"Wall Street Journal" Murdoch stellt den Schampus kalt

Die Führung des "Wall Street Journal"-Verlags Dow Jones hat zugestimmt: Sie ist bereit, sich an den Medienzar Rupert Murdoch zu verkaufen. Noch fehlt zwar die Zustimmung der Eigentümer-Familie Bancroft - aber sie hat kaum mehr Optionen.

Von , New York


New York - Bis zuletzt haben sie sich gewehrt, mit Händen und Füßen. Haben andere, potentielle Käufer umgarnt. Haben auf eigene Faust Gegengebote auf die Beine zu stellen versucht. Oder haben einfach nur laut geschimpft, in Interviews und Erklärungen.

Prestige-Titel "Wall Street Journal": Presse-Clan in der Sackgasse
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Prestige-Titel "Wall Street Journal": Presse-Clan in der Sackgasse

Es nutzte nichts. Am Ende steckte der Bancroft-Clan, dem die Mehrheit an Dow Jones Chart zeigen gehört, dem Hausverlag des "Wall Street Journals", ausweglos in einer Sackgasse. Heute in der Nacht empfahl das Dow-Jones-Direktorium nach wochenlangem Hin und Her, den Konzern samt seinem Renommierblatt für fünf Milliarden Dollar an den kontroversen Medienzar Rupert Murdoch zu verkaufen - zum schieren Entsetzen der Eigentümerfamilie.

Der bleibt, als letzter Instanz, aber nun kaum eine andere Wahl, will sie den Aktienkurs nicht in den Abgrund jagen. Am kommenden Montag werden sich die Bancrofts in Boston treffen, um endgültig über den Deal abzustimmen. Ihr Votum bleibt, trotz aller Proteste, in der Schwebe und gilt vor allem auch keinesfalls als geschlossen. Doch ihre Optionen sind begrenzt. Murdoch dürfte schon den Champagner kalt gestellt haben.

Die ersten Risse in der Fassade der Murdoch-Opposition zeigten sich Anfang Juni: Da traf sich eine Delegation der Bancrofts in New York erstmals persönlich mit dem Erzfeind. Wiewohl widerwillig und mit zugehaltener Nase: Von Anfang an haben sie gegen die Avancen des Moguls protestiert, dessen konservativen, profitorientierten Drall sie verabscheuen.

"Formel für unzufriedene Menschen"

Von Anfang an aber war ihr Protest wacklig, unentschlossen und zersplittert. Ihre Stärke - gut drei Dutzend Familienmitglieder halten über ihre Kontrollaktien 64 Prozent der Dow-Jones-Stimmanteile, leben aber über mehrere Kontinente verstreut - wurde zur Schwäche.

Die meisten waren sich einig über ihre Meinung zu Murdoch. Doch sie waren sich nicht einig, wie man sein Mega-Angebot von 60 Dollar pro Aktie - 67 Prozent über dem vorherigen Marktwert - abblocken könnte. Zumal sich eine mögliche Gegenofferte vom Industriekonzern GE Chart zeigen und Pearson Chart zeigen, dem Verlag der "Financial Times", schnell zerschlagen hatte (denen war der Preis zu hoch). Trübes Fazit: Die finanzielle Realität stach journalistische Tagträume aus.

Zum Beispiel für Christopher Bancroft, 55. Der Urenkel des Dow-Jones-Gründers Clarence Barron, ein Investmentmanager aus Texas, ist einer von drei Bancrofts, die heute im 16-köpfigen Führungsgremium des Verlags sitzen, und kontrolliert ein Fünftel der Familienstimmen. Er hatte in letzter Minute noch versucht, genug Geld aufzubringen, um eine ausreichende Blockademehrheit an Aktien aufzukaufen. Dazu hat er unter anderem Hedgefonds und private Beteiligungsgesellschaften angepumpt.

Eine solche Meuterei entpuppte sich aber als viel zu komplex, um sie so schnell noch auf die Beine zu stellen. Insgesamt müsste Bancroft über 300 Millionen Dollar aufbringen. Auch würde diese Option den Gesamtwert des Verlags um zwei Drittel in die Tiefe stürzen, weil sie die Kursgewinne seit dem Murdoch-Angebot im Mai zunichte machen würde. "Es scheint mir eine Formel für viele unzufriedene Menschen", sagte ein Insider dem "WSJ".

Keine geschlossene Front

Auch Bancrofts Cousine Leslie Hill, 53, war eine aktive Murdoch-Gegnerin. Die pensionierte Stewardess - eine Ur-Urenkelin Barrons, die ebenfalls im Dow-Jones-Board sitzt und gemeinsam mit ihrer Mutter 16 Prozent der Bancroft-Aktien kontrolliert - verfolgte jedoch einen anderen Weg. Sie drängte die Familie, sich mit potentiellen Investoren zu treffen. Etwa dem Supermarkt-Milliardär Ron Burkle, einem Freund von Bill und Hillary Clinton, der schon an der "Los Angeles Times" Interesse zeigte.

Anfang voriger Woche gewährte das Dow-Jones-Direktorium Burkle eine Audienz. Gemeinsam mit dem Web-Pionier Brad Greenspan, dem Mitbegründer des Community-Portals MySpace, präsentierte er dem Verlag einen Alternativplan zu Murdoch, der neben einer Investorengruppe auch eine Mitarbeiterbeteiligung vorsah.

Die unterschiedlichen Stoßrichtungen führten aber nur zu weiteren Spannungen in der ohnehin uneinigen Bancroft-Sippe. Leslie Hill kritisierte Christopher Bancroft öffentlich: Er sei bei Familientreffen desinteressiert und oft unpünktlich - wenn überhaupt anwesend. So formierte sich nie eine geschlossene Front.

Trotzdem: Auch außerhalb der Bancrofts regte sich Widerspruch. James Ottaway, dessen Familie 6,2 Prozent der Dow-Jones-Stimmanteile besitzt, misstraute Murdochs "Charme-Offensive" und seiner Zusicherung, er werde die redaktionelle Integrität des "WSJ" wahren, von Anbeginn: "Er hat schon viele Versprechungen gemacht. Er sagt alles Mögliche, um etwas zu kaufen."

Bei der Berichterstattung verbogen

Peter Kann, bis 2006 der CEO des Verlags und weiter ein Aktionär, sprach sich ebenfalls gegen einen Verkauf aus: Er "bewundere viele der Bancroft-Familienmitglieder" für ihre Opposition, erklärte der Pulitzer-Preisträger.

Letztlich schwenkte aber auch Kann auf die Linie der Pragmatiker um. "Die Suche nach einem Käufer außer Murdoch macht für mich keinen Sinn", sagte er. "Wenn die Familie verkauft, sehe ich kein Argument dafür, Industrie-Konglomerate, Internet-Unternehmen, Supermarkt-Magnaten und Immobilien-Bauträger zu verfolgen. Keiner von denen weiß was vom Journalismus. Was Mr. Murdoch angeht, wenigstens liebt der Zeitungen."

Die brisante Frage der journalistischen Autonomie verschlang wochenlange Verhandlungen. Murdoch ist berüchtigt für seine Einmischung ins Tagesgeschäft seiner Zeitungen und TV-Stationen. "Murdochs Redakteure kennen seine Stimme", schlagzeilte das "WSJ" selbst, das sich mit einer objektiven Berichterstattung über die Kaufgespräche qualvoll verbog.

Torschlusspanik gegen Ende

Am Ende einigten sich Dow Jones und Murdochs Konzern News Corp. per "redaktionellem Abkommen" auf ein fünfköpfiges, unabhängiges "Spezialkomitee". Deren Mitglieder sollen von außerhalb beider Verlage kommen, mit Vetorecht über die Anstellung und Kündigung der drei Top-Journalisten bei Dow Jones - dem Chefredakteur des "WSJ" (seit Mai erst der Schweizer Marcus Brauchli), dem Chef des "WSJ"- Meinungsressorts und dem Chefredakteur des Börsendienstes Dow Jones.

Diese drei Führungskräfte hätten auch "Kontrolle über die Ausgaben und Zuweisung von Ressourcen innerhalb des Budgets, das das News-Corp.-Management bestimmt". Die konkrete Höhe dieser Budgets bleibt aber allein Murdochs Mannen überlassen. Zur weiteren Versüßung des Pakts bot Murdoch in letzter Minute an, Paul Steiger, den Ex-Chefredakteur des "WSJ", ins News-Corp.-Board zu berufen.

Nachdem am Montag dann Dow-Jones-Chef Richard Zannino und zwei Kollegen mit Murdoch Lunch hatten, um den Deal endlich einzutüten, kam noch mal Leben in die Murdoch-Opposition - als gerieten die Bancrofts in Torschlusspanik. Christopher Bancroft alliierte sich nun mit Brad Greenspan auf der Suche nach Investoren, um wenigstens einen Teil von Dow Jones zu kaufen.

Es war zu spät.



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