Wall-Street-Ausblick Rauchen und Zocken

Die Rezession in den USA, haben kluge Statistiker jetzt errechnet, endete bereits im November 2001 - doch der Durchschnitts-Amerikaner blickt weiter bang in die Zukunft. Nicht alle Branchen leiden darunter.

Von , New York


New York - Aufschwung? Da kann Peter Hall nur lachen. Der einstige Börsenbroker, der heute von seinem Apartment in Brooklyn aus freiberufliches Consulting betreibt, kommt so gerade über die Runden. Das Geschäft ist schlecht, die Kunden rar, die Kommissionen miserabel. "Schöner Aufschwung", schnaubt Hall.

Spielcasino in Atlantic City: Kein Geld für Zahnpasta, aber fürs Spiel
AP

Spielcasino in Atlantic City: Kein Geld für Zahnpasta, aber fürs Spiel

Hall ist ein Musterbeispiel für das, was das US Wirtschaftsforschungsinstitut NBER originell als "unzulänglichen Aufschwung" beschreibt. Dessen jüngste Schockermeldung ließ jetzt selbst die stursten Börsen-Bullen stutzen: Demnach ist die Rezession in den USA längst vorbei - und zwar bereits seit November 2001. Leider haben das bis heute weder der Mann auf der Straße noch die Wall Street mitbekommen.

Der Aufschwung ist da, und keiner hat's gemerkt. Mehr dazu in dieser Börsenwoche, wenn die nächste Welle von Quartalsbilanzen und Jahresprognosen anrollt und bestätigen wird, was sich schon letzte Woche abzeichnete: Die US-Konjunktur holpert, allen Edikten der Experten zum Trotz, nur mühsam voran. Zwar haben zwei Drittel der Firmen die Vorgaben der Analysten bisher übertroffen - aber nur 25 Prozent sehen dem Restjahr positiv entgegen.

Sieben Prozent Luft nach unten?

Zwar loben Experten wie Stephen Massocca von Pacific Growth Equities die bisherigen Ergebnisse als "solide". Doch Firmenchefs wie Börsianer halten ihren Optimismus im Zaum.

Und die Verbraucher erst recht: Der Index, mit dem die University of Michigan das Zukunftsvertrauen der US-Konsumenten misst, ist im Juli auf den tiefsten Stand seit einem Vierteljahr gefallen. "Die Verbraucher gehen davon aus, dass die Arbeitslosigkeit für längere Zeit beharrlich weiter steigen wird", sagt Richard Curtin, der die Umfrage leitete.

Auch die Analysten sind noch nicht ganz überzeugt. "August bis Oktober ist traditionell die herausfordendste Periode für den Markt", weiß Robert Dickey von RBC Dain Rauscher. "Dieses Jahr könnte das Muster ähnlich sein." Dickey erwartet deshalb, dass noch eine Kurskorrektur von fünf bis sieben Prozent ansteht, bevor sie zum Jahresende endgültig zur Rallye ansetzen.

165 S&P-500-Firmen, sieben Dow-Jones-Konzerne und zahllose andere "Market Movers" stehen diese Woche auf dem Quartalsbilanz-Kalender, die meisten berichten im Pulk, am Dienstag und Mittwoch. Darunter 3M, Amazon.com, AOL Time Warner, Boeing, DoubleClick, eBay, Lucent, Bristol-Myers Squibb, Dow Chemical, Lockheed Martin, Raytheon, Reebok, Sun Microsystems und Viacom.

Kein Geld mehr für Zahnpasta

Insider schauen auch auf den Dollarkurs. Denn dass der gegen den Euro wieder leicht anzieht, hilft vielen im Ausland tätigen US-Konzernen. "Wir hören in diesem Quartal viel vom Währungseinfluss", sagt Börsenstratege Tobias Levkovich von Smith Barney. Profitiert haben davon, wie die Ergebnisse letzter Woche zeigten, etwa Coca-Cola, Altria (vormals Philip Morris) und IBM.

Der Wirtschaftssender CNBC, der Quartalzahlen wie Superbowl-Ergebnisse vermeldet, hat für die Berichtssaison wieder seine stündliche Sendung reaktiviert, den "Bilanz-Report". Überraschend dabei der Blick auf die Hitliste der Wachstums- und Schrumpf-Branchen der letzten drei Monate.

Auf beiden Seiten finden sich da unerwartete Kandidaten - unter den Boom-Sparten die Tabakindustrie (der Dow-Jones-Tabak-Index stieg um 22,4 Prozent) und die Casino- und Online-Gambling-Branche (plus 22,17 Prozent), unter den Nachzüglern Haushaltsprodukte (mit der schlechtesten Börsen-Performance überhaupt) und, wer hätte das gedacht, Kosmetik.

Symptome einer wirtschaftlich verunsicherten Nation: rauchen und zocken (virtuell), doch an Seife und Zahnpasta sparen? Auch dazu mehr in dieser Woche. Dann legen nämlich die Kosmetik-Größen Colgate-Palmolive und Avon ihre Zwischenergebnisse vor.



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