Wall-Street-Ausblick Gruseln vor der 10.000-Punkte-Marke

Die Angst siegt: Auf dem Weg zur 10.000-Marke hat der Dow wieder kehrt gemacht. Das liegt auch daran, dass sich die Wall Street ausgerechnet zu Halloween wieder kräftig gruselt – vor den Gespenstern der Vergangenheit und denen der Gegenwart.

Von , New York


Halloween: Die Wall Street gruselt sich - und scheut das Feuer
DDP

Halloween: Die Wall Street gruselt sich - und scheut das Feuer

New York - Die Zeugin der Anklage macht ganz auf seriös. Schlicht-schwarzes Kostüm, gepflegtes Haar, wohl gesetzte Worte: Barbara Jacques weiß, wie man Geschworene betört. Alfred Hitchcock hätte seine Freude gehabt.

Die 49-Jährige ist eigens aus dem sonnigen Florida eingeflogen, um der New Yorker Justiz behilflich zu sein. Da sitzt sie also nun im Gerichtssaal 1324 des State Supreme Courts und gibt - in einem dramatischen Auftritt, der letzte Woche begann und heute weitergeht - gerne darüber Auskunft, was ihr einst so alles widerfuhr hinter den Kulissen der Wall Street.

In erster Linie Gutes. Das Gratis-Apartment am Central Park zum Beispiel, Marktwert eine halbe Million Dollar. Das Beach-Haus in Florida, ebenfalls auf Firmenkosten, 350.000 Dollar. Weitere 497.000 Dollar an verfügbarem Spesenkredit. Und das, obwohl sie "nur" eine Marketingfrau war, 95.000 Dollar Jahresgehalt.

Dennis Kozlowsk: Gespenst der Vergangenheit
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Dennis Kozlowsk: Gespenst der Vergangenheit

Miss Jacques Geheimnis: Sie war die Geliebte des (verehelichten) "Wall-Street-Evil" Dennis Kozlowski, Ex-CEO des Skandalunternehmens Tyco. Drei Jahre etwa dauerte die Liaison, "dann lernte er eine andere kennen". Der Spesenkredit wurde ausgezahlt. Die Immobilien durfte sie behalten.

Als Gier eine Tugend war

Wie sich die Zeiten ändern. Damals näherte sich der Dow 12.000 Punkten, kaum zu bremsen. Heute dümpelt er so um die 9500, verschreckt von der Psycho-Schwelle 10.000. Damals war das Schweigegeld für die Geliebte gang und gäbe. Heute kräht der Staatsanwalt. Kozlowski, der Barbara Jacques so spendabel abgalt, war als Chef des Elektronikriesen Tyco einer der größten Protagonisten der US-Börsenbooms der 90er Jahre. Dann stürzte die Börse ab. Heute steht Kozlowski wegen Korruption und Millionenbetrugs vor Gericht - und mit ihm die gesamte Wall-Street-Kultur des Geldscheffelns.

Es will schon was heißen, wenn die heißesten Schlagzeilen der Wall Street nicht mehr an der Wall Street selbst gemacht werden. Sondern in den Gerichtssälen um die Ecke, wo also gerade die erste Prozesswelle um die Kehrseite des Börsenbooms in vollem Gange ist, voller Lust am süffigen Detail. Es sind diese Details, die ausgerechnet jetzt, in der Halloween-Woche, selbst hartgesottenen Börsianern kräftig das Gruseln lehren - vor den Gespenstern der Vergangenheit und auch denen der Gegenwart.

Dennis Koszlowski im State Supreme Court. Frank Quattrone im Federal District Court. Martha Stewart, soon to come. Die Abrechnung läuft auf Hochtouren. Eine Abrechnung mit den Idolen jener goldenen Ära der Maßlosigkeit, als die Börse boomte und Gier eine Tugend war.

Erster Tech-Börsengang seit dem Bubble-Boom

Justitia ist blind, doch sie hat ein Auge fürs Timing. Denn die junge, ernüchterte Generation von Anlegern und Brokern, die die Wall Street unserer "Post-9/11"-Zeiten bevölkert, kann ein paar Lehren aus der Vergangenheit gut gebrauchen. Gerade jetzt, da die Börse - auch diese Woche wieder - zaghaft einen neuen Boom versucht und sich, siehe da, die alte Gier prompt zurückmeldet.

Frank Quattrone bietet so eine Lehre. In Zusammenhang mit Anlegerbetrug der Rechtsbehinderung angeklagt, ist der einstige IPO-Star (Inital Public Offering) von Credit Suisse First Boston, der Unternehmen bei ihren Börsengängen begleitete, so eben noch mal davon gekommen. Die Geschworenen konnten sich zum Wochenende auf kein Urteil einigen, darob platzte der Prozess. Was jedoch ans Licht kam, dürfte die Börsianer auch heute noch stutzen lassen.

Quattrone (der sein Handwerk auch bei der Deutschen Bank gelernt hatte) bestimmte darüber, welchen Dot-coms der lukrative IPO-Börsengang erlaubt wurde, wer Zugriff zu den heißesten Aktien bekam und zu welchen Konditionen. (Auserwählte Tech-CEO's hatten Vorkaufsrecht.) Eigenhändig inszenierte er den IPO-Wahn der 90er Jahre mit - und legte so das Fundament für den Mega-Crash von 2000.

Für heutige Börsianer bieten die Quattrone-Verhandlungsakten mehr als nur interessanten Lesestoff. Freuen sich doch viele schon auf einen neuen IPO-Boom im kommenden Jahr, angeführt vom Internet-Portal Google, das im Frühjahr an die Börse gehen will, als erste Dot-com-IPO seit dem letzten Bubble-Boom.

Vergebliche Anläufe zur magischen Marke

Nicht zuletzt wegen des Quattrone-Skandals sind die Regeln aber heute strenger. Analysten dürfen den Investment-Bankern nicht länger unterstellt sein. Vorzugsangebote an Top-Klienten sind passé. Emissionspreise sollten sich möglichst am Markt orientieren. Und die Investmenthäuser werden, bevor sie den Zuschlag bekommen, gründlich durchleuchtet.

Was nicht bedeutet, dass die Hintermänner nicht weiterhin abzukassieren versuchen. Über 40 Fonds-Firmen, so teilt die Börsenaufsicht SEC soeben mit, betrieben weiter "unzulässige Handelspraktiken" zu Ungunsten der Kunden.

Dennoch und deshalb: Die Wall Street ist "viel zurückhaltender" geworden, wie die "New York Times" am Wochenende befand. Der "average investor" - der gemeine Kleinanleger also, der bei den Machenschaften von Quattrone & Co. am meisten geschröpft wurde - agiert heute als gebranntes Kind und scheut das Feuer.

Das erklärt auch, weshalb der Dow so viele Anläufe braucht, um die magische 10.000-Marke zu erreichen. Gerade noch zum Greifen nahe, liegt diese Angstschwelle heute wieder fern. Mit 9582 beginnt der Leitindex die Woche 1,4 Prozent unter dem Vorwochenwert 972.

Was die Analysten irritiert: Die zögerliche Haltung der Investoren steht im Gegensatz zu den meist erfreulichen Quartalszahlen der Konzerne. Von den 271 bisher veröffentlichen Bilanzen lagen 76 im Plus, fast vier mal so viele wie im Minus (der Rest war unverändert).

Profitzuwachs dank Sodbrennen

Insgesamt erwarten die Statistiker bei Thomson Financial/First Call für die 500 Firmen des S&P-Indexes einen Anstieg der Gewinne um 21 Prozent und der Umsätze um sechs Prozent. "Wir tauchen aus der Tiefe auf", sagt Chefökonom David Wyss (Standard & Poor's).

Doch den Anlegern scheint selbst das nicht mehr zu reichen. Die Ansprüche sind hoch, viel höher als zu Zeiten des 90er-Jahre-Booms. "Es wird inzwischen erwartet, dass die Erwartungen übertroffen werden", sagt Ökonom Samual Lee (BMO Nesbitt Burns).

Eine hohe Messlatte also für die Dow-Größen American Express, Procter & Gamble und International Paper, die ihre Ergebnisse heute vorlegen. Bei allen dreien gehen die Analysten von starkem Profitzuwachs aus, bei P&G von mindestens zehn Prozent, auch dank seines beliebten Sodbrennen-Medikaments Prilosec.

Doch was will das schon heißen? Vorige Woche schlugen Merrill Lynch, General Motors und Fannie Mae alle Prognosen mit ähnlich guten Zahlen; die Kurse sackten dennoch ab.

Auf dem Bilanzkalender dieser Woche stehen noch andere Schwergewichte: die Ölgiganten ConocoPhillips (Mittwoch), ExxonMobil (Donnerstag) und ChevronTexaco (Freitag), alle mit günstigen Aussichten; die Rüstungs- und Luftfahrtkonzerne Lockheed Martin (morgen), Northrop Grumman und Boeing (beide Mittwoch), alle voraussichtlich im Minus; der Finanzkonzern John Hancock (Donnerstag, plus) und das skandalgeplagte Lifestyle-Imperium der Haushalts-Queen Martha Stewart (Donnerstag, minus).

Herzdame im Gruselkabinett

Die findet sich schon jetzt im Gruselkabinett der Wall Street verewigt. Und zwar als Herzdame eines Kartenspiels namens "Wall Street's Most Wanted", das ein cleverer Unternehmer für 11,95 Dollar im Internet anbietet, analog zur Horrorsammlung der meistgesuchten Iraker. Mit von der Partie: Kozlowski, Quattrone, der Enron-Drahtzieher Ken Lay, Ex-AOL'er Steve Case, ImClone-Gründer Sam Waksal, GE-Legende Jack Welch.

Das Kartenspiel, so wirbt der Hersteller, eigne sich nicht nur als Scherzartikel. Sondern auch für "politische Statements", "Manager-Weiterbildung" und "Ethikseminare für CEO's".



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