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KARRIEREN Walter fürs Alter

Die Riester-Rente lohnt sich - am allermeisten für ihren Erfinder Walter Riester selbst: Der Ex-Minister hält hochdotierte Vorträge für die Finanzbranche.
aus DER SPIEGEL 37/2007

Im Kreise der SPD-Bundestagsfraktion hinterließ Walter Riester stets den Eindruck eines liebenswürdigen, aber leider auch etwas demoralisiert wirkenden Kollegen. Seit er vor fünf Jahren mangels Rückhalt in den eigenen Reihen seinen Posten als Bundesarbeitsminister räumen musste, umwehte ihn ein Hauch von Melancholie. Er selbst klagte darüber, unter der Kritik an seinen Reformversuchen auch »persönlich stark gelitten« zu haben.

Umso mehr ist dem Ex-Minister zu gönnen, dass er derzeit ein atemberaubendes Comeback erlebt, der Sorge vieler Bürger vor Altersarmut sei Dank. Spitzenvertreter der deutschen Finanz- und Versicherungswirtschaft drängt es plötzlich in seine Nähe. Während viele Parlamentarierkollegen über desinteressiertes Wahlvolk klagen, kann sich Riester vor Einladungen zu Vorträgen kaum retten.

Tatsächlich trägt der Erfolg auch finanziell Früchte - Riester ist zu den Top-Verdienern im Parlament aufgestiegen. Mehr als ein Dutzend veröffentlichungspflichtiger Extrajobs mit jeweils mindestens 7000 Euro Honorar erledigte er allein zwischen Januar und Mai dieses Jahres. Dass er mit einem einzigen Vortrag inzwischen mehr verdienen kann als mit seinen Diäten im ganzen Monat, empfindet Riester als durchaus angemessen, wenngleich er sich über die exakte Höhe seiner Honorare ("mal so, mal so") lieber ausschweigt. Interessenten sind aufgefordert, ihn »einfach persönlich anzusprechen«.

Am Montag vergangener Woche war es wieder einmal so weit. Im Hilton München Park Hotel diskutierte Riester mit Bert Rürup, dem Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen und Miterfinder der nach ihm benannten Rürup-Rente. Beide sind stolz darauf, den eigenen Namen bereits zu Lebzeiten derart berühmt gemacht zu haben. Riesters Anekdote, wonach es bei Reichskanzler Bismarck, dem Begründer der Sozialversicherung, »leider nur für einen Hering gereicht hat«, quittieren seine Zuhörer regelmäßig mit Heiterkeit. Einen größeren Lacherfolg erzielt er allenfalls mit der Erwähnung seines einstigen Widersachers Peter Hartz.

Sehr ausführlich zu Wort kam auf dem Podium freilich auch Carsten Maschmeyer, Vorstandschef der Finanzvermittlungsfirma AWD. Das Unternehmen hat ähnliche Veranstaltungen mit Riester und Rürup zuvor bereits in Düsseldorf, Hannover und Leipzig großzügig gesponsert. Entsprechend augenfällig durfte AWD sein Firmenlogo im Raum plazieren.

Die Versicherungsbranche fühlt sich Riester zu großem Dank verpflichtet. Das Geschäft hat in den vergangenen Monaten kräftig angezogen. Über 1,2 Millionen Riester-Verträge wurden im ersten Halbjahr abgeschlossen; mehr als 40 000 Verträge vermittelten allein die Klinkenputzer von AWD. Auch Konkurrenten wie MLP und DVAG erwirtschaften inzwischen einen schönen Teil ihrer Provisionen mit der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge.

Riester wiederum scheint sich in seiner Rolle als Branchen-Maskottchen außerordentlich wohl zu fühlen. »Ich werbe für ein Gesetz, das ich selber gemacht habe«, sagt er. Dass seine Version der Riester-Rente ein Rohrkrepierer war und gründlicher Überarbeitung durch seinen Nachfolger sowie bereits zwei Milliarden Euro staatlicher Zulagen bedurfte, um doch noch ein Erfolg zu werden, hat er offenbar erfolgreich aus seinem Bewusstsein verdrängt.

Bei der Wahl seiner Auftraggeber ist er nicht besonders wählerisch. Die Liste der Unternehmen, die Riester gegen üppiges Honorar als Redner verpflichten konnten, umfasst Branchengrößen wie die Union Investment und Nischenanbieter wie die Volksbank Lahr eG. Für den 11. Oktober hat ihn die Sparkasse in Leverkusen für eine Kundenberatung unter dem Motto »Riester erklärt Riester« verpflichtet.

Die Volksbank Biberach entwickelte ein Plakat mit dem Konterfei des Ex-Ministers und dem Schriftzug »Walter fürs Alter«. Der Spruch hat Riester fast genauso gut gefallen wie ein Bierdeckel des Finanzdienstleisters MLP. Auf dessen Vorderseite steht eine Tabelle der staatlichen Prämien, auf der Rückseite der Slogan »Riester - lukrativ und einfach«.

Riester selbst hält es jedenfalls für völlig falsch, ihm ausschließlich finanzielle Motive zu unterstellen. Ein sehr lukratives Angebot als Werbeträger habe er abgelehnt. Bei Veranstaltungen der Partei oder der Gewerkschaften trete er selbstverständlich gratis auf.

Tatsächlich geht es dem Ex-Minister auch um eine Art Ehrenrettung. Über das geheuchelte Mitleid einiger Politikerkollegen hat sich Riester in den vergangenen Jahren sehr geärgert.

Umso schöner ist es, dass ihm inzwischen Bewunderung und sogar eine Spur von Neid entgegenschlägt. Das habe er dem Walter gar nicht zugetraut, murmelte SPD-Fraktionschef Peter Struck unlängst anerkennend im kleinen Kreis - er hatte einen Blick auf die Liste mit Riesters Nebeneinkünften geworfen.

ALEXANDER NEUBACHER

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