Wall-Street-Krise Das Ende des Go-Go-Wachstums

Die US-Kreditkrise fordert immer mehr Opfer an der Wall Street. Die Kurse der Großbanken brechen ein, mächtige CEOs stürzen, Boni schrumpfen, mehr als 141.000 Finanzangestellte haben schon ihren Job verloren. Und Experten warnen: Das ist erst der Anfang.

Von , New York


New York - Melancholische Herbstgestecke. Gedämpfte Farben. Zu Stillleben gestapeltes Obst. Eine Aura aus Tristesse und Komfort zugleich beherrscht die vierte Konferenzetage des Millennium Broadway Hotels am Times Square. Die Atmosphäre ist durchaus passend. Sie trifft die Stimmung der Gäste.

Händler an der New Yorker Börse: "Weitere Blutbäder stehen bevor"
AP

Händler an der New Yorker Börse: "Weitere Blutbäder stehen bevor"

Hier, in demonstrativer Distanz zur acht Kilometer entfernten Wall Street, hat die US-Investmentbank Merrill Lynch diese Woche zu einer dreitägigen Finanzkonferenz geladen - ihrem alljährlichen Kriegsrat mit der Konkurrenz. Unter Ausschluss der Presse treffen sich dort die Spitzenmanager der größten Kredit- und Brokerhäuser mit New Yorks einflussreichsten Analysten, um mal richtig Tacheles zu reden.

Am Ende der drei Tage stand dann fest: Die Tagung war dieses Jahr vor allem eine Gruppentherapie. Denn die Lage an der Wall Street ist so miserabel wie lange nicht mehr - und wird sich allen Experten zufolge noch weiter verschlimmern, bevor sie sich verbessert.

Ein CEO nach dem anderen trat im Millennium ans Pult und präsentierte deprimierende Zahlen - illustriert von nicht minder deprimierenden Grafiken. Trotzdem versuchten sie, sich gegenseitig Mut zuzusprechen.

Etwa Sam Molinaro, der Finanzchef von Bear Stearns Chart zeigen: Der offenbarte im Millennium, dass er wegen der Hypothekenkrise mindestens 1,2 Milliarden Dollar abschreiben müsse - was zum ersten Quartalsverlust überhaupt in der 84-jährigen Firmengeschichte führen werde. Mehr noch: "Unsere Sicht des Hypothekenmarkts ist pessimistisch", sagte Molinaro. "Die Fundamentals bleiben sehr herausfordernd."

Wie Hurrikan "Katrina" an der Wall Street

Nicht nur für Bear Stearns. Ingesamt haben die US-Großbanken im Sog des Immobilienstrudels bisher rund 45 Milliarden Dollar verloren, und täglich werden es mehr. Molinaris Kollege Joseph Price von der Bank of America Chart zeigen enthüllte, ebenfalls im Millennium, drei Milliarden Dollar an Abschreibungen, und unkte, die Marktbedingungen würden sich "möglicherweise noch weiter verschlechtern".

Die Kreditkrise wurde zur Vertrauenskrise - und droht nun auch zur Wirtschaftskrise zu werden. Währungsspekulant und Investment-Milliardär George Soros jedenfalls sieht die USA - nach Jahren des Prassens auf Pump - "am Rande einer sehr ernsten wirtschaftlichen Korrektur".

"Die Wirtschaft am Abgrund", titelte auch die "Business Week". Ein gewagtes Bild, zumal die US-Konjunktur unverwüstlich scheint - "robust", wie Notenbankchef Ben Bernanke den Kongress vorige Woche beruhigte. David Leonhardt, ein Wirtschaftskolumnist der "New York Times", sieht die Entwicklung sogar als eine wohlverdiente kalte Dusche und als solche "geradezu willkommen": Was abstürze, müsse auch wieder aufsteigen - Augen zu und durch.



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