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29. Mai 2009, 17:29 Uhr

Warenhauskonzern

Prüfer lehnen Staatshilfe für Arcandor ab

Von Karsten Stumm

Arcandor droht die Insolvenz: Nach Informationen von manager-magazin.de sprechen staatlich eingesetzte Wirtschaftsprüfer dem Warenhauskonzern die nötige Substanz für die erhoffte Staatsbürgschaft ab. Damit wird es für das Unternehmen schwer, die Pleite abzuwenden.

Essen - Es ist ein Papier, das das Ende von einem der prominentesten deutschen Unternehmen besiegeln könnte: Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) haben Arcandor in einem Gutachten die Eignung für Staatshilfen abgesprochen. Das hat manager-magazin.de aus Unternehmenskreisen erfahren. Arcandor selbst wollte bisher nicht Stellung nehmen, PwC ebenfalls nicht. manager-magazin.de liegt das Gutachten in Auszügen vor.

Karstadt-Mitarbeiter beim Protest: "Bürgschaft mit erheblichen Risiken behaftet"
DDP

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Dabei kommen die Wirtschaftsprüfer in ihrer Untersuchung zu folgenschweren Schlüssen: Die Bürgschaftsübernahme sei mit erheblichen Risiken behaftet, schreiben sie. Der Konzern verfüge mittlerweile praktisch über keine freie Substanz mehr. Darüber hinaus könnten künftige Beteiligungsverkäufe zu erheblichen Buchverlusten führen.

Schließlich widersprechen die PwC-Prüfer der Behauptung des Unternehmens, es sei durch die Finanzkrise in Schwierigkeiten geraten - was als Voraussetzung für Bundeshilfen gilt. Arcandor befinde sich vielmehr seit Jahren in Schwierigkeiten, wodurch die Liquidität des Unternehmens stetig aufgezehrt worden sei, urteilen die PwC-Prüfer rigoros.

Prüfergebnis setzt Eick unter Druck

PricewaterhouseCoopers ist nach Angaben des Wirtschaftsministeriums eine der Gesellschaften, die für die Bundesregierung prüfen sollen, ob Unternehmen, die in Berlin einen Antrag auf Staatshilfe aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise gestellt haben, überhaupt den Kriterien dafür genügen.

Das Ergebnis dieser Prüfung setzt Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick nun erheblich unter Druck. Am Donnerstag hatte sich der interministerielle Bürgschaftsausschuss der Bundesregierung erstmals vertraulich mit dem Antrag von Arcandor auf Staatsbürgschaften über 650 Millionen Euro befasst, hat das Bundeswirtschaftsministerium bestätigt. Eick sagte anschließend, diese Gespräche seien "sehr gut verlaufen".

Der Aktienkurs des Unternehmens stieg daraufhin bis Freitag Nachmittag in der Spitze um etwa zehn Prozent auf 2,34 Euro. Bis zum Xetra-Schluss rutschte das Papier dann aber um rund 10 Prozent ins Minus und schloss als schwächster MDax-Wert bei 1,91 Euro.

Händler führten den Aufschwung am Vormittag vor allem auf die vermeintlich gestiegenen Aussichten für Staatsbürgschaften für Arcandor zurück. Doch genau gegen diese Bürgschaften haben sich nach Informationen von manager-magazin.de jetzt die PwC-Wirtschaftsprüfer der Bundesregierung ausgesprochen.

Das aber könnte kritisch werden für den Warenhauskonzern, denn Arcandor muss bis zum 12. Juni Kredite in Höhe von 650 Millionen Euro bei seinen drei großen Gläubigerbanken BayernLB, Dresdner Bank und der Royal Bank of Scotland refinanzieren. Alle drei verlangen ein Sanierungskonzept für die defizitären Karstadt-Warenhäuser und den Quelle-Versandhandel sowie eine Absicherung der Kredite durch den Staat. "Wenn wir die Bürgschaft nicht erhalten, stünde Arcandor vor der Insolvenz", hatte Eick deshalb bereits vor Wochen zugegeben.

Aufgrund der Brisanz des staatlichen Prüfungsergebnisses hat der Arcandor-Vorstand das Ergebnis der PwC-Untersuchung dann auch umgehend an eigene Berater weitergeleitet. Nach Informationen von manager-magazin.de wurden unter anderem unverzüglich Partner des Berliner Beraterteams der Unternehmensberatung Roland Berger in Kenntnis gesetzt sowie Berliner Partner der internationalen Anwaltssozietät Wilmer Hale, deren Sitz in der Bundeshauptstadt nur wenige Schritte vom Brandenburger Tor entfernt liegt.

Kritisch könnten sich für Arcandor nun auch die Kreditverhandlungen mit der staatseigenen Förderbank KfW entwickeln. Arcandor hat dort neben der Bitte um Bundesbürgschaften nach eigenen Angaben einen Antrag auf Darlehen in Höhe von mehr als 200 Millionen Euro gestellt. Die PricewaterhouseCoopers-Prüfer urteilten in ihrer Stellungnahme allerdings, Investments in Arcandor seien "für Banken nicht werthaltig". Arcandor aber gibt an, dass sowohl die Bürgschaften als auch der Millionenkredit nötig seien, um das Unternehmen vor der Pleite zu retten.

Karstadt mobilisiert Öffentlichkeit

Karstadt hat deshalb am Freitag eine bundesweite Unterschriftenaktion in seinen Kaufhäusern begonnen und Kunden um Unterstützung für die überlebenswichtige staatliche Hilfe gebeten. In der Essener Innenstadtfiliale der Kaufhauskette beispielsweise wollen die zwei Oberbürgermeister-Kandidaten der Ruhrgebietsstadt an der Aktion teilnehmen, hat das Gesamtbetriebsratsmitglied Gabriele Schuster des Essener Warenhauskonzerns bestätigt. Arcandor hat wiederholt darauf hingewiesen, dass im Falle der Insolvenz mehr als 50.000 Arbeitsplätze in Deutschland bedroht seien.

Das PwC-Gutachten bringt allerdings nicht nur das Unternehmen Arcandor und dessen Managementteam um Vorstandschef Eick in Zugzwang. Es dürfte auch SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier stark unter Druck setzen. Der Vizekanzler sagte jüngst, die Haltung der Union zu Arcandor laufe auf "Pleite und anschließend eine Leichenfledderei" hinaus. Ihm war daraufhin "Wahlkampfrhetorik" vorgehalten worden. Die PwC-Gutachter kommen nun in ihrer Prüfung zu dem Schluss, dass Arcandor schlicht nicht die wirtschaftlichen Voraussetzungen biete, um Steuergelder in das Unternehmen zu stecken.

Die endgültige Entscheidung über Staatshilfen für Arcandor wird im sogenannten Lenkungsausschuss und Lenkungsrat des Bundes getroffen. Die Sitzungstermine dafür stehen nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums noch nicht fest. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat jedoch die zügige Prüfung des Arcandor-Antrags auf Staatshilfe zugesagt.

Fusion mit Kaufhof?

Parallel verhandelt der Arcandor-Vorstand aber auch über eine Fusion seiner Warenhauskette Karstadt mit dem Konkurrenten Kaufhof. Zusammen kämen Karstadt und Kaufhof in der Bundesrepublik auf mehr als 200 Warenhäuser und rund 38.000 Mitarbeiter, von denen im Zuge der Fusion aber anscheinend viele Filialen geschlossen und Mitarbeiter entlassen würden.

Arcandor-Chef Eick und Eckhard Cordes, Chef der Kaufhof-Mutter Metro , haben sich nach eigenen Angaben bereits getroffen, um die Möglichkeiten einer Fusion der beiden Kaufhausketten zu einer "Deutschen Warenhaus AG" auszuloten.

Arcandor-Sprecher haben allerdings am Freitag erneut betont, dass es diese Warenhausallianz nicht auf der Grundlage der Insolvenz von Arcandor oder Karstadt geben werde. Die allerdings ist durch das Ergebnis des PwC-Prüfberichts zumindest erheblich wahrscheinlicher geworden.

Arcandor: "Sanierungsfähigkeit ist festgestellt"

Arcandor nahm am Freitag Abend zu dem Bericht von manager magazin.de Stellung. Die zitierten Aussagen würden "nicht die gestrige Diskussionsgrundlage im Bürgschaftsausschuss" widerspiegeln, erklärte das Handelsunternehmen. Aussagen würden "aus dem Zusammenhang gerissen und einseitig dargestellt." Natürlich bestünden im aktuellen Wirtschaftsumfeld Risiken. Die Sanierungsfähigkeit von Arcandor sei durch ein aktuelles Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG vom 20. Mai gerade erst festgestellt worden.

Mit Material der Nachrichtenagenturen

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