Wall-Street-Ausblick "Wie im Kreml"

An der Wall Street erschüttern immer neue Skandal-Enthüllungen das Vertrauen der Anleger. Selbst das "Wall Street Journal" spricht von einem "manipulierten Markt". Gute Nachrichten gehen da unter – böses Omen für den Börsenherbst?

Von , New York


New York Stock Exchange: Die gesamte Wirtschaftspresse gegen sich aufgebracht
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New York Stock Exchange: Die gesamte Wirtschaftspresse gegen sich aufgebracht

New York - Solch Einigkeit herrscht selten unter Rivalen. "Tiefe Blödheit", schimpft Steve Shepard, Chefredakteur der "Business Week". Andy Serwer von "Fortune" findet: "Die Sache stinkt." Wirtschaftsreporter Thor Valdmanis ("USA Today") fühlt sich "wie im Kreml".

Es will schon etwas heißen, wenn eine Börse die gesamte Wirtschaftspresse gegen sich aufbringt. Wenn sie selbst Schlagzeilen macht, nicht ihre notierten Werte. Der New York Stock Exchange (NYSE) ist dieses Kunststück jetzt gelungen. Anlass: der Skandal um Börsenboss Dick Grasso, der auch diese Woche weiter gärt.

Beginnt der Börsenherbst mit einem bösen Omen? Zumindest mit blödem Timing. Ausgerechnet jetzt, da die Kleinanleger sowieso noch ganz verschreckt sind von der anderen Mauschelaffäre dieses Sommers (betrügerische Investmentfonds). Da sie sich gerade erst wieder mit Aktien anfreunden. Da, endlich, die Konjunktur anzuspringen scheint.

PR-Desaster am laufenden Band

Denn die Grasso-Affäre und der Fondsskandal laufen auf das Gleiche hinaus: Die US-Anleger fühlen sich von denen verraten, denen sie ihre Ersparnisse anvertraut haben. Und verlieren so immer mehr den Glauben an die Aufrichtigkeit der so genannte Experten, die wieder steigende Kurse verheißen.

Jüngste Episode der Fortsetzungsgeschichte: Auf Druck der Börsenaufsicht musste die NYSE-Führung 1200 Seiten interne Dokumente öffentlich freigeben. Darin fanden sich so delektierliche Details wie der Umstand, dass Grasso bei der Festsetzung seines 200-Millionen-Dollar-Salärs selbst mitgeredet hat. Dass er auf Kosten der NYSE Privatjets nutzte (aus "Sicherheitsgründen"). Dass er Zeitungsabos als Spesen abrechnete.

Das Netz zieht sich zu. Da half es nichts, dass sich die weltgrößte Börse weigerte, der Presse Kopien besagter Akten zugänglich zu machen. (Offizieller Grund: Um Papier zu sparen und "die Wälder der Welt zu retten".) In der Hoffnung, die Reporter würden das Peinlichste übersehen, ließ Grasso diese sich um die Originale balgen. Unter Aufsicht von Wärtern und der Auflage, nur handschriftliche Notizen zu machen. Als Theo Francis vom "Wall Street Journal" Fotos von den Papieren zu schießen versuchte, wurde seine Kamera konfisziert.

Die Schikane verfehlte ihre Wirkung nicht. Kein Wunder, dass die Kommentare der Journalisten jetzt selten einmütig ist. "Die vertuschen was" ("Business Week"). "Endlose Kontroverse" ("Financial Times"). Selbst das "Wall Street Journal", echauffiert ob der Abkanzelung seiner Leute, schießt sich auf die da oben ein: "Der Markt wird manipuliert."

Lichtblick-Meldungen haben es da schwer. Etwa, dass die US-Wirtschaft für den Rest des Jahres eine Wachstumsrate von fünf Prozent hinlegen dürfte. Oder das Bruttosozialprodukt im zweiten Halbjahr diesen Jahres so schnell wachsen wird wie seit 1999 nicht mehr: 4,7 Prozent im laufenden Quartal, vier Prozent im nächsten. Chefdökonom Allen Sinai (Decision Economics) sieht darin "alle Anzeichen einer Wende."

Statt dessen aber kursieren immer neue Horrorzahlen. 400 Millionen Dollar, so errechnete die Stanford University in einer Studie jetzt, hat der Fondsbetrug der großen Brokerhäuser die Investoren allein im letzten Jahr gekostet.

Doch auch die Schuldigen beginnen langsam draufzuzahlen. Der Kurs der Bank of America geht mit knapp 76 Dollar weit unter seinem Jahreshöchststand (84,90) in diese Woche.

Dramatischer Autoritätsverlust

Am schlimmsten treffen die Negativ-Schlagzeilen den Fonds-Konzern Janus, dem die fragwürdige Krone des größten Börsenverlierers gebührt: Seit Bekanntwerden der Ermittlungen um den Nachbörsen-Fondshandel hat er 15 Prozent eingebüßt. Schlechte Zeiten auch für internationale Mutual Funds, die in der ersten Skandalwoche 3,2 Milliarden Dollar an Einlagen verloren.

Während große Unternehmen sowas verkraften können, trifft ein derartiger Vertrauensverlust die kleinen Wall-Street-Firmen härter. Nach Crash und Rezession ist das Einkommen vieler unabhängiger NYSE-Members, Händler und Specialists in den letzten Jahren ohnehin steil gesunken. Manche kleine Häuser gingen Pleite.

In der Wut und Frustration der Betroffenen vereinen sich nun beide Skandale symbiotisch - der um die Fonds und der um Grasso. Mehrere Dutzend der darbenden NYSE- Mitgliedsfirmen haben jetzt eine Petition in Umlauf gebracht, in der sie Grassos Rücktritt fordern. Nur 100 Unterschriften sind nötig, um eine Sondersitzung des Boards zu erzwingen.

Microsofts Dividenden-Coup

Zwar hat ein solcher Schritt nur zweifelhafte Erfolgsaussichten. Doch markiert er auf jeden Fall einen dramatischen Autoritätsverlust für den Boss, wie es ihn seit 1976 nicht mehr gegeben hat, als der damalige Börsenchef James Needham aus dem Amt gekippt wurde.

"Das Vertrauen der NYSE-Mitglieder ist erschüttert", sagt Händler Patrick Collins. Worte, die ihm seinen Job kosten könnten: "Mr. Grasso kann sehr nachtragend sein", weiß Collins, "viele Mitglieder haben Angst vor ihm."

Die Sache gerät zur Seifenoper. In deren intrigantem Plot haben selbst die Bilanz- und Konjunkturdaten und sonstigen Schlüsseltermine im Börsenkalender dieser Woche allenfalls stumme Statistenrollen.

Dabei hat diese Woche allerhand zu bieten: die Zwischenergebnisse für US-Börsenfavoriten wie Bear Stearns, Nike, Palm, FedEx, Circuit City, 3Com, A.G. Edwards und ConAgra. Und so wichtige Daten wie die Juli-Inventare, die führenden August-Wirtschaftsindikatoren und der September-Bericht der Philly Fed.

Model-Party am Bryant Park

An guten börsenrelevanten Nachrichten Zum Beispiel der Pharmakonzern Alpharma, dessen Epileptik-Medikament Neurontin am Freitag genehmigt wurde (der Alpharma-Kurs stieg im Nachhandel um ein Drittel). Und Microsoft, das seine Dividende überraschend auf 16 Cents pro Aktie verdoppelt hat, zahlbar am 7. November an alle Aktionäre per 13. Oktober.

Außerdem ist in New York gerade "Fashion Week". Die ganzwöchige Party der 180-Milliarden-Dollar-Modeindustrie am Bryant Park in Manhattan ist auch für andere Börsenunternehmen von wachsendem Reiz (Hauptsponsor ist diesmal Mercedes-Benz).

Doch selbst die schlankesten Models werden die Börsianer nicht von dem Doppelskandal an der Wall Street abhalten können. Das ahnt auch Grassos Pressechef Robert Zito: Wer letzte Woche mit der beaufsichtigten Akteneinsicht nicht zufrieden gewesen sei, sagt er inzwischen kleinlaut, dürfe "jederzeit zurückkommen, um sich alles anzugucken, was ihm gefällt".



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