Wall Street Shrek, der Börsenmillionär

Den Vätern des grünen Trickmonsters Shrek ist wenig märchenhaft zumute: Sie brauchen dringend Geld. Ihr Studio DreamWorks soll bei seinem Börsengang 650 Millionen Dollar abräumen.

Von , New York


Trickfilm-Titelheld Shrek: "Unsere Augen waren größer als unser Magen"
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Trickfilm-Titelheld Shrek: "Unsere Augen waren größer als unser Magen"

New York - In ihrem aktuellen Film "Shrek 2" machen sich die Filmemacher noch über den Kommerz in Hollywood lustig. Dort ist das märchenhafte Königreich der Filmschaffenden und Prominenten namens "Weit, weit entfernt" zu bestaunen. Alles, was das Herz begehrt, gibt es, sogar eine Filiale des Kaffeehauses Starbucks. Als die von einem Monster platt gemacht wird, da rennen die Kunden über die Straße - in ein anderes Starbucks.

Nun aber zeigt sich im echten Leben, dass die Chefs der Shrek-Schmiede DreamWorks - die sich bisher mit symbolischem Ein-Dollar-Jahressold zufrieden gaben - nicht gegen kommerzielle Träume gefeit sind: Mit einem Börsengang und einer Ausgliederung der Trickfilm-Sparte DreamWorks Animation will das Studio jetzt aus dem Doppelerfolg des grünen Wald- und Sumpf-Ogers schnelles Kapital schlagen.

Mindestens 650 Millionen Dollar soll dieser erste Hollywood-Börsengang seit sieben Jahren einbringen. Davon sind bereits 175 Millionen Dollar für die laufenden Betriebskosten des neuen Animationshauses verplant. Den Rest wollen sich vor allem die drei DreamWorks-Gründer Steven Spielberg, David Geffen und Jeffrey Katzenberg in die Tasche stecken, die ihrem Studio-Baby 1994 gemeinsam mit einem Finanzkonsortium über eine Milliarde Dollar in die Wiege gelegt hatten.

Geplatzte Träume

Wall-Street-Analysten haben den Börsengang von DreamWorks zwar erwartet, allerdings nicht vor Ende des Jahres. Der vorzeitige Termin zeugt nun einerseits vom kalkulierenden Scharfsinn des Studios: Noch können sich Investoren wohlwollend an "Shrek 2" erinnern, den bisher größten Kinoknüller dieses Jahres, mit über 704 Millionen Dollar Einnahmen weltweit; der Erfolg des nächsten DeamWorks-Animationsabenteuers ("Shark Tales"), der im Herbst anläuft, ist dagegen fraglich. Andererseits lässt der plötzliche Börsengang auch eine gewisse finanzielle Unruhe der Chefs spüren: "Unsere Augen waren größer als unser Magen", sagte Geffen im Mai noch in einem seltenen Interview mit der "New York Times".

In der Tat hat sich das Triumvirat aus Star-Regisseur Spielberg, Plattenmogul Geffen und dem Disney-Exilanten Katzenberg mit seiner ursprünglichen Vision kräftig verhoben: Eigentlich wollten sie ja einen unverdorbenen, vielfältigen Entertainment-Konzern schaffen, um den etablierten Megamedien Hollywoods das Fürchten zu lehren - eine Art Apple der Filmbranche also. Ironischerweise gründete ausgerechnet Apple-Boss Steve Jobs die bitterste Konkurrenz für DreamWorks, das Computer-Animationsstudio Pixar, das mit "Findet Nemo" ebenfalls Rekordergebnisse erzielte.

Die DreamWorks-Träume platzten schnell. Die TV-Produktionsabteilung marodiert vor sich hin, die Musik-Dependance wurde abgestoßen, und die traditionellen Filme kommen, mit meist mäßigem Kassenerfolg wie zuletzt "The Terminal" oder die Klamotte "Anchorman", gegen die großen Blockbuster-Rivalen nicht an.

Der neue Studioboss kassiert ab

Nur die 1100 DreamWorks-Trickfilmer im kalifornischen Glendale verdienten Geld, und auch das auch nicht immer. "Shrek" und "Shrek 2" kamen zusammen auf 1,2 Milliarden Dollar weltweit ("Shrek 3" ist für 2006 avisiert). Dagegen standen aber selbst die anderen animierten DreamWorks-Streifen auf verlorenem Posten: "Chicken Run" erreichte zwar noch 224 Millionen Dollar, doch "Spirit" (73 Millionen), "The Road to El Dorado" (66 Millionen) und "Sinbad" (30 Millionen Dollar) spielten nicht mal ihre Produktionskosten ein.

"Wir haben einige Sachen begonnen, die sich als nicht so gute Ideen entpuppten", räumt Geffen ein. Die Luft ist raus, die Illusionen sind zerstoben: Geffen selbst widmet sich immer lieber "privaten Bestrebungen" (etwa dem Bau eines neuen Anwesens auf Hawaii) denn solch schnöden Business-Sorgen; Spielberg konzentriert sich auf ein paar persönliche Filmprojekte, die er auch gerne außer Hauses produziert, und ist an dem Börsengang direkt erst gar nicht mehr beteiligt. Nur Katzenberg, der Disney mit dem "König der Löwen" zu neuem Trickfilmruhm führte, zeigt noch Spaß am Job - er soll deshalb auch Vorstandschef des neuen Trickfilm-Studios werden; dem Board wird Ex-PepsiCo-CEO Roger Enrico vorstehen.

Designierter Dreamworks-Animation-Chef Katzenberg: 20 Millionen an Optionen und Boni
AP

Designierter Dreamworks-Animation-Chef Katzenberg: 20 Millionen an Optionen und Boni

Zugleich ist das Animationsstudio, als einziges Vorzeigestück der Company, die beste Chance für damalige Großinvestoren wie Microsoft-Mitbegründer Paul Allen, ihr Risikokapital eines Tages wieder zurückzubekommen. Bis Juni 2005 hat sich DreamWorks - das einen geschätzten Gesamtwert von 3,25 Milliarden Dollar hat - vorgenommen, "einen Weg zur Liquidität" zu finden, um allein Allens 600-Millionen-Dollar-Einlage abzahlen zu können. Aber auch der neue Studioboss Katzenberg, der zusammen mit Geffen Vorzugsaktien bekommt, wird kräftig abkassieren: Ihm stehen nach dem Börsengang Boni und Optionen von mehr als 20 Millionen Dollar zu.

Starbucks ist überall

Doch nicht nur Analysten haben Zweifel, dass ein Börsengang für DreamWorks so märchenhaft wird wie der des Rivalen Pixar, dessen Aktie mit mehr als 66 Dollar inzwischen das Dreifache ihres Emissionspreises von 1995 erreicht hat. Hollywood-Kenner wissen, was es heißt, kreative Entscheidungen den namenlosen Aktionären, Boards und Finanzstrategen zu überlassen: "Ich habe lieber mit Studiobossen zu tun als mit Aktionären", sagt beispielsweise Oscar-Gewinner Brian Grazer, der seine Produktionsfirma Imagine 1993 an die Börse brachte, um Geld einzusammeln.

In seinem Antrag zur Neuemission gibt DreamWorks außerdem selbst zu, man habe nur "eingeschränkte Erfahrungen" damit, mehr als einen Film pro Jahr zu produzieren. "Eine signifikante Belastung unserer Ressourcen" sei deshalb möglich. Auch die Zahlen, die die Dokumente offenbaren, begeistern nicht: In den letzten fünf Jahren war DreamWorks nur zweimal profitabel, 1999 und 2001; DreamWorks Animation steht trotz "Shrek" mit 465 Millionen Dollar Verlust da.

Hinzu kommt, dass sich der Markt für Börsengänge offenbar schon wieder abkühlt. "Bei den Käufern gibt es zurzeit keinen Enthusiasmus", sagte der Börsenanalyst John Fitzgibbon dem "Wall Street Journal" - welches daraufhin prophezeite, dass mehr und mehr Firmen "erst mal abwarten werden".

Eins steht aber fest: Starbucks ist überall - im animierten Märchenland "Weit, weit entfernt", im echten Märchenland Hollywood und im neuen Board von Dreamworks Animation. Dort wird künftig auch Howard Schultz sitzen, der Chef von Starbucks.



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