Wall-Street-Banken Angst vor der schwarzen Liste

Die Wall Street zittert: Ein Gericht erwägt, eine bisher geheime Liste aller Komplizen im Enron-Skandal von 2001 offen zu legen. Demnach sollen auch namhafte Banken und Brokerhäuser in diese größte Verschwörung der Wirtschaftsgeschichte verwickelt gewesen sein.

New York - Sie enthält exakt 114 Namen und liegt im Aktentresor eines Bundesgerichts im texanischen Houston. Die einzigen Kopien sind im Besitz der Staatsanwaltschaft und der Anwaltskanzlei O'Melveny & Myers, einer der renommiertesten des Landes. Ihr Inhalt ist streng geheim - und deshalb dürfte sie an der Wall Street jetzt für schlaflose Nächte sorgen.

"Die Liste" beinhaltet die Namen aller mutmaßlichen Komplizen und Mitwisser im Skandal um die Jahrhundertpleite des Gaskonzerns Enron, des vormals größten Gönners von US-Präsident George W. Bush. Auf ihr finden sich nach Angaben von Anwälten, die sie eingesehen haben, auch Dutzende Top-Manager der prominentesten Banken, Brokerhäuser, Buchprüfungsfirmen und Notariate. Sollte sich die brisante Blacklist, die nach Angaben der Staatsanwaltschaft fast täglich länger wird, so bestätigen, stünde sie für die umfangreichste, weit reichendste Verschwörung der Wirtschaftsgeschichte - und womöglich das baldige Ende vieler Karrieren.

Existenz und Umfang der schwarzen Liste sind erst in den vergangenen Tagen bekannt geworden, im Zuge des schwelenden Kriminalverfahrens gegen den ehemaligen Enron-Chef Kenneth Lay und seinen Firmenpräsidenten Jeffrey Skilling. Skilling will nämlich, nach langem Schweigen, die Namen seiner vermeintlichen Spießgesellen plötzlich verraten - um sich selbst zu retten.

20 Millionen Dollar für die Anwälte

Die Staatsanwaltschaft bezeichnet Skilling als "Rädelsführer" des weit verzweigten Finanzkomplotts um den Milliardenkonkurs von Enron Ende 2001. Skilling will diesen Vorwurf durch die Offenlegung der Liste widerlegen: Es sei "grundsätzlich unplausibel", dass so viele rechtschaffene Wirtschaftsführer "an einer riesigen, kriminellen Verschwörung beteiligt" seien, schrieben Skillings Anwälte jetzt in ihrem Gerichtsantrag auf Freigabe der Namen.

Ein riskantes Spiel mit dem Feuer - und der jüngste Schachzug des hoch bezahlten Enron-Verteidigerteams, für das die Großkanzlei O'Melveny & Myers inzwischen ein ganzes Dutzend ihrer besten Anwälte abgestellt hat. Skilling hat nach Informationen des "Wall Street Journals" bisher rund 20 Millionen Dollar für seine Gerichtskosten zur Seite gelegt.

Eine Identifizierung der Mitbeschuldigten, so argumentieren die Skilling-Anwälte, sei nicht nur "das Anrecht der Öffentlichkeit". Auch könnte sie die Genannten veranlassen, "sich selbst zu entlasten, indem sie ihr Verhalten verteidigen, alle Fakten darlegen und damit klar machen, dass sie nichts falsch gemacht haben". Nur so könnten dann auch Skilling, Lay und der ebenfalls angeklagte Ex-Buchführer Richard Causey nachweisen, dass sie "üblichen Geschäftspraktiken" gefolgt seien.

Juristische Zeitbombe

Ken Lays separates Anwaltsteam schloss sich dem Antrag an. Causeys Verteidiger dagegen sträuben sich, weil sie fürchten, dass die Enron-Geschäftspartner so ins "gleißende Licht der Öffentlichkeit" gestoßen werden könnten.

Und das fürchten auch die namhaftesten Wall-Street-Konzerne. Gibt es hier doch kaum ein Finanzunternehmen, das nicht irgendwann, irgendwie mit Enron zu tun hatte. Eigentlich hätten sie das alles längst vergessen wollen. Nun werden sie von den Gespenstern der eigenen Vergangenheit heimgesucht - per juristischer Zeitbombe.

Vier Ex-Banker von Merrill Lynch sind jetzt schon in einem Enron-Nebenverfahren des Betrugs schuldig gesprochen worden. Die frühere Buchprüfungsfirma Arthur Andersen, für Enrons Bilanzen verantwortlich, wurde unter anderem wegen Behinderung der Justiz verurteilt, verlor ihre Lizenz und ging unter.

In US-Wirtschaftsverfahren sind selbst so genannte "nicht angeklagte Mittäter" oft ein Schlüssel zum Erfolg der Anklage. Die Enron Task Force der Staatsanwaltschaft beharrt auf Geheimhaltung der Personen und beruft sich dabei auf die in solchen Verfahren übliche Vertraulichkeit. Spätestens zum Prozess im kommenden Jahr würden die Namen der Inkriminierten sowieso bekannt werden.

Und was denen dann bevorsteht, lässt ein weiterer Antrag der Anwälte vermuten. Darin verlangen die Strafverteidiger die Verlegung des Prozesses aus Houston, wo Enron seinen Firmensitz hatte, in eine andere Stadt. In Houston sei kein fairer Prozess möglich; ein Drittel der Bürger dort hätten die Angeklagten in einer Umfrage der Kanzlei mit folgenden Schimpfworten assoziiert: "Schwein", "Schlange" und "Wirtschaftsterrorist".

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