Warnstreik bei Allianz "Wer nicht kämpft, hat schon verloren"

Die Allianz will 5000 Stellen streichen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Überall im Land haben heute Mitarbeiter protestiert. Auch in Hamburg gab es einen Warnstreik - obwohl der Versicherer hier sogar neue Jobs schaffen will.

Von Marleen Gründel


Hamburg - "Wir leben in einem Land voller Egoisten und Sie, Herr Diekmann, sind das beste Beispiel dafür." Dieses Zitat aus dem Brief einer Allianz-Kundin an den Vorstandsvorsitzenden Michael Diekmann, das von einem Betriebsratsmitglied auf einer Kundgebung in Hamburg vorgelesen wurde, sprach wohl allen anwesenden Mitarbeitern aus der Seele.

Streik vor Allianz-Gebäude (in Hamburg): Versicherer verliert pro Jahr 100.000 Kunden
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Streik vor Allianz-Gebäude (in Hamburg): Versicherer verliert pro Jahr 100.000 Kunden

700 Allianz-Mitarbeiter hatten sich heute in Hamburg versammelt, um mit einem Warnstreik gegen den geplanten Stellenabbau des Versicherungskonzerns zu protestieren. Insgesamt will die Allianz 5000 Arbeitsplätze in Deutschland streichen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu verbessern. Derzeit verliere der Versicherer jährlich 100.000 Kunden und damit kontinuierlich Marktanteile, begründete Diekmann den Sparkurs.

Doch dass der Konzern den Stellenabbau trotz Milliardengewinnen durchführen will, stößt bei Arbeitnehmern und Gewerkschaften auf Kritik. "Die Allianz sollte Kunden werben und nicht Aktionäre", rügt Uwe Grund, der stellvertretende Landesleiter der Gewerkschaft Verdi, auf der Hamburger Kundgebung den Vorstand. "Wo bleibt die Verantwortung gegenüber dem Standort Deutschland und vor allem gegenüber den Menschen?"

Das fragen sich wohl auch die anwesenden Allianz-Mitarbeiter. Mit Trillerpfeifen und Plakaten machen sie ihrem Ärger direkt vor der Hamburger Niederlassung Luft. Viele von ihnen tragen Verdi-Plaketten mit der Aufschrift "Mensch nicht Kostenfaktor".

Hamburg komme dabei noch glimpflich davon, meint Unternehmenssprecher Christian Teichmann. Hier sollen durch die Umstrukturierung angeblich sogar 170 neue Stellen entstehen.

Der Betriebsrat sieht das jedoch ganz anders. "Einerseits gehen die Bereiche Post und Telefonservice nach Leipzig beziehungsweise Berlin, andererseits werden mindestens 500 Kollegen aus Köln nach Hamburg versetzt", so ein Arbeitnehmervertreter. "Grob geschätzt ist deshalb von unseren Mitarbeitern jeder Zweite bis Dritte durch die Neuordnung bedroht."

"Warnstreiks sind rechtswidrig"

Den Betriebsrat ärgert vor allem die Art und Weise, wie der Umbau durchgesetzt werden soll. "Dass sich der Konzern den neuen Zeiten anpassen muss und dies lieber in finanziell starken Zeiten macht, kann ich verstehen, aber so etwas kann gemeinsam mit den Mitarbeitern gestaltet werden und nicht gegen sie."

Doch statt mit den Kollegen zusammenzuarbeiten, stellte der Vorstand die Mitarbeiter vor vollendete Tatsachen – und dass erst nachdem die meisten Angestellten die schlechte Nachricht bereits aus den Medien oder dem hausinternen Intranet erfahren hatten.

Dem Betriebsrat zufolge soll die Zentrale in München für diese "Frechheit" verantwortlich sein. Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter hatten sich am Mittwochabend vergangener Woche darauf geeinigt, den Stellenabbau am nächsten Tag gemeinsam zu verkünden, und zwar nachdem die Mitarbeiter darüber informiert worden waren. Doch der Vorstand brach die Vereinbarung und veröffentlichte die Presseerklärung bereits vorher.

Auch der Betriebsrat fährt nun eine härtere Gangart. "Diese fahrlässige Missachtung der Mitarbeiterrechte spiegelt den derzeitigen Umgang des Managements mit der Belegschaft wider", so der Arbeitnehmervertreter.

Um seiner Meinung Nachdruck zu verleihen, zieht der Hamburger Betriebsrat auf der Kundgebung einen Brief der Konzernführung aus der Tasche hervor, der gestern an alle Allianz-Mitarbeiter verteilt wurde. Darin untersagt der Vorstand die Warnstreiks mit der Begründung, diese seien auf Grund eines geltenden Tarifvertrages rechtswidrig.

"Kampflos geben wir nicht auf"

Doch die Mehrheit der Hamburger Allianz-Mitarbeiter ließ sich von der Drohung nicht abschrecken und erschien zu der von Verdi organisierten Kundgebung. "Vielleicht können wir den Vorstand durch unsere Aktionen zumindest zum Nachdenken bewegen und dadurch eine sozialverträgliche Umstrukturierung erreichen", so der Arbeitnehmervertreter.

Denn den Stellenabbau komplett verhindern, das wissen auch die Allianz-Mitarbeiter, werden sie sicherlich nicht. Doch wie heißt es so schön im Gewerkschaftsjargon: "Wer nicht kämpft, hat schon verloren".



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