Wankende "Welt AG" "Der Stuhl von Schrempp ist angesägt"

Nicht nur den US-Markt wollte Daimler-Chef Jürgen Schrempp erobern, sondern auch Asien - jetzt aber muss er die Notbremse ziehen. Der Autokonzern will keine neuen Milliarden in die Sanierung des maroden Partners Mitsubishi pumpen. Die Daimler-Aktie haussiert. Analysten zweifeln offen an Schrempps Vision von der "Welt AG".

Stuttgart/Tokio - Die Entscheidung fiel spät am Donnerstag, der Aufsichtsrat hatte stundenlang getagt. Um 22.46 Uhr teilte der DaimlerChrysler offiziell mit: "Vorstand und Aufsichtsrats haben beschlossen, an der von der Mitsubishi Motors Corporation (MMC) geplanten Kapitalerhöhung nicht teilzunehmen sowie die weitere finanzielle Unterstützung von MMC einzustellen."

Seine 37-prozentigen Beteiligung an MMC will DaimlerChrysler   aber erst einmal behalten. Die Entscheidung über die Zukunft des Anteils sei noch nicht gefallen, sagte Finanzvorstand Manfred Gentz am Vormittag auf einer Telefonkonferenz.

MMC könne auch ohne finanzielle Unterstützung überleben, es bestehe keine Gefahr einer Liquiditätskrise. Die anderen Aktionäre hätten weitere Unterstützung signalisiert. "Wir sind dankbar dafür." Einen Käufer für die Anteile suche Daimler jedenfalls nicht. Zuvor war heftig darüber spekuliert worden, dass sich der deutsch-amerikanische Konzern vollständig von seinen Aktien trennen wolle.

Daimler gewinnt acht Prozent, MMC kollabiert

Wie ein Sprecher sagte, werden alle laufenden Pkw-Projekte mit Mitsubishi fortgeführt. Sie seien mit langfristigen Verträgen abgesichert. Dazu gehört sowohl die gemeinsam betriebene Motorenfabrik im thüringischen Kölleda wie auch die gemeinsame Fertigung des smart forfour und des Mitsubishi Colt im holländischen Born. Auch die Zusammenarbeit von Mitsubishi und Chrysler bei verschiedenen Pkw-Modellen werde fortgesetzt.

Mit Begeisterung haben deutsche Anleger reagiert. Die Titel von DaimlerChrysler lagen am Vormittag 8,3 Prozent im Plus bei gut 39 Euro. Die in Deutschland gehandelten Mitsubishi-Titel brachen gleichzeitig um rund 35 Prozent ein. In Tokio waren die Papiere des japanischen Fahrzeugbauers nach einem Kursrutsch von 25 Prozent vom Handel ausgesetzt worden. Im Zuge des Daimler-Kurssprungs verteuerten sich die Aktien der Deutschen Bank um 1,7 Prozent auf 72,06 Euro. Das Finanzinstitut ist mit rund zwölf Prozent an dem Autobauer beteiligt.

Trotz der Kursgewinne - Händler und Analysten fragten sich, wie es bei der "Welt AG" weiter gehen soll. "Die Entscheidung stellt die gesamte Strategie von DaimlerChrysler in Frage", kommentierte Analyst Michael Punzet von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP). Sein Kollege Henrik Lier sagte: "Das ist das erste Mal, dass sich Daimler gegen die Strategie eines Weltkonzerns entschieden hat."

Zwei-Milliarden-Beteiligung an Mitsubishi dürfte abgeschrieben werden

DaimlerChrysler drohen nach Einschätzung der Fondsgesellschaft DWS Belastungen in Milliardenhöhe. "Die Beteiligung von 37 Prozent an Mitsubishi muss der Konzern abschreiben", sagte DWS-Geschäftsführer Klaus Kaldemorgen, dem "Tagesspiegel" (Samstagausgabe). DaimlerChrysler hatte für seine Mitsubishi-Beteiligung im Jahr 2000 rund 2,1 Milliarden Euro bezahlt.

Kaldemorgen zeigte sich überrascht von der Kehrtwende des Konzerns in Japan. Die Entscheidung zeige, dass der Vorstand in der Lage sei, Fehlentscheidungen zu korrigieren. "Es war nicht zu spät", meint Kaldemorgen. Der DWS-Fondsmanager hatte den DaimlerChrysler Vorstand während der Hauptversammlung unter anderem wegen des Engagements bei Mitsubishi scharf kritisiert.

Schrempps sonntäglicher Rettungsversuch

Selbst eine Trennung von der defizitären US-Sparte Chrysler wird von Börsianern inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. "Wenn Chrysler in den kommenden Quartalen die Ertragswende nicht schafft, wird sicher auch diese Beteiligung zur Disposition gestellt", sagte Punzet. Andere Börsianer äußerten sich ähnlich. Gentz hingegen betonte, an der globalen Strategie des Konzerns werde festgehalten.

Inzwischen wird auch die Frage nach der Zukunft Schrempps wieder lauter gestellt. "Der Stuhl von Schrempp ist angesägt", sagte der LRP-Analyst.

Dabei soll Jürgen Schrempp selbst im Aufsichtsrat den Rückzug bei MMC vorgeschlagen haben. Er werde auf jeden Fall Konzernchef bleiben, hieß es. Am Sonntag hatte sich Schrempp Agenturberichten zufolge in Japan informiert und dort mit den anderen MMC-Eignern verhandelt - ergebnislos.

Hätte Daimler sich bei der Sanierung des japanischen Konzerns stärker engagiert, hätte dies auf eine mehrheitliche Übernahme hinauslaufen können. Daimler wäre dann gezwungen gewesen, die Schulden der Japaner in seiner eigenen Bilanz zu konsolidieren - angesichts der seit Jahren andauernden Kursschwäche der Daimler-Aktie keine verlockende Aussicht.

Rätseln über Rolle der Deutschen Bank

Finanzchef Gentz betonte, die Großaktionäre von DaimlerChrysler hätten keinerlei Druck ausgeübt. Weder die Deutsche Bank noch Anteilseigner Kuweit hätten sich dazu geäußert, ob DaimlerChrysler neues Geld für MMC zuschießen soll oder nicht. Zuvor hatte die japanische Zeitung "Nihon Keizai" unter Berufung auf verhandlungsnahe Kreise gemeldet, die Entscheidung der Stuttgarter sei auf Widerstand der Deutschen Bank und der Arbeitnehmervertreter zurückzuführen. Beide Gruppen sollen sich gegen den Restrukturierungsplan für MMC ausgesprochen. Bisher gilt der frühere Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper, jetzt Aufsichtsratschef bei DaimlerChrysler, als wichtigste Stütze Jürgen Schrempps.

Nach dem Ergebniseinbruch von MMC im Geschäftsjahr 2003/04 hatte DaimlerChrysler ein hochkarätiges Management-Team nach Tokio geschickt, um einen Sanierungsplan zu erarbeiten. "Dabei konnte keine Lösung gefunden werden, die zu einem für DaimlerChrysler akzeptablen Ergebnis führt", hieß es jetzt dazu. Noch auf der Hauptversammlung Mitte April in Berlin hatte Jürgen Schrempp seine Strategie der "Welt AG" verteidigt. Aktionäre und große Investmentfonds hatten heftige Kritik an der Mitsubishi-Beteiligung geübt.

Den "Braindrain" aufhalten

Inzwischen heißt es, dass smart-Chef Andreas Renschler nicht für weitere Aufgaben bei MMC zur Verfügung stehe. Renschler war Kopf des Saniererteams und war schon als neuer CEO von Mitsubishi Motors gehandelt worden, nachdem der bisherige MMC-Chef Rolf Eckrodt die Krise nicht in den Griff bekommen hatte. DaimlerChrysler leidet bereits seit einiger Zeit darunter, dass deutsche Spitzenmanager zu Sanierungsarbeiten in Amerika und Japan abbestellt werden müssen und für die deutschen Kernmarken nicht zur Verfügung stehen.

Gentz sagte, DaimlerChryslers Asienstrategie komme jetzt auf den Prüfstand. Es gebe allerdings noch keine Entscheidung, wie diese künftig aussehen werde. "Es ist zu früh für genaue Details."

MMC hat nach verschiedenen Aussagen Schrempps eine wichtige Rolle in seiner Asienstrategie gespielt. Sein erklärtes langfristiges Ziel ist es, 25 Prozent aller Verkäufe in Asien zu erzielen. Derzeit sind es rund zehn Prozent.

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