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16. November 2007, 18:19 Uhr

Wall-Street-Krise

Das Ende des Go-Go-Wachstums

Von , New York

Die US-Kreditkrise fordert immer mehr Opfer an der Wall Street. Die Kurse der Großbanken brechen ein, mächtige CEOs stürzen, Boni schrumpfen, mehr als 141.000 Finanzangestellte haben schon ihren Job verloren. Und Experten warnen: Das ist erst der Anfang.

New York - Melancholische Herbstgestecke. Gedämpfte Farben. Zu Stillleben gestapeltes Obst. Eine Aura aus Tristesse und Komfort zugleich beherrscht die vierte Konferenzetage des Millennium Broadway Hotels am Times Square. Die Atmosphäre ist durchaus passend. Sie trifft die Stimmung der Gäste.

Händler an der New Yorker Börse: "Weitere Blutbäder stehen bevor"
AP

Händler an der New Yorker Börse: "Weitere Blutbäder stehen bevor"

Hier, in demonstrativer Distanz zur acht Kilometer entfernten Wall Street, hat die US-Investmentbank Merrill Lynch diese Woche zu einer dreitägigen Finanzkonferenz geladen - ihrem alljährlichen Kriegsrat mit der Konkurrenz. Unter Ausschluss der Presse treffen sich dort die Spitzenmanager der größten Kredit- und Brokerhäuser mit New Yorks einflussreichsten Analysten, um mal richtig Tacheles zu reden.

Am Ende der drei Tage stand dann fest: Die Tagung war dieses Jahr vor allem eine Gruppentherapie. Denn die Lage an der Wall Street ist so miserabel wie lange nicht mehr - und wird sich allen Experten zufolge noch weiter verschlimmern, bevor sie sich verbessert.

Ein CEO nach dem anderen trat im Millennium ans Pult und präsentierte deprimierende Zahlen - illustriert von nicht minder deprimierenden Grafiken. Trotzdem versuchten sie, sich gegenseitig Mut zuzusprechen.

Etwa Sam Molinaro, der Finanzchef von Bear Stearns : Der offenbarte im Millennium, dass er wegen der Hypothekenkrise mindestens 1,2 Milliarden Dollar abschreiben müsse - was zum ersten Quartalsverlust überhaupt in der 84-jährigen Firmengeschichte führen werde. Mehr noch: "Unsere Sicht des Hypothekenmarkts ist pessimistisch", sagte Molinaro. "Die Fundamentals bleiben sehr herausfordernd."

Wie Hurrikan "Katrina" an der Wall Street

Nicht nur für Bear Stearns. Ingesamt haben die US-Großbanken im Sog des Immobilienstrudels bisher rund 45 Milliarden Dollar verloren, und täglich werden es mehr. Molinaris Kollege Joseph Price von der Bank of America enthüllte, ebenfalls im Millennium, drei Milliarden Dollar an Abschreibungen, und unkte, die Marktbedingungen würden sich "möglicherweise noch weiter verschlechtern".

Die Kreditkrise wurde zur Vertrauenskrise - und droht nun auch zur Wirtschaftskrise zu werden. Währungsspekulant und Investment-Milliardär George Soros jedenfalls sieht die USA - nach Jahren des Prassens auf Pump - "am Rande einer sehr ernsten wirtschaftlichen Korrektur".

"Die Wirtschaft am Abgrund", titelte auch die "Business Week". Ein gewagtes Bild, zumal die US-Konjunktur unverwüstlich scheint - "robust", wie Notenbankchef Ben Bernanke den Kongress vorige Woche beruhigte. David Leonhardt, ein Wirtschaftskolumnist der "New York Times", sieht die Entwicklung sogar als eine wohlverdiente kalte Dusche und als solche "geradezu willkommen": Was abstürze, müsse auch wieder aufsteigen - Augen zu und durch.

"Werden wir einen neuen Crash haben? Ja!"

Doch wie ein Virus infiziert die Kreditkrise immer mehr Sparten, die eigentlich nichts zu tun haben mit den windigen Subprime- Finanzkonstrukten der Banken, deren Kollaps das ganze Drama auslöste. Die "Fortune" nennt dies die "Wall-Street-Version des Hurrikans 'Katrina'". Auch da waren die morschen Deiche ja nur der Beginn der Katastrophe - eine Katastrophe, so schockierend wie vermeidbar.

Die Wall Street reagiert mit harten Entscheidungen

Der Dollar verfällt, Rohstoffe werden immer teurer. Die US- Verbraucher, getrieben von Hypothekenschulden und Benzinpreisen, halten das Geld beisammen - ausgerechnet jetzt im Weihnachtsgeschäft. Und dann fahren auch noch die Börsen Achterbahn, so zittrig sind die Anleger.

"Die Subprime-Krise und ihr Fallout auf den Rohstoff- und Devisenmärkten erhöhen die Chancen einer Rezession Anfang kommenden Jahres beträchtlich", sagt Mark Zandi, der Chefökonom der Ratingagentur Moody's.

Er ist damit nicht der erste, der das gefürchtete "R-Word" in den Mund nimmt - Rezession.

Die Wall Street hat verstanden. Sie fällt jetzt harte Entscheidungen. Ein deutliches Signal war die Berufung von Börsenchef John Thain an die Spitze von Merrill Lynch (deren risikofreudiger CEO Stan O'Neal seinen Abgang übrigens mit 162 Millionen Dollar vergoldet bekommen hatte).

Der mikromanagende Zahlenfuchser Thain, ein gelernter Ingenieur, steht für eine neue Ära: Weg vom Leichtsinn, der Gier, der Überheblichkeit und dem Hochmut - zurück zu den alten Werten Bedacht, Vernunft, Pragmatismus. Die Zeit des "Go-Go-Wachstums" ("Wall Street Journal") ist vorüber.

"Es ist noch lange nicht vorbei"

Schätzungen über das Ausmaß des Kreditkrisen-Debakels sind immer noch schwammig. Viele Analysten warnen schon jetzt davor, dass sich die Abschreibungen der Banken zum Jahresende auf 50 bis 60 Milliarden Dollar summieren könnten - und langfristig auf mehr als 100 Milliarden Dollar. Allein bei Merrill Lynch könnten bis Silvester weitere fünf bis zehn Milliarden Dollar versickern.

Deutsche-Bank-Analyst Michael Mayo erwartet, dass die Folgen der Kreditkrise noch auf "zwei bis drei Jahre" hinaus zu spüren sein werden. "Es ist noch lange nicht vorbei", sagte er im "Fortune"-Interview. "So atemberaubend die heutigen Verluste sind - uns stehen weitere Blutbäder bevor."

Selbst Ex-Notenbankchef und Börsen-Orakel Alan Greenspan sieht kein Ende in Sicht: "Werden wir einen neuen Crash haben? Ja. Werden wir eine neue Kreditkrise haben? Ja. Können wir irgendetwas dagegen tun? Nein."

Bis dahin wird es noch einige Rücktritte geben. Und zwar nicht nur prominente wie die von Stan O'Neal und Chuck Prince, die CEOs von Merrill Lynch und Citigroup . Mehr als 141.000 Angestellte im Finanzsektor wurden nach Angaben der Headhunter-Firma Challenger, Gray & Christmas dieses Jahr schon entlassen, so viele wie nie zuvor. Tausende Kündigungen stehen noch bevor, zumal neue Chefs gerne als erstes die alten Garden feuern. Der Wall-Street-Zwangsexodus ist mit dafür verantwortlich, dass die New Yorker Arbeitslosenquote im Oktober von 5,1 auf 5,3 Prozent anstieg.

Und auch jene, die sich halten können, haben wenig Grund zur Freude. Die Jahresend-Bonusausschüttungen der Banken werden nach Angaben von Consultingfirmen für die am meisten betroffenen Abteilungen diesmal spürbar schrumpfen - um mindestens 15, wenn nicht 20 Prozent. Trübe Tage also für die verwöhnten "Masters of the Universe", die sich lange als unschlagbare Genies geriert haben.

... und dann auch noch die Folgen fürs Sexleben

Die größten Verlierer sind neben den geschröpften Hausbesitzern allerdings die Investoren. Der Dow-Jones-Finanzindex knickte innerhalb der vergangenen sechs Monate um 11 Prozent ein, der Bankenindex sogar um 18 Prozent. Die Merrill-Lynch-Aktie verlor 37 Prozent, die von Citigroup 32 Prozent. Gemeinsam büßten die zwölf größten US-Banken so bisher über 240 Milliarden Dollar an Marktwert ein. Die angeblich besten, auf jeden Fall aber bestbezahlten Hirne der Finanzbranche haben also viel Kapital vernichtet.

Doch es gibt auch Gewinner. Wall-Street-Star Goldman Sachs , immer schon umsichtiger als die anderen, hat sich dank besseren Risikomanagements bis jetzt von dem Schlamassel fernhalten können. Ob er nennenswerte Abschreibungen erwarte, wurde CEO Lloyd Blankfein neulich gefragt. Antwort: "Nein."

Auch die Investmentbank Lehman Brothers ist obenauf. Sie hat weitgehend die Finger von den CDOs gelassen, den "Collateralized Debt Obligations" - jenen berüchtigten Investment-Vehikeln, über die die anderen gierig mit Subprime-Loans spekuliert hatten. Beide Firmen, Goldman und Lehman, dürften für 2007 Rekordumsätze melden.

In den Wirtschafts- und Finanzblogs, dem virtuellen Spielplatz gestresster Trader, macht sich derweil Galgenhumor breit. "Wie sehr beeinträchtigt die Kreditkrise/der Marktkollaps Ihr Sexleben?", fragte der Börsenblog "DealBreaker" seine Leser jetzt.

"Meine Beziehung zu meiner Frau ist viel besser geworden!", schrieb einer. "Ich kann mir meine Geliebte nicht mehr länger leisten."

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