sektoren, in denen der Aufschwung sich nicht halten wird." Richard Dickson, Martktstratege bei Lowry's Research Reports, ist noch pessimistischer: "Wir werden sehr skeptisch, was die Aussichten des Marktes für kurzfristige Gewinne angeht." Vielmehr sehe das alles aus wie "eine Rallye, der rapide die Luft ausgeht".

"Wir leben in einer manisch-depressiven Wirtschaft", resümierte Louis Uchitelle gestern in der "New York Times", "und im Moment befinden wir uns in der manischen Phase."

Nachzügler der Bilanzsaison

Also harren US-Börsenfreunde diese Woche gebannt der nächsten Statistiken. Bestätigen sie einen Langfrist-Trend? Oder war alles nur ein Ausrutscher, nett, doch von kurzer Dauer?

Allen voran die Zahl der neu Angestellten für Oktober, die das US-Arbeitsministerium am Freitag herausgibt. Ökonomen erwarten hier einen Zuwachs von 40.000 Beschäftigten.

Das wäre gut (zum ersten Mal seit einem Jahr stiege diese Zahl zwei Monate in Folge). Aber auch nicht so gut (17.000 weniger als der September-Zuwachs). Und nach Ansicht vieler Experten kaum gut genug, um zu verhindern, dass die US-Arbeitslosenquote im Oktober wieder von 6,1 auf 6,2 Prozent steigt. Dazu bedürfe es mindestens 200.000 neuer Jobs pro Monat.

Kaum ein Durchbruch also. Daran dürften in den nächsten Tagen auch die letzten Nachzügler der herbstlichen Bilanzsaison wenig ändern, trotz überwiegend guter Prognosen.

Etwa der Versicherungsgigant MetLife, dessen Mitteilung heute auf dem Programm steht. Die Wall-Street-Prognosen (73 Cents pro Aktie/8,9 Milliarden Dollar Gesamtumsatz) gehen hier von einem sanften Plus aus. Herbe Verluste dürfte der Konzern allerdings in seinen Auto- und Haushalsabteilungen vermelden - spätes Erbe des Hurrikans Isabel vom September.

Umsatz-Plus mit Billig-Pillen

Ähnlich positive Bilanzen, wenngleich oft ähnlich verhalten, prägen auch den Rest des Finanzsektors. Etwa bei der Principal Financial Group, die ebenfalls heute ihre Zahlen herausgibt und sich über gute Ergebnisse im Immobiliendarlehen- und Pensionsbereich freut. Dem folgen morgen Prudential und Versicherer AON.

Gut sieht's für Devon aus, den größten Öl- und Gasproduzenten der USA. In dessen Quartalszahlen wird sich am Donnerstag die Übernahme des alten Rivalen Ocean Energy vom Frühjahr niederschlagen. Der Stromkonzern Calpine wird dagegen am Mittwoch ein Minus verkünden - ein milder US-Sommer reduzierte den Stromverbrauch durch Klimaanlagen.

Harrys letzter Rat

Auch der Technologie-Konzern Cisco veröffentlicht am Mittwoch Zahlen. Im Medienbereich stehen Hörfunkgigant Clear Channel und Rupert Murdochs News Corporation auf dem Kalender.

Normaler Weise würden die Börsianer diesen Zahlensalat mit einem Bier bei Harry's verdauen. Doch Harry's Hanover Square ist nicht mehr. Was überlebt, ist Harrys weiser Ratschlag für alle seine Wall-Street-Freunde: "Ich bin immer optimistisch. Ich glaube immer, dass die Dinge gut werden. Manchmal sind sie nicht so toll. Aber wir müssen uns im Leben zufrieden geben."



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