Wall Street Verkaufswelle nach Zinsentscheidung

Wie erwartet hat die US-Notenbank die Leitzinsen um 25 Basispunkte gesenkt. Die Begründung der Entscheidung machte den Anlegern jedoch wenig Hoffnung auf eine baldige Konjunkturerholung. Die Aktienmärkte rutschten bis Börsenschluss tief in die Verlustzone.


REUTERS

New York - Bis zur Zinsentscheidung der Notenbank notierten die US Märkte im Plus. Um 20.15 deutscher Zeit gab die Federal Reserve Bank eine Senkung um 25 Basispunkte bekannt, auf 3,5 Prozent: Damit notieren die US Leitzinsen auf dem niedrigsten Niveau seit 7 Jahren. Die Entscheidung war allgemein erwartet worden. Seit Anfang des Jahres hat die Notenbank die Zinsen in ungewöhnlich radikalen Schritten siebenmal gesenkt, um der Konjunkturflaute in den Vereinigten Staaten entgegenzuwirken.

Die Anleger hatten sich von der Notenbank Hinweise auf ein Anziehen der US Konjunktur erhofft. Doch in ihrer Begründung der Zinsentscheidung betonte die Fed das anhaltende Risiko eines Abrutschens der US Wirtschaft in eine Rezession: Die Notenbankvertreter halten deshalb an ihrer offiziell erklärten Neigung zu weiteren Zinssenkungen fest.

"Die Nachfrage im privaten Sektor hält sich auf hohem Niveau, doch die Unternehmensgewinne und Investitionen gehen zurück. Ein immer langsameres Wachstum der Weltwirtschaft macht der US Konjunktur zusätzlich zu schaffen", hieß es in der Erklärung der Fed im Anschluß an die Entscheidung.

Star-Analystin kürzt Jahresziel für den S&P 500

Abby Joseph Cohen von Goldman Sachs trug zum Stimmungswandel an den Börsen bei: Die Star-Analystin korrigierte ihre sehr optimistische Prognose für die US Märkte nach unten. Nach ihrer Einschätzung wird der S&P 500 Index bis zum Ende des Jahres auf 1500 Punkte klettern - ein Anstieg um 28 Prozent vom gegenwärtigen Niveau. Bisher war Cohen von 1550 Punkten ausgegangen. Die Analystin reduzierte außerdem ihre Prognosen für 2002: Der durchschnittlichen Gewinn pro Aktie im S&P 500 Index soll nur noch bei 56 Dollar liegen, nach ursprünglich 61,50 Dollar.

Der Dow Jones fiel am Dienstag um 1,41 Prozent zurück, auf 10.174 Punkte. Der breiter gefächerte S&P 500 gab um 1,21 Prozent auf 1157 Zähler nach.

Die Liste der Verlierer im Dow wurde von American Express und Intel angeführt. Am besten schnitten Du Pont und Merck ab.

In ihrer Begründung der Zinsentscheidung äußerte die Notenbank Sorge vor einem möglichen Rückgang der Konsumausgaben. Die Aktien der Einzelhändler traten daraufhin die Talfahrt an: Der S&P Retail Index fiel um 2,6 Prozent zurück.

Der Discounter Target und die Bürobedarfs-Kette Staples meldeten am Dienstag Quartalszahlen im Rahmen der Markterwartungen. Zwei weitere Einzelhändler, Talbots und B.J.'s Wholesale Club, schlugen die Analystenschätzungen mit Gewinnsteigerungen im zweistelligen Bereich. Trotzdem folgten die Aktien dem Abwärtstrend der Branche: Target brach trotz eines positiven Ausblicks auf die zweite Jahreshälfte um 4,7 Prozent ein.

Der Autohersteller General Motors bekräftigte die eigene Gewinnprognose für das dritte Quartal: Das Management erwartet 83 Cents pro Aktie. Die Wall Street Analysten waren bisher nur von 81 Cents ausgegangen. Die Aktie gab trotz des positiven Ausblicks um 0,5 Prozent nach.

Der Nasdaq brach am Dienstag um 2,66 Prozent ein, auf 1831 Punkte. Der Technologieindex notiert auf dem tiefsten Stand seit viereinhalb Monaten, der Dow Jones auf einem Sechs-Wochen-Tief.

Die Liste der Verlierer im Nasdaq 100 wurde von At Home und Broadcom angeführt. Am besten schnitten die Biotech-Werte Immunex und Medimmune ab.

At Home droht Ausschluß vom regulären Börsenhandel

Bei Excite@Home (At Home) häufen sich die Gerüchte um einen Ausschluß von der Technologiebörse Nasdaq. Der Kurs war am Montag um 47,1 Prozent zurückgefallen. Am Dienstag brach Excite erneut um 14,9 Prozent ein, auf nur noch 40 Cents. Aktien, die längere Zeit unter einem Dollar notieren, werden von der Technologiebörse ausgeschlossen. Auf dem 52-Wochen-Hoch notierte der High-Speed-Internet-Provider noch bei 18,56 Dollar.

Der Kurs von Guidant schoß gegen den Trend um 10,8 Prozent nach oben: Das Medizinunternehmen will mit dem Konkurrenten Cook zusammenarbeiten, um mit Arzneimitteln beschichtete Instrumente zu vertreiben, die zur Öffnung von Arterien eingesetzt werden. Eine Reihe von Investmenthäusern stufte die Aktie am Dienstag auf, darunter Merrill Lynch, US Bancorp Piper Jaffray und Deutsche Banc Alex Brown.

Die Zinsen der 10-jährigen Staatsanleihe fielen am Dienstag um 0,02 auf 4,876 Prozent zurück. Der Dollar notierte schwächer, ein Euro kostet zur Zeit 90,96 Cents.

Von Christian Tempich, New York



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.