Wall Street Ausblick Schneeblind an der Wall Street

Die US-Ostküste schaufelt sich aus dem ersten Rekord-Blizzard der Saison. Der klirrend kalte Wochenend-Sturm verschonte zwar das Tagesgeschäft an der Wall Street, doch sind die Börsianer längst auf ihre Art schneeblind: Sie trauen dem Aufschwung auch weiter nicht.

Von , New York


Schizophrene Stimmung am Wochenende: Händler an der Wall Street
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Schizophrene Stimmung am Wochenende: Händler an der Wall Street

New York - Jeff Palmer freute sich auf ein warmes Wochenende in Miami. Zwei Tage Sonne, verbunden mit der Besichtigung eines Penthouses, dessen Kauf er erwägt, war genau das, was der gestresste New Yorker Banker brauchte. "Ich muss hier einfach mal raus", sagte er per Handy im Taxi zum Flughafen.

Drei Stunden später war Palmer wieder zu Hause in Manhattan. Sein Flug mit der schicken US-Billiglinie JetBlue - an der er selbst auch Aktien hält - wurde wegen des ersten Blizzards der Saison ersatzlos gestrichen, wie Hunderte andere auch. JetBlue, das Wahl-Transportmittel für New Yorks Florida-Pendler, strich allein am Samstag 52 Flüge; tausenden Passagieren wurde obendrein die Umbuchungsgebühr von 25 Dollar erlassen.

Womit wir an der Wall Street wären. Denn der Rekord-Schneesturm, der übers Wochenende im US-Nordosten den Notstand auslöste und in New York über 16 Millionen Dollar Aufräumungskosten verursachte, traf auch den Ex-Börsenstar JetBlue mit voller Wucht.

Ende des Honeymoons

Die Linie, deren meisten Flüge entweder in New York beginnen oder dort enden, verlor mindestens die Einnahmen eines ganzen Tages. In der Jahresbilanz ist so etwas zwar nur eine kleine Delle. Doch auch kleine Dellen sind für JetBlue zurzeit schmerzhaft - vor allem an der Börse.

Der freche Discount-Jetter, lange Liebling der Anleger und Analysten, gehörte schon vor dem ersten Wintersturm vorige Woche zu den größten Kursverlierern an der Wall Street, drückte damit die gesamte Airline-Branche ins Minus und mit ihr den Dow-Jones-Leitindex. Zur "Wetter-Warnung", die JetBlue übers Wochenende auf seine Website setzte, hätte ebenso gut eine "Kurswarnung" gepasst.

Und so ist die Frage viele Börsianer heute, da sich auch die Wall Street aus meterhohen Schneewehen schaufelt, es ansonsten aber an spannendem Gesprächsstoff mangelt: Geht der Sturzflug des einstigen Überfliegers weiter?

Der Kursknick (am Freitag fiel JetBlue um satte 18 Prozent auf 25,80 Dollar) kam als Reaktion auf die Nachricht, JetBlue rechne im vierten Quartal mit einer schlechteren Umsatzrendite als erwartet - 13 bis 14 Prozent statt 16 bis 17 Prozent. "Zum zweiten Mal in diesem Vierteljahr werden die Investoren von der Company enttäuscht", sorgt sich Airline-Analyst Jeffrey Kauffman von Fulcrum Global Partners. "Das signalisiert uns das Ende des Honeymoons für solche Wachstumsaktien."

Flirt mit der Psycho-Schwelle

Kauffmans ominöse Bemerkung ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Einerseits bezieht sie sich auf die gesamte Billigflieger-Sparte in den USA: Da sieht nicht nur JetBlue, so Bear-Stearns-Analyst David Strine, langsam "ein bisschen überbewertet aus", sondern auch die anderen unabhängigen Discounter: America West verlor 13,7 Prozent, AirTran zehn Prozent, Frontier 8,7 Prozent, Southwest 4,2 Prozent. Der jüngste im Bund, Song, ist eine Delta-Tochter.

Alle haben sie die Strategie des alternden Szene-Pioniers JetBlue mit dem Motto "Schlicht doch schick" inzwischen kopiert. Der resultierende Preiskrieg, so JetBlue-CEO David Neeleman, sei hauptverantwortlich für die jetzige Krise. Den Großen, seit 11. September 2001 sowieso von Dauerturbulenzen geschüttelt, geht's dank hoher Ölpreise aber auch kaum besser: Der industrieweite Airline Index landete zum Wochenende im Dreimonatstief, angeführt von den Pleitegeiern American, United und US Air.

Kauffmans Orakel vom "Ende des Honeymoons" für Wachstumsaktien lässt sich aber auch noch breiter verstehen: als Warnung, dass der gesamten, anderswo ebenfalls überbewerteten Börsen-Rallye die Puste ausgehen könnte, der anspringenden US-Konjunktur zum Trotz. Die war in den zähen Kursboom offenbar schon mit eingebaut - was nun nur noch wenig Luft nach oben lässt.

Wieder mal flirtete der Dow letzte Woche mit der Psycho-Schwelle 10.000, wieder mal zog er sich verschreckt wieder zurück, um heute mit 9863 Punkten anzutreten. Auch der Nasdaq findet sich heute, nach nur kurz währendem Überspringen der 2000-Marke vorige Woche, wieder bei 1938, der S&P 500 bei 1062.

"Die beste schlechteste Zahl"

Nichts war den Börsianern gut genug, weder die Intel-Ergebnisse noch die zugegeben zwiespältigen Arbeitsmarktzahlen. "Hoffnungen, doch keine Träume" sah Analyst Andrew Root von Goldman Sachs allenfalls erfüllt; Bear Stearns nannte die Job-Zahl sybillinisch "die beste schlechteste Zahl".

Das mit der Konjunktur ist eben so eine Sache. Für manche Amerikaner sei dieses Glas halb voll, doch für andere weiter "halb leer", beschrieb die "New York Times" die schizophrene Stimmung am Wochenende.

Bullen und Bären, schneeblind. Die Bullen halten es nur für eine Frage der Zeit, bis der Arbeitsmarkt mitzieht und der Funke auf die Wall Street überspringt: Die Anleger seien diese Woche in Kauflust, ahnt Andy Brooks von T. Rowe Price. Die Bären dagegen - allen voran Stephen Roach der selbst ernannte "Haus-Skeptiker" von Morgan Stanley - bezweifeln eine langfristige Verbesserung, nicht zuletzt wegen struktureller Probleme der Wirtschaft, etwa Outsourcing von Jobs nach Asien.

Eine wichtige Entscheidungshilfe versprechen sich die Börsianer morgen von der Zentralbank, die in Washington tagt. Eine Erhöhung der historisch niedrigen Leitzinsen wird dabei wohl nicht herauskommen, stattdessen aber womöglich ein erster Hinweis darauf, dass Fed-Chef Alan Greenspan eine Zinserhöhung aufs nächste Jahr schiebt.

Online-Shopping macht Furore

Ebenfalls morgen werden die Großhandels-Inventare für Oktober bekannt gegeben; erwartet wird ein Anstieg um 0,2 Prozent (September: 0,4 Prozent). Am Donnerstag folgen die Restlichen (ebenfalls plus 0,2 Prozent) und die Einzelhandelsumsätze für November (plus 0,3 Prozent), die den "Black Friday", den Auftakt des Weihnachtsgeschäfts am Tag nach Thanksgiving, gerade noch mit beinhalten. Zum Wochenabschluss am Freitag steht dann noch das US-Handelsdefizit für Oktober auf dem Programm, das sich nach Einschätzung der Ökonomen von 41,27 Milliarden auf 41,5 bis 41,8 Milliarden Dollar erhöhen dürfte.

Während sich die bisherigen Ergebnisse des Einzelhandels in Grenzen halten, erwartet wird in dieser Geschenkesaison ein fünfprozentiger Anstieg zu 2002, macht eine kleine Sparte Furore: Online-Shopping. Jupiter Research prognostiziert, dass die diesjährigen Online-Umsätze - knapp acht Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes - um 21 Prozent auf 17 Milliarden Dollar hoch schießen werden.

Derzeitige Renner bei den virtuellen Shoppern: Elektronik, Spielzeuge, Videos, Schmuck. Nicht mehr so gefragt ist jedoch Blumenversand per Online-Bestellung. Von dem Online-Bummel profitieren nicht nur die Marktführer (Amazon, eBay und Yahoo) und deren Tech-Kurse, sondern auch Underdogs wie Overstock.com.

Die dürften sich, im Gegensatz zu JetBlue, dann am Wochenende auch über den Blizzard gefreut haben, der die größten Einkaufsstädte der US-Ostküste lahm legte und leer fegte: Washington, Philadelphia, New York, Boston. "Bleiben Sie zu Hause", befahl New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg. Ein gute Gelegenheit zum Weihnachtseinkauf - online.



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