Wall-Street-Ausblick "Zwischen Rallye und Finger-weg"

Flaue Werte, müde Anleger, Jahresend-Trägheit: Die neue US-Börsenwoche bietet wenig Ablenkung vom Fondsskandal, der immer weiter um sich greift. Dabei ist das alles schon mal da gewesen.

Von , New York


New York - Es war einmal ein Skandal, der erschütterte die Grundfesten der Wall Street. Mächtige Brokerhäuser, des Investorenbetrugs verdächtig, fürchteten um ihre Zukunft. Der New York Stock Exchange wankte. Der PR-bewusste Generalstaatsanwalt hoffte auf höhere Polit-Weihen.

Das Jahr war 1971, und der PR-bewusste Generalstaatsanwalt hieß Louis Lefkowitz. Sie nannten ihn den "Anwalt des Volkes": Keiner amtierte länger als "Louie" (von 1957 bis 1978), keiner kämpfte mehr für die Kleinanleger, und keiner ging schärfer gegen die Börsenbetrüger in den Chefetagen vor.

Eliot Spitzer, Nemesis der Fondshäuser: Für Montag neue Enthüllungen angekündigt
AP

Eliot Spitzer, Nemesis der Fondshäuser: Für Montag neue Enthüllungen angekündigt

Keiner, bis jetzt. Mit seinen spektakulären Ermittlungen gegen die US-Fondsbranche - Ermittlungen, die heute mit weiteren, dramatischen Enthüllungen in eine neue Phase treten sollen - hat Lefkowitz' Erbe Eliot Spitzer nicht nur den folgenschwersten Wall-Street-Skandal seit Jahrzehnten entdeckt, sondern wiederholt auch Geschichte - nahezu buchstabengetreu.

Die Bremskraft des Dows

"Ermittlungen gegen Brokerfirmen", titelte die "New York Times" am 15. September 1971, einen Tag nach einer sensationellen Pressekonferenz Lefkowitz'. Der Bericht der Zeitung liest sich, obwohl erfrischend kurz und knapp, kaum anders als die Titelseite des "Wall Street Journals" von heute: illegale Praktiken, abgezockte Kunden, Kriminalverfahren.

Damals wie heute beruft sich der Generalstaatsanwalt auf dasselbe staubige Gesetz, das seit jeher das Geschäftsgebahren der Wall-Street-Firmen regeln soll: den Martin Act von 1921. Damals wie heute steht der Dow Jones kurz vor einer historischen Schallgrenze: Gerade mal 1000 Punkte waren das 1971, als der Dow noch blutjung war; 10.000 ist das Wunschziel heute, da der Dow, nach einer flau-durchwachsenen Vorwoche und einem miesen Freitag, mit 9768,68 Zählern in die neue Börsenwoche geht.

Damals dauerte es noch über ein Jahr, bis der Rekord fiel (im November 1972). Und heute? "Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach", seufzt Prudential-Vizepräsident Larry Wachtel über die ängstliche Bremskraft des Dows im Angesicht der angepeilten 10.000er-Marke.

Straucheln des Finanzsektors

Anders gesagt: Im Prinzip hat sich, abgesehen von den Dimensionen, an der Wall Street kaum etwas geändert. Weder das Streben nach stratosphärischen Höhen noch die Angst davor. Weder das Mauschelpotenzial derer da oben noch die stumpfen Waffen, mit denen ihnen die Justiz zu Leibe zu rücken versucht.

Das damalige Theater war bald wieder vorbei, ein paar Schuldige wurden gemaßregelt, ein paar Vorschriften verschärft, ein paar neue Gesetze erlassen, und die geschockten Börsianer gewannen irgendwann das Vertrauen zurück. Und dann, eines Tages, ging der ganze Kreislauf der Kungelei wieder von vorne los - ein Skandal in der historischen Endlosschleife.

Ein solcher Blick auf den größeren Kontext schadet nicht, wenn die Börsianer diese neue Woche angehen. Denn es ist eine Woche, die weiter ganz im Zeichen des Fonds-Debakels steht - nicht nur an der Wall Street, sondern auch in Washington, wo sich der Senat in gleich zwei Anhörungen mit dem beschäftigen wird, was Arthur Levitt, der frühere Chef der US-Börsenaufsicht SEC, den "schlimmsten Skandal in 50 Jahren" nennt.

Vor allem der angeschlagene Finanzsektor ist da vorübergehend ins Straucheln geraten. Und zwar quer durch die Bank: Der Amex Securities Broker/Dealer Index verlor vorige Woche 4,7 Prozent, der Philly Bank Index 1,2 Prozent.

Potenziell teure Sammelklagen

Am schlimmsten trifft es im Moment den größten Discount-Broker der USA, Charles Schwab. Auch dort wurden jetzt "Hinweise" auf verdächtigen Fondshandel entdeckt - zum ersten Mal bei einem solchen Billighaus fürs gemeine Volk. Prompt verlor die Aktie des "Granddaddys des Online-Tradings" (Marketwatch.com) acht Prozent und fiel zum Wochenende auf 12,26 Dollar. Wie das weitergeht, dürfte heute eine der spannendsten Fragen des Trading-Tages sein.

Ein anderer Verlierer, auf den sich am Montag viele Blicke richten dürften, ist LaBranche, das größte Specialist-Haus an der New York Stock Exchange (NYSE). Gegen das ermittelt die NYSE intern wegen Verstoßes gegen die Handelsvorschriften. LaBranche sackte zum Wochenende um neun Prozent auf 8,34 Dollar, nachdem Top-Manager Robert Murphy seinen Rücktritt eingereicht hatte. In gleicher Sache ermittelt die NYSE auch gegen vier weitere Specialist-Firmen - Fleet Specialists, Van der Moolen USA, Spear Leeds & Kellogg und Bear Wagner Specialists.

Marsh McLennan, das Mutterhaus des im Fondsskandal bisher am prominentesten inkriminierten Investment-Riesen Putnam, verlor am Freitag 1,67 Prozent; Putnam drohen, trotz einer ersten außergerichtlichen Einigung mit der SEC, neue Klagen der Regulierungsbehörden in Massachusetts und potenziell teure Sammelklagen echauffierter Kunden. Schon jetzt sind dem Fondsriesen über 14 Milliarden Dollar an Einlagen verloren gegangen.

Kein Reiz zum Risiko

BlackRock, ebenfalls im Skandalstrudel, muss sich am Montag von einem 2,9-prozentigen Freitagsverlust erholen, Trader Knight Trading von einem Verlust um 3,5 Prozent.

Auch sonst sehen die Prognosen für diese Woche nicht gerade rosig aus. Grund sind unter anderem der Verbraucherpreis-Index, der am Dienstag veröffentlicht wird und bei dem die Experten einen Anstieg um 0,2 Prozent erwarten, und der Mangel an saftigen Zwischenbilanzen. Die Investoren haben da kaum Anlass, sich zu verausgaben. Die letzten Nachzügler der Bilanzsaison sind Disney, Home Depot und Lowes; bei allen erwarten die Experten einen Gewinn, aber keine positiven Überraschungen.

Der bereits neun Monate währenden Sommer- und Herbst-Rallye geht also langsam die Puste aus. "Wir sind seit Mitte März so weit gekommen, dass jetzt zum Jahresende eine Rallye schwer wird", sagt Analyst John Hughes von Shields & Co. "Der Reiz, seine Gewinne zu beschützen, ist viel größer als der Reiz zum Risiko." Was bleibt, so Larry Wachtel von Prudential, sei eine Art Twilight Zone zwischen "Jahresend-Rallye und Finger-weg".

Warnung des Vorvaters

Vor allem aber bleibt wenig, dass der Fondsskandal aus den Schlagzeilen verschwindet. Für Montag hat Spitzer neue Enthüllungen angekündigt, die, so ist zu hören, eine "große Firma" beträfen, "enorme Summen" und einen bisher noch nicht erörterten Tatbestand.

Was Spitzer politische Ambitionen auf höhere Ämter angeht, so sollte ihm das Schicksal seines legendären Vorvaters Louie Lefkowitz eine Warnung sein. Der konnte es, nach über 22 Jahren im Staatsdienst, nicht im Ruhestand aushalten und kandidierte 1981 fürs Amt des New Yorker Bürgermeisters, auf seine enorme Popularität spekulierend. Er verlor.



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