Warnung der Industrie Deutschlands Geschäften geht die Milch aus

Der Milchstreik erreicht jetzt auch die Verbraucher: "Es gibt Lieferengpässe, und sie nehmen stündlich zu", warnt der Molkereiverband. Ab diesem Dienstag, spätestens ab Mittwoch, werde die Milch knapp. Den Bauern drohen indes Klagen - das Kartellamt prüft, ob ihr Boykott illegal ist.

Berlin - Der Streik der Milchbauern eskaliert. Erstmals geben die großen Molkereien zu, dass Milch in Deutschland knapp wird - und zwar schon an diesem Dienstag, spätestens aber am morgigen Mittwoch.

"Dann ist Schicht. Es gibt Lieferengpässe, und sie nehmen stündlich zu", sagt Eckhard Heuser, Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbands (MIV), in der "Financial Times Deutschland". Dies betreffe sowohl frische Milch als auch H-Milch. Der MIV vertritt große Milchverarbeiter wie etwa Nordmilch oder Humana, die von den Lieferungen der Bauern abhängig sind. In den vergangenen Tagen gerieten die Unternehmen durch den Streik der Landwirte in Bedrängnis.

Die Großmolkerei Ehrmann zum Beispiel muss ihre Produktion an diesem Dienstag einstellen, falls die Blockaden der beiden Werke andauern. Dies berichtet die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf die Geschäftsführung. Dem Blatt zufolge klagen erste Handelsketten bereits über Engpässe bei Milchprodukten.

Auch andernorts wurde die Anlieferung von Rohmilch verhindert, ebenso wie die Auslieferung von Frischmilch, Käse und Quark. Teilweise mussten Polizisten Straßensperren räumen. Eine blockierte Molkerei in Mecklenburg erstattete Anzeige gegen die streikenden Bauern. Das Unternehmen wirft den Landwirten Nötigung und schwere Eingriffe in den Straßenverkehr vor, wie die Staatsanwaltschaft Schwerin bestätigte.

Nach Einschätzung des Milchindustrieverbandes haben die Bauern in den vergangenen Tagen weniger als die Hälfte der sonst üblichen Milchmenge geliefert. Allein in Nordrhein-Westfalen blockierten Milchbauer fast alle Molkereien. Dauern die Boykotte an, werde es in dem Bundesland "in zwei Tagen leere Kühlregale" geben, sagte Gerd Krewer, der Sprecher der Landesvereinigung Milchwirtschaft, in der "WAZ".

Die Molkereien drohen den protestierenden Bauern nun mit Klagen. "Die Boykotte sind illegal. Und Illegales muss man mit dem Gesetz bekämpfen", sagte Eberhard Hetzner, Hauptgeschäftsführer des Milchindustrieverbands, in der "WAZ".

Auch mit dem Bundeskartellamt könnten die Bauern Ärger bekommen. Die Behörde prüfe, ob der Aufruf des Bundesverbands der Milchviehhalter zum Lieferstopp als Boykottaufruf zu werten sei, sagte Sprecherin Silke Kaul dem "Tagesspiegel". Dies sei nach Paragraph 21 des Wettbewerbsgesetzes rechtswidrig. Sollte sich der Verdacht bestätigen, drohten dem Verband Bußgelder in Millionenhöhe.

CSU-Chef Erwin Huber forderte die Verbraucher indes zu Solidarität mit den Bauern auf. "Auch Qualität hat ihren Preis, nehmt nicht jede Ramschware", sagte er.

Seit vergangenem Dienstag protestieren Bauern mit einem Lieferboykott gegen die Milchpreise, die aus ihrer Sicht zu niedrig sind. Die Landwirte fordern bundesweit einen Literpreis von 43 Cent. Derzeit werden je nach Region zwischen 27 und 35 Cent gezahlt.

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) kündigte einen "Milchgipfel" an, sobald der Streit zwischen Milchbauern und Industrie beendet sei. Aus dem aktuellen Streit werde sich die Politik aber heraushalten.

In der Schweiz gab es unterdessen eine Einigung. Die dortigen Milchproduzenten konnten mit ihren Protesten eine Preiserhöhung durchsetzen: Zum 1. Juli erhalten die Bauern pro Kilo Milch sechs Rappen (knapp vier Cent) mehr. Diesen Kompromiss handelte der Verband Schweizer Milchproduzenten in der Nacht zum Dienstag mit den Molkereien aus. Der neue Preis gelte fest für sechs Monate.

wal/dpa-AFX/AFP/AP

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