Wall-Street-Ausblick Krebsmittel machen Börse gesund

Die Wall Street geht mit Aufwind in die neue Woche. Dow, Nasdaq und S&P 500 peilen Rekordzuwächse an. Maßgeblich getrieben wird der Boom von den Pharma-, Tech- und Medienbranchen sowie positiven Wirtschaftdaten, in denen manche schon ein Ende der US-Konjunkturmisere sehen.

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10.000er-Marke im Blick: Händler an der Wall street
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10.000er-Marke im Blick: Händler an der Wall street

New York - Martha Stewart, die amerikanische Back- und Bastel-Queen, Selfmade-Unternehmerin und lange eine der reichsten Frauen der USA, wird sich diese Woche wohl schwarz ärgern. (Oder, wie es in ihrer dekorativen Farbkollektion für den Heimgebrauch heißt, "mitternacht".) Und zwar im Nachhinein über ein Aktiengeschäft vom Dezember 2001.

Damals hatte die einstige Brokerin ihren Anteil an der Biotech-Firma ImClone abgestoßen, weil sie erfahren hatte, dass die Genehmigung für das Krebsmedikament Erbitux verweigert werden sollte: 3928 Aktien im Wert von 227.824 Dollar.

Der Panikverkauf, der der Vorzeigefrau eine Anklage wegen Insider-Handels und nachhaltigen Image-Schaden bescherte, erwies sich als voreilig. Gestern präsentierte ImClones deutscher Partner Merck auf einem Medizinerkongress in Chicago den neuesten Forschungsstand zu Erbitux. Ergebnis: Zulassung des Krebsmedikaments nur noch eine Frage der Zeit. Im Vorfeld sprang die ImClone-Aktie am Freitag von 23,64 auf 28,50 Dollar. Seit Jahresanfang verbuchte sie einen Zuwachs von 168 Prozent. Dumm gelaufen, Mrs. Stewart.

400 neue Biotech-Medikamente vor der Genehmigung

ImClone führt einen Boom der gesamten Biotech- und Pharmasparte, der sich weitgehend auf Durchbrüche in der Krebsforschung stützt. (Fast 400 neue Biotech-Medikamente stehen in den USA derzeit kurz vor der Genehmigung.) Die Branchen-Indizes an der Amex und der Computerbörse Nasdaq gingen mit einem Zuwachs von je 2,6 Prozent ins Wochenende; in den ersten fünf Monaten 2003 legten sie damit 32 beziehungsweise 36 Prozent zu.

Die Gewinne vom Freitag dürften sich nach Ansicht vieler Analysten diese Woche für die Pioniere der Industrie fortsetzen: ImClones US-Kompagnon Bristol-Myers Squibb, Genentech (das in Chicago erstmals sein Magenkrebsmittel Avastin präsentierte), OSI Pharmaceuticals (das gemeinsam mit Genentech das Medikament Tarceva entwickelt), Millennium Pharmaceuticals (dessen Krebstherapie Velcade gerade von der FDA zugelassen wurde). Einziger Verlierer im Pillenfeld: Schering-Plough, gegen das der Staatsanwalt unter anderem wegen Preisabsprache ermittelt.

Die Pharma-Rallye, Blue Chips und Tech-Werte, die in Kraft getretenen Steuersenkungen für Börsengewinne sowie die nationale Terror-Entwarnung trieben den Dow am Ende einer verkürzten Dienstwoche zu unverhofften Höhen. Mit 8850 Punkten brach der US-Hauptindex, nach einer sonst flauen Woche, am Freitagnachmittag sein bisheriges Jahreshoch (8842, Mitte Januar) und ist seit Oktober um gut 20 Prozent gestiegen. Das ist die Marke, ab der die Börsianer ernsthaft vom Bullenmarkt sprechen. Schon macht an der Wall Street die magische Zahl "10.000" erstmals wieder die Runde.

Nasdaq vor 12-Monats-Rekord

Der Nasdaq hat seit Oktober sogar um 40 Prozent angezogen und könnte diese Woche seinen 12-Monats-Rekord von 1631 einstellen. Alle drei großen Indizes - Dow, Nasdaq und S&P 500 - schlossen den Mai damit positiv ab. "Die Scheunentore stehen offen", ermuntert Wall-Street-Experte Steve Gelsi (CBS.MarketWatch.com) die Börsenbullen.

Hoffnung oder Hyperbel? Nach überwiegend erfreulichen Wirtschaftsdaten der letzten Woche blicken die Anleger nun gespannt auf die Statistiken der nächsten Tage: Arbeitslosenzahlen, Produktion, Auftragslage, das ISM-Industriebarometer des Institutes for Supply Management. Setzt sich der Trend darin fort, "wird dieser Markt kurzfristig nach oben gehen", glaubt Analyst Peter Cardillo (Global Partners Securities).

Notenbankboss Alan Greenspan, ergänzt Maury Harris, Chefökonom von UBS Warburg, könne beruhigt "die Finger von der Geldpolitik lassen". Grennspan hat diese Woche zwei Auftritte, auf die die Wall Street schielen wird: Morgen via Satellit bei der IWF-Tagung in Berlin, am Donnerstag als Besucher einer Schule in Washington. (Thema seiner Rede dort: "Die Bedeutung von Mathematik-Kenntnissen.")

Medienbranche vor dem Umbruch

Optimismus und Bewegung finden sich diese Woche auch in der Medien- und Kommunikationsbranche. Für die steht heute in Washington eine historische Entscheidung an: Die US-Regulierungsbehörde FCC will die Monopolsperren gegen Medienkonzentration dramatisch lockern und teilweise ganz aufheben.

Die Vorfreude auf das Edikt, das FCC-Chef Michael Powell am Mittwoch vor dem Kongress pro Forma rechtfertigen soll, gab den fünf Konglomeraten AOL Time Warner, Disney, General Electric, News Corp. und Viacom schon am Freitag leichten Aufwind. AOL sieht sich zudem von seiner neuen Allianz mit dem Rivalen Microsoft beflügelt, Disney vom Kassenrekord seines Computer-Kinocartoons "Finding Nemo".

Doch nicht alle sehen Börse und Wirtschaft im Trockenen. Goldman Sachs etwa bleibt skeptisch: "Wir erwarten für dieses und nächstes Jahr allenfalls durchschnittliche Wachstumraten", schreibt das Investmenthaus an seine Kunden. Optionshändler Bernie Schaeffer fasst den Zwiespalt so zusammen: "Optimisten und Pessimisten fühlen sich mit ihren Voraussagen gleichermaßen wohl - wobei in Wirklichkeit derzeit keiner weiss, was mit der Börse passieren wird."

Bei Vielen bleibt Skepsis

Diese Zweifel zeigen sich auch in den jüngsten Befunden des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup. "Die Freude der Anleger über das Ende kriegsbedingter Unsicherheiten", hat Gallup festgestellt, "ist dem Blick auf die Wirtschaftslage gewichen." Und der sei "nicht sehr ermutigend". Bis sich die US-Konjunktur spürbar erholt habe, "haben die Investoren guten Anlass, weniger optimistisch zu sein".

Bei derlei schizophrenen Aussichten hilft den Spekulanten derzeit das beste Insider-Wissen wenig weiter. "Märkte", sinniert Wall-Street-Legende Luis Rukeyser, "sind eben wie Footballs: Sie flippen manchmal wild durch die Gegend." Das hätte auch Martha Stewart damals bedenken sollen.



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